Energiestrategie
Erneuerbare Energien wurden bisher unterschätzt

Eine wichtige Institution befördert das schlechte Image von Ökostrom. Jetzt korrigiert sie ihre Prognosen – schon wieder

Fabian Hock
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Solaranlagen sind wie Windkraftwerke weltweit auf dem Vormarsch: 153 Gigawatt an «neuen Erneuerbaren» wurden 2015 zugebaut – ein Rekordwert.

Solaranlagen sind wie Windkraftwerke weltweit auf dem Vormarsch: 153 Gigawatt an «neuen Erneuerbaren» wurden 2015 zugebaut – ein Rekordwert.

KEYSTONE

Wenn es im Kleinen wild zugeht, hilft oft der Blick aufs grosse Ganze. Er entzerrt und gibt Orientierung. Wild geht es zu im Ringen darum, wie sich die Schweiz künftig mit Energie versorgt. Eine delikate Frage, bei der schon bei der Bestandsaufnahme aneinander vorbeigeredet wird. Das Mantra der einen: Solar-Subventionen in Deutschland haben den europäischen Energiemarkt kaputtgemacht. Die andere Seite sagt: Europas Kohle- und die Kernkraftwerke sind schuld, denn viele blieben überflüssigerweise am Netz. Eine verfahrene Lage.

Nun kann niemand ernsthaft etwas gegen saubere Energie ohne Abfälle haben. Hat auch keiner. Die Probleme seien rein praktischer Natur, sagen Kritiker: Sonnen- und Windstrom komme zu unregelmässig, sei zu teuer und reiche hinten und vorne nicht aus, um ein Land wie die Schweiz sicher zu versorgen.

Auf der anderen Seite kann ein Schweizer 2-Personen-Haushalt seinen Stromverbrauch heute für gut 100 Franken Mehrkosten im Jahr komplett auf Solarstrom umstellen, wie das Vergleichsportal Comparis vorrechnet. Noch vor drei Jahren war für das günstigste Solarstromprodukt ein Aufschlag von 20 Rappen pro Kilowattstunde fällig. Heute liegt er bei 3,7 Rappen.

Was gilt also? Sind neue Erneuerbare wirklich nicht in der Lage, eine vernünftige Alternative zu bisherigen Grosskraftwerken anzubieten? Oder handelt es sich vielmehr um einen Imageschaden, den diese mit sich herumtragen und von dem sie trotz erheblicher technischer Fortschritte noch nicht weggekommen sind?

Mitschuldige Energieagentur

Falls dem so ist, trägt eine Organisation eine erhebliche Mitschuld am flatterhaften Image des Ökostroms: die Internationale Energieagentur (IEA). Die ist nicht irgendwer in der Energiewelt. Angegliedert an die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verfügt die in Paris ansässige Institution über eine Stimme mit Gewicht. Für Energiepolitiker dienen ihre Analysen mitunter als Entscheidungsgrundlage.

Sie kann sogar mit eigenen Reserven am Ölmarkt intervenieren. Viele sahen in der IEA lange eine schützende Hand über der Atom- und Kohlekraft. Jüngere Aussagen der Agentur lösen sich in Teilen von dieser Haltung, doch als konservativ in Sachen Energieproduktion gilt die IEA nach wie vor.

Die Agentur gibt regelmässig Ausblicke auf kommende Entwicklungen am Energiemarkt. Den Erneuerbaren prophezeite sie dabei von Beginn an ein Nischendasein. So glaubte die IEA noch bis vor zehn Jahren, dass Solaranlagen im Jahr 2030 weltweit nicht über die Marke von 100 Gigawatt (GW) an installierter Leistung hinauskommen.

Zum Vergleich: Die Leistung der Schweizer Kernkraftwerke liegt zusammengenommen bei etwas mehr als drei GW. Nur vier Jahre später korrigierte sie die Schätzung auf rund 350 GW. Noch einmal vier Jahre später landete sie bei knapp 700 GW. Doch wie sich jetzt zeigt, war selbst diese massiv nach oben korrigierte Schätzung noch viel zu tief angesetzt.

In der neuesten Prognose, welche die Agentur am Dienstag veröffentlichte, schraubte sie die Zahlen abermals drastisch nach oben. Ein IEA-Sprecher begründete das bereits letzte Woche gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg so: «Die IEA hat ihre Schätzungen für den Einsatz erneuerbarer Energien im Vergleich zu den Vorjahren signifikant erhöht, was bedeutende Veränderungen in der Energiepolitik auf der ganzen Welt widerspiegelt, wie etwa die Verabschiedung des Pariser Abkommens.»

Im Ergebnis korrigierte die IEA in ihrem jüngsten Bericht über die mittelfristige Entwicklung der erneuerbaren Energien ihre Wachstumsprognose um 13 Prozent gegenüber dem letzten Jahr.

Verantwortlich ist der Boom beim Erneuerbaren-Strom: Im vergangenen Jahr wurden weltweit eine halbe Million Solarpanels installiert – pro Tag! In China wuchsen jede Stunde zwei Windkraftanlagen aus dem Boden. 2015 überholten die erneuerbaren Energien die Kohle und wurden so zur Nummer eins weltweit in Sachen installierter Leistung.

«Das vergangene Jahr markierte einen Wendepunkt für die Erneuerbaren», räumt die IEA nun ein. Angeführt von Solar und Wind waren die neuen Erneuerbaren mit dem Rekordwert von 153 GW für mehr als die Hälfte der neu installierten Kraftwerks-Leistung verantwortlich.

Wie ist dieser neuerliche Wachstumsschub zu erklären? Und warum wurden – und werden – die alternativen Energieträger so dramatisch unterschätzt?

Die staatliche Förderung ist ein wichtiger Punkt, doch sie allein als Grund herzunehmen, reicht nicht aus. Eine entscheidende Rolle spielt, dass die Technologie auf dramatische Weise günstiger wird – über die nächsten fünf Jahre um ein Viertel bei Photovoltaik und 15 Prozent bei Windkraftanlagen an Land, sagt jetzt die IEA.

Mehr fürs gleiche Geld

Wie das den Ausbau der Erneuerbaren befeuert, lässt sich am Verhältnis von Investitionen zum Zubau zeigen. Obwohl die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien seit fünf Jahren etwa auf dem gleichen Niveau verharren, nämlich bei ungefähr 300 Milliarden Dollar, stieg die neu installierte Kapazität im selben Zeitraum von jährlich etwa 90 GW auf zuletzt über 150 GW. Vor 2011 sah das anders aus: Damals stiegen Investments und installierte Leistung im Gleichschritt. Das zeigen Berechnungen von Bloomberg.

Windkraftanlagen etwa werden günstiger, zugleich kommen aber auch immer grössere Rotoren zum Einsatz, die die Effizienz der Anlagen steigern. Riesige Maschinen in den Offshore-Windparks auf dem Meer mit einer Kapazität von je sieben Megawatt seien mittlerweile Standard, lässt sich ein Energie-Experte von Bloomberg zitieren.

Diese Anlagen produzierten Strom für unter acht Euro-Cent pro Kilowattstunde. Vor einigen Jahren war das im Offshore-Bereich undenkbar. Noch günstiger produzieren Windparks an Land – und Solaranlagen an guten Standorten sowieso.

Zusätzlich drückt der steigende Konkurrenzdruck die Preise, denn mehr und mehr Länder fördern Ökostrom mittels Auktionen, bei denen der günstigste Anbieter den Zuschlag erhält.

Noch scheint das gewaltige Tempo, in dem sich die erneuerbaren Energien entwickeln, nicht überall wahrgenommen zu werden. Besonders die Technologie- und Preissprünge werden unterschätzt. Die Internationale Energieagentur nähert sich zumindest schrittweise an die Realität an.