Erschwertes Gedenken an 9/11

Acht Jahre nach 9/11 gibt es in Shanksville keine richtige Gedenkstätte für die Opfer des Fluges 93. Der Grund: halsstarrige Landbesitzer.

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11. September Shanksville.jpg

11. September Shanksville.jpg

Keystone

Renzo Ruf, Shanksville

Den beiden älteren Amerikanern hat es die Sprache verschlagen; er hält den Kopf leicht gebeugt, während sein Fuss auf der halbhohen Abschrankung ruht. Sie schaut gedankenverloren in die Ferne. Dort, in fast 500 Meter Entfernung, flattert eine amerikanische Flagge im starken Wind. Im grossen Feld wirkt sie seltsam verloren.

Und doch ist das Sternenbanner und eine Gedenktafel alles, was in Shanksville, Pennsylvania, an die Absturzstelle von Flug 93 erinnert - und was die jährlich rund 150 000 Besucher der temporären Gedenkstätte zu sehen bekommen. Das Betreten des Feldes, auf dem am 11. September 2001 das von Terroristen gekaperte Flugzeug abstürzte, ist für Unbefugte streng verboten.

An 9/11 befand sich die Boeing 757 der Gesellschaft United Airlines auf dem Weg in die Hauptstadt Washington, als sich die Passagiere kurz vor 10 Uhr dazu entschieden, die Entführer zu überwältigen und das Cockpit zu stürmen. «Let ́s roll!», soll ein Passagier gemäss Tonbandaufzeichnungen noch geschrien haben - dann stürzte das Flugzeug mit einer Geschwindigkeit von fast 1000 Kilometern pro Stunde ab. Alle 33 Passagiere, die 7 Crewmitglieder und die 4 Entführer starben.

Trotz der heroischen Geschichte ist der Absturzort seit Jahren Schauplatz eines heftigen Streits, in dem die Familienangehörigen der Terroropfer, die Landbesitzer und die amerikanische Regierung die Hauptrolle spielen. Die Angehörigen warten schon lange darauf, dass der National Park Service seinen Auftrag erfüllt und eine permanente Gedenkstätte erstellt.

Tatsächlich sind die entsprechenden Pläne seit vier Jahren ausgearbeitet: Sie sehen ein über 900 Hektaren grosses Ehrenmal vor, das den Trauernden den Zugang zur Absturzstelle ermöglichen würde. Auf dem eigentlichen Friedhof, genannt Sacred Ground, wären Besucher aber weiterhin nicht erwünscht. Das Mahnmal soll 58 Millionen Dollar kosten. Geplanter Eröffnungstermin: 2011.

Doch die Umsetzung der Pläne stockt: Acht Landbesitzer weigerten sich bisher beharrlich, ihre Grundstücke zu verkaufen. Den Zorn der Angehörigen der Opfer zog dabei vor allem Mike Svonavec auf sich. Dem Besitzer eines lokalen Steinbruchs gehören 110 Hektaren im Zentrum des Absturzgebiets. Die Angehörigen werfen ihm nun vor, aus den tragischen Ereignissen vom 11. September Kasse machen zu wollen. Durch sein Zuwarten versuche er den Verkaufserlös für sein Land in die Höhe zu treiben, weil er wisse, dass der Bau des Denkmals ohne seine Parzelle, auf der sich der «Sacred Ground» befindet, nicht möglich ist. Um wie viel Geld es sich handelt, ist nicht bekannt: Herumgeboten werden Zahlen zwischen 250 000 und 10 Millionen Dollar.

Svonavec beteuert, diese Gerüchte träfen nicht zu. Über seine Preisvorstellungen will er aber öffentlich nicht Stellung nehmen. Stattdessen empört er sich darüber, dass ihm Washington im Nacken sitzt: Die Regierung droht ihm mit der Enteignung seines Landes - ein entsprechendes Gesetz wurde vom nationalen Parlament im Herbst 2008 verabschiedet, obwohl Enteignungen im freiheitsliebenden Amerika höchst umstritten sind.

Dieser Druck scheint nun Wirkung zu zeigen. Rechtzeitig zum achten Gedenktag der Anschläge verkündete Innenminister Ken Salazar einen Durchbruch in den Verhandlungen. Nach zwei Ausflügen ins Hinterland von Pennsylvania gab der volkstümliche Innenminister bekannt, dass sieben der acht Landbesitzer zu den Preisvorstellungen der Regierung Ja gesagt hätten. Und der Innenminister präsentierte auch eine einvernehmliche Lösung für den stursten Landbesitzer: Svonavec habe eingewilligt, einen Richter den Wert seines 110 Hektaren grossen Grundstücks festlegen zu lassen.
Der Direktor des National Park Service rechnet nun damit, dass die Verhandlungen bis Mitte Oktober abgeschlossen werden. Insgesamt wird die Regierung 9,5 Mio. Dollar ausgeben. Die Bauarbeiten sollen bereits im November beginnen.

Das sind gute Nachrichten für die Besucher des temporären Denkmals. Das Paar, das lange in Gedanken versunken an der Abschrankung stand, geht zurück zum Parkplatz. Sie sagt: «Schade, dass wir nicht mehr zu sehen bekommen.» Er nickt.

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