Flüchtlinge
«Eritreer sind Wirtschaftsmigranten» – und vier weitere Behauptungen

Um Flüchtlinge aus Eritrea ranken sich viele Vorurteile und Halbwahrheiten. Fünf Behauptungen – und was davon zu halten ist.

Jonas Schmid
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Asylbewerber aus Eritrea ein einem Schweizer Durchgangszentrum.

Asylbewerber aus Eritrea ein einem Schweizer Durchgangszentrum.

Keystone

1. «Eritreer in der Schweiz sind Wirtschaftsmigranten.»

Das stimmt so nicht. Die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit ist ein wichtiger Treiber, doch die ausufernde Wehrpflicht ist für viele Eritreer der wahre Fluchtgrund. Noch immer müssen alle Bürgerinnen und Bürger zu einem Nationaldienst zwischen 18 Monaten und 18 Jahren antraben. Das beraubt die Jungen ihrer Zukunft. Ihr Versprechen, den Nationaldienst auf 18 Monate zu begrenzen, hat das Regime bis jetzt noch nicht eingehalten. Eine Kommission des UNO-Menschenrechtsrats wirft Präsident Isayas Afewerki und seiner Entourage deswegen sogar Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Das Gremium empfiehlt, Schutz suchende Eritreer als Flüchtlinge aufzunehmen, was alle europäische Länder auch tun.

2. «Schaffen es Eritreer in die Schweiz, dürfen sie sowieso hier bleiben.»

Ja, grösstenteils. 2016 behandelte das SEM bisher rund 3000 eritreische Asylgesuche. 1400 wurden als Flüchtlinge anerkannt, 1200 vorläufig aufgenommen. Die Schutzquote lag bei 88 Prozent – so hoch wie noch nie. Bei den restlichen zwölf Prozent handelt es sich in der Regel um Fälle, die in einen Dublin-Staat oder in ein Drittland zurückgeschickt werden. Nur eine Handvoll Eritreer hat bisher die Rückkehrhilfe des Staatssekretariats für Migration (SEM) in Anspruch genommen und ist freiwillig ausgereist.

3. «Eritreische Flüchtlinge machen in ihrer Heimat Ferien. Die Behörden schauen dem Treiben tatenlos zu.»

Heimreisen kommen vor, aber nicht systematisch. Das SEM meldet für letztes Jahr sieben Verdachtsfälle von Eritreern, die trotz Flüchtlingsstatus temporär in ihr Heimatland reisten. In der gleichen Periode verdächtigt das SEM 63 Iraker desselben Vergehens. Die Wahrnehmung, wonach von dem Phänomen vor allem Eritreer betroffen sind, ist also falsch. Gesetzlich ist der Fall klar: Wer in sein Heimatland zurückreist, verwirkt das Recht auf Asyl in der Schweiz. Erfahren die Behörden von einer solchen Reise und finden Belege dafür, wird die Person ausgewiesen.

4. «Die Lage vor Ort ist gar nicht so schlimm. Eritreische Flüchtlinge könnten längst in ihre Heimat zurückkehren.»

Das ist falsch. Zwar gibt es einen normalen Alltag in Eritrea. Kriegsbilder wie aus Syrien fehlen. Die Lage ist abgesehen von der Grenze zu Äthiopien ruhig. Und die Hauptstadt Asmara entzückt Touristen mit ihren Kolonialbauten. Doch die Idylle trügt: Menschenrechtsverletzungen geschehen im Verborgenen. Geheimgefängnisse sind nicht öffentlich. Ausländische Besucher bekommen nicht mit, wenn Einheimische von Sicherheitskräften gefoltert werden. Rechtssicherheit gibt es in Eritrea nicht. Jeder kann jederzeit ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis kommen. Allerdings fasste das Regime laut dem neusten Länderbericht des SEM Deserteure und illegal Ausgereiste zuletzt weniger hart an. Die Haftstrafen wurden gekürzt. Solange das Regime internationalen Organisationen aber jeglichen Zutritt zu Haftanstalten verwehrt, fehlt das Mindestmass an Vertrauen, das es braucht, um Flüchtlinge zurückzuschicken – abgesehen davon, dass Eritrea gar keine Migranten zurücknimmt. Einmal hat sich das SEM schon die Finger verbrannt: 2013 schaffte die Behörde zwei Männer nach Sri Lanka aus. Beide wurden nach ihrer Einreise inhaftiert und gefoltert. Das SEM musste einräumen, dass es die Gefährdungslage der Männer falsch eingeschätzt hatte. Die Devise der Behörde heisst seither mehr denn je: im Zweifel für den Flüchtling.

5. «Die Eritreer in der Schweiz leben überwiegend von der Sozialhilfe.»

Ja, das stimmt. Neun von zehn der in der Schweiz aufgenommenen Eritreer sind auch Jahre später nicht erwerbstätig. Erschwert wird die Integration durch eine Reihe von Faktoren: Viele von ihnen verfügen über eine geringe Bildung. Zudem sind die sprachlichen und kulturellen Barrieren sehr gross. Die meisten sind auch mit unserer Schrift nicht vertraut, sie müssen deshalb neu «alphabetisiert» werden.