Messerattacke
Erstes Opfer von Fabrice A.: «Ich wollte nur noch lebend davonkommen»

Er verletze sie mit einem Messer, fesselte und vergewaltigte sie. Fünf Jahre sass Fabrice A. nach seinem ersten Vergewaltigungsfall hinter Gitter. Nun meldet sich das erste Opfer des Killers von Adeline M. zu Wort.

Roman Michel
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Fabrice A. in Polen

Fabrice A. in Polen

Keystone

Die «schrecklichen Erinnerungen» seien nach der Flucht aus dem Gefängnis und der Ermordung der Sozialtherapeutin Adeline M. wieder aufgestiegen. «Am Samstag erhielt ich einen Anruf der Polizei. Sie bat mich, meinen Wohnort für ein paar Tage zu verlassen», erzählt Danièle der welschen Zeitung «Le Matin». Als sie erfuhr, dass Fabrice A. nur 40 Kilometer von ihr entfernt gesichtet wurde, geriet sie in Panik. Albträume raubten ihr den Schlaf.

Gemeinsamer Segeltrip auf dem Genfersee

Rückblende: Im August 1999 will Danièle einige Freunde in Südfrankreich besuchen. Die Ablenkung kann ihr nur gut tun: Ihre Schwester ist vor kurzer Zeit verstorben, zudem hat sie sich gerade von ihrem Freund getrennt. Auf dem Weg in den Süden macht Danièle einen Abstecher nach Genf, um ihrem grossen Traum nachzugehen: «Ich träumte davon, Stewardess zu werden».

Als sie mit ihrem Hündchen am See entlang spaziert, trifft sie auf einen jungen Mann: Fabrice A., der letzte Woche Adeline M. ermordete und danach quer durch Deutschland floh. «Er sah ganz normal aus und fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm einen Segeltrip zu machen», erzählt Danièle. «Seine Schwester hat sich das Bein gebrochen und er sagte, er brauche noch eine zweite Person für den Ausflug».

Trotz einem mulmigen Gefühl, sagt Danièle schliesslich zu. Auf dem Boot gab ihr Fabrice A. an, dass seine Mutter Stewardess sei und ihr sicher helfen könne, eine Stelle zu finden.

Nach dem gemeinsamen Segelausflug zeigt ihr Fabrice A. die Stadt. «Er führte mich zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten und wusste immer etwas zu erzählen», beschreibt Danièle die private Stadtführung in ihrem Auto. «Er verhielt sich sehr anständig und wusste sich gut auszudrücken.» Die ganze Zeit habe er ihr über die Geschichte der Schweiz erzählt und eroberte so ihr Vertrauen.

Fondue vor dem Ausflug in die Rebbergen

Nach einem gemeinsamen Fondueplausch im französischen Ferney will Fabrice A. der Elsässerin auch noch einen ursprünglichen Brauch aus der Region zeigen: Inmitten der Reben gäbe es zu dieser Jahreszeit versteckte Weinflaschen, die man trinken könne, wenn man sie finde. Danièle händigte ihm ihre Autoschlüssel aus und zusammen machten sie sich auf den Weg.

«Es war dunkel und fing an zu regnen», erzählt sie, «ich merkte das es komisch wurde. Als wir anhielten, sagte ich ihm, er solle mir die Autoschlüssel geben. Da zückte er ein Messer.» Danièle versuchte es auf humorvolle Art und Weise und sagte: «Hopp, schneide mir die Kehle durch.» Doch schon bald wurde ihr ihre Situation immer deutlicher bewusst: «In seinem Blick war das absolut Böse, ich wollte nur noch lebend davonkommen.» Fabrice A. legte ihr Handschellen an. Auch die Behauptung, sie habe Aids, konnte Fabrice A. nicht abschrecken. Er hatte Kondome dabei.

Fabrice A. verletzte Danièle mit dem Messer, vergewaltigte sie und zwang sie zu Oralverkehr. Danach sagte er: «Scheisse, ich kam zu schnell». Mit dem Auto seines Opfers floh Fabrice A. Ein vorbeifahrender Autolenker brachte Danièle schliesslich zur Polizei, wo sie Anzeige erstattete.

Trauma bis heute

Ein Jahr später wurde der Täter zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. «Ich war empört», sagt Danièle, «zum Glück legte der Staatsanwalt sein Veto ein und konnte die Strafe auf fünf Jahre verlängern.» Die brutale Vergewaltigung hat trotzdem ihre Spuren hinterlassen: Bis heute konnte sich Danièle nicht mehr davon erholen. Sie ist derzeit arbeitslos und lebt nicht in einer festen Partnerschaft.

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