1968
Ernst Bloch: "Die Globuskrawalle war eine Revolte ohne ökonomische Ursache"

Das Neue an «1968» sei eine «Revolte ohne ökonomische Ursache» zu sein. Das stellte der Philisoph Ernst Bloch fest.

christoph bopp
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Ernst Bloch

Ernst Bloch

50 Jahre sind eine runde Zahl. Und deshalb Grund und Anlass für eine Rückbesinnung. Leider kann es keine leicht verklärende Erinnerung sein. 1968 ist aktueller als nur einfach 50 Jahre her. Es ist zum Feindbild der Law-and- Order-Nostalgiker geworden. Die AfD redet vom «links-rot-grün-versifften 68er- Deutschland», von dem sie wegwolle. Und die CSU fordert eine «bürgerlich-konservative Wende» explizit «gegen die 68er». Es steht zu befürchten, dass die es auch wirklich so meinen.

Nachdem der Zürcher Stadtrat sich gegen ein autonomes Jugendzentrum im Globus-Provisorium beim Hauptbahnhof gestellt hatte, eskalierten in der Nacht vom 29. Juni 1968 die Proteste der Jugendlichen.
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Globuskrawalle
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Globuskrawalle 1968
Coop im Globus-Provisorium. Hier ereigneten sich ab dem 29.6.1968 die sogenannten Globuskrawalle.

Nachdem der Zürcher Stadtrat sich gegen ein autonomes Jugendzentrum im Globus-Provisorium beim Hauptbahnhof gestellt hatte, eskalierten in der Nacht vom 29. Juni 1968 die Proteste der Jugendlichen.

STR

Der unlängst verstorbene Philosoph Zygmunt Bauman hat sein letztes Buch «Retrotopia» betitelt. Das ist natürlich Programm und die Anlehnung an «Utopia» macht das überdeutlich. Der Mensch sei ein Wesen, das Optionen des Handelns besitze, sagt Bauman. In jedem Moment fällt er Entscheidungen, die immer für etwas und gegen vieles andere sind. Im Leben des Menschen gibt es immer dieses «Anderswo», schreibt Bauman, ja eine richtige Familie davon. Diesen «Ou-Topos», den Nicht-Ort, hat Thomas Morus wohl erfunden, um uns von der Seefahrerliteratur zu erlösen. Wir müssen nicht die Segel setzen und ins unbekannte Weite hinausfahren, wenn wir den tipptop eingerichteten Staat suchen. Wir finden ihn nicht, wir müssen ihn bei uns einrichten.

Das ist die eigentlich erschreckende Einsicht, die uns Bauman präsentiert. Die utopische, in die Zukunft drängende Dynamik, hat uns verlassen. Stattdessen droht der Richtungswechsel. Die Angst vor dem Abstieg ist nicht nur viel mächtiger als die Erfahrung des Abstiegs selbst, sie kann sich auch einstellen, ohne dass ein wirklich lebensbedrohender Abstieg droht. Wir glauben nicht mehr daran, dass es unseren Kindern einmal besser gehen wird als uns, so fasst man die Misere oft zusammen. Und will deshalb zurück, dorthin, wo es uns noch so schlecht ging, dass es uns nur besser gehen könnte?

Folgenlos und deshalb erfolglos

Wird die Kritik an den 68ern deutlicher artikuliert, wird oft eine seltsame Doppelheit sichtbar. Studenten seien sie gewesen, wenig vertraut mit der Realität der Werktätigen, die doch für den Wohlstand besorgt gewesen seien. Ihr akademisch-abgehobenes Gerede von Klassenkampf und Revolution sei deshalb realitätsleer gewesen und geblieben. Oder etwas konkreter: Der Protest stammte nicht von der Strasse, sondern aus dem gut abgeschirmten Elfenbeinturm, behaglich eingerichtet von den bürgerlich-produktiven Eltern. Daraus leitet man dann ab, dass die Protestler politisch erfolglos geblieben, ja eigentlich versagt hätten. Wo, bitte, hat 1968 etwas bewirkt? Bestenfalls im Kulturellen. Den richtigen Dreh, den besorgte «das System» dann 1989 selbst: Dass der Osten schliesslich zusammenbrach, verdanke sich gerade der Effizienz und überhaupt der Überlegenheit des Kapitalismus.

Die Satten machen Revolution?

Alle erwünschte Veränderung sei eben nicht wegen, sondern trotz der 1968er über die Bühne gegangen. Seither, so muss man schliessen, ging es fast nur noch abwärts, diesmal aber wegen der 1968er. Dass es ihre Kinder gerade und einfach anders machen sollten als sie, das fällt den 68er- Verächtern nicht ein. Dabei wäre das nicht nur die Lehre, die man akzeptieren sollte, sondern auch die Anleitung zum richtigen Erinnern anstatt des unselig-nostalgischen Jammerns.

Richtig ist, dass 1968 keine Revolution stattfand. Man machte sich gerade darüber Gedanken in den intellektuellen Gelehrtenstuben, wo denn das «revolutionäre Subjekt» geblieben sei, wenn sich die Arbeiterschaft so gut mit dem Kapitalismus abgefunden hat. «Der eindimensionale Mensch» von Herbert Marcuse sah eine Art «Eingelullt-Sein» in die Behaglichkeit der Konsumgesellschaft, die alle denkbaren Bedürfnisse befriedigen könne und die anderen gleich auch. Und es ist ja auch wahr: Der Kapitalismus funktionierte nie so gut wie in diesen 1960er-Jahren. Er bescherte den Werktätigen und allen anderen nicht nur Kühlschrank und Waschmaschine, sondern auch Auto und Fernseher. Und alle gehörten auf einmal zur Mittelschicht.

Das Versprechen immerwährender Prosperität schien eingelöst. Aber der Konsum und der Komfort waren natürlich nicht gratis. Es ist klar, die «grüne Kritik» kam erst später, in den 1970er-Jahren mit dem «Club of Rome». Die bürgerliche Welt war denn auch ziemlich ratlos. Warum sollte man auch aufbegehren? Es lief doch prächtig. Was wollen die eigentlich?, fragte man sich. Und weil es gar nichts zu wollen gab, war schnell klar, dass die Polizei dem Spuk so schnell wie möglich ein Ende setzen sollte.

So sah man auch in Zürich das Problem nicht. Das Globus-Provisorium steht nicht mehr zur Verfügung, es ist vermietet und wird bereits genutzt: kein Jugendzentrum möglich, sorry. In Frankreich waren aber bereits im Mai die Studenten auf der Strasse gewesen und hatte sich auch in den Fabriken etwas bewegt. Und in Deutschland rumorte es schon seit mehr als einem Jahr. Die Zürcher Unruhen waren, das wird immer deutlicher, eine Revolte, keine Revolution. Sie fragten nach dem Sinn, nicht nach materieller Veränderung. Sie stellten zwar «das System» infrage, aber es ging auch um Wertvorstellungen. Um Utopien – im Sinne von Morus. Wie man eigentlich leben sollte.