PET-Recycling

Erfolgsstory gerät in Bedrängnis: «Sammeln ist nicht gleich recyceln»

Gemeinden und Private drängen mit immer neuen Sammelsystemen auf den Markt – zum Ärger des Vereins PET-Recycling.Gaetan Bally/Keystone

Gemeinden und Private drängen mit immer neuen Sammelsystemen auf den Markt – zum Ärger des Vereins PET-Recycling.Gaetan Bally/Keystone

In immer mehr Gemeinden können Plastikabfälle recycelt werden. Doch der gemischte Sammelsack sorgt beim Verein PET-Recycling für Ärger. Er kämpft mit mehr Verschmutzung und weniger Ertrag.

Aus Flasche wird Flasche: So simpel wie bestechend funktioniert das PET-Recycling. Zu 63 Prozent wird die Rivella- Flasche wieder zu dem, was sie war – der Rest wird zu Verpackungsmaterial, Textilien oder Füllstoff verarbeitet. PET gilt als Musterbeispiel für einen geschlossenen Abfallkreislauf. Öko pur und ganz dem Zeitgeist folgend, würde man meinen. Doch die typisch schweizerische Erfolgsstory ist in Gefahr.

Der Verein PET-Recycling, der das Recycling für die Getränke-Branche betreibt, schreibt rote Zahlen. Schuld daran ist einerseits der tiefe Erdölpreis, der Neumaterial gegenüber dem Rezyklat bevorzugt. Andererseits – und das ist für PET verhängnisvoller – drängen Gemeinden und Private mit neuen Sammelsystemen auf den Markt. Statt in normale Kehrichtsäcke wandern leere Shampooflaschen, Tetra Paks, Joghurtbecher und Co. in einen gebührenpflichtigen Kunststoff-Sammelsack. Dadurch werde mehr Kunststoff wiederverwertet, so das Versprechen.

Fehlwürfe nehmen zu

Bei der umweltbewussten Bevölkerung kommt das Angebot gut an. Kein Wunder, denn Recycling wird hierzulande als Volkssport betrieben: Schweizerinnen und Schweizer bringen 96 Prozent Glas, 92 Prozent Aludosen und 83 Prozent PET-Flaschen an die Sammelstellen zurück. Warum also nicht noch die Extrameile gehen und den Abfallberg weiter verkleinern? Dass mehr Kunststoffe gesammelt werden müssen, ist unbestritten.

Doch die Sammelsäcke sorgen beim Verein PET-Recycling für Unmut: «Die vielen Einzelinitiativen haben zu einer Verwirrung der Konsumenten geführt», sagt Stefan Weber von PET-Recycling. «Die Fehlwürfe haben zugenommen.» Sie führten zu Mehraufwand bei der Sortierung und minderten die Qualität, was sich letztlich negativ auf den Erlös aus dem produzierten Rezyklat auswirke. Zudem geraten PET-Flaschen in die Gemischtsäcke und entgehen so der wertvolleren Separatsammlung.

Auch sonst haben die neuen Säcke Nachteile: Sie werden im Ausland sortiert. Die Trennung ist aufwendig und teuer, ein Grossteil des Inhalts lässt sich nicht recyceln und wird wie normaler Müll verbrannt. «Sammeln ist nicht gleich recyceln», sagt Weber. Häufig sei nicht klar, was mit dem gesammelten Mischkunststoff geschehe und ob dabei tatsächlich ein Grossteil stofflich verwertet werde. Support erhält das darbende PET-System vom Genfer Ständerat Robert Cramer (Grüne). Dieser verlangt vom Bundesrat einen Bericht, der aufzeigen soll, mit welchen Massnahmen er die PET-Branche stützen will. Die kleine Kammer wird sich am Donnerstag mit dem Vorstoss beschäftigen. In seiner Antwort empfiehlt der Bundesrat die Offenlegung der Stoff- und Finanzierungsflüsse. Handlungsbedarf sieht der Bundesrat aber keinen.

Anderer Meinung ist der Grossverteiler Migros: Die bestehenden Massnahmen reichten nicht aus, um Transparenz zu schaffen, heisst es. Es brauche national einheitliche Anforderungen an Sammelsysteme und eine gute Kommunikation, um bei der Bevölkerung wieder Klarheit zu schaffen, was wo entsorgt werden kann. Migros spricht sich wie der Dachverband Swiss Recycling und die Organisation Kommunale Infrastruktur – einer Fachorganisation des Städte- und Gemeindeverbands – für das sortenreine Sammeln aus. Separatsammlungen würden mehr Sinn machen als gemischte, denn ähnlich wie Metalle können auch Kunststoffe nur sortenrein sinnvoll stofflich verwertet werden. «Es geht nicht darum, Neues zu verhindern, sondern sicherzustellen, dass bewährte Recyclingsysteme nicht kaputtgemacht werden», sagt Christine Wiederkehr von der Migros.

«Nicht dramatisieren»

«Hut ab vor der Leistung des PET-Systems», sagt Markus Tonner, Geschäftsführer von Innorecycling. Man wolle dieses keineswegs konkurrenzieren und weise in der eigenen Broschüre daraufhin, dass PET-Flaschen nicht in den Sammelsack gehören. Stichproben hätten aber gezeigt, dass lediglich 1 Prozent der PET-Flaschen in die Säcke gelangen. Tonner bedauert, «dass ein ergänzender Ansatz einfach schlechtgeredet wird».

Innorecycling aus dem Thurgau ist einer von zwei grossen Playern beim Sammeln von Haushalt-Kunststoffen. Um weniger abhängig von ausländischem Rohmaterial zu sein, hat die Firma ein eigenes System mit Sammelsäcken aufgebaut. Aus dem Recyclinggut stellt sie Polyethylen-Granulat her, aus dem später etwa wieder Plastikrohre oder Baufolien fabriziert werden. «Unsere Recyclingquote liegt bei 50 bis 70 Prozent», so Tonner. Auch ihn stören die vielen Einzelinitiativen. Man solle aber nicht dramatisieren. Das Kunststoff-Recycling befinde sich in der Findungsphase und auch bei anderen Stoffgruppen wie Papier/Karton und Grünabfällen lägen kommunal ganz unterschiedliche Lösungen vor. Doch warum der Recycling-Knatsch? Es gehe um Geld und Selbstbestimmung, vermutet Tonner. «Jedes Trennsystem ist ein eigenes Königreich, das lieber weiterwursteln will wie bisher, statt Synergien zu nutzen.»

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