Eigentlich hätte die Freude ausgelassen sein müssen. Die Freude, dass die Schweizer Fussballer die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr geschafft haben. Doch stattdessen bleiben Pfiffe. Und eine Diskussion: Wie viel Schmäh ist erlaubt? Wie viel Unterstützung sollte sein?

Die Stadt Basel war am Wochenende ziemlich grün. Die Fans aus Nordirland haben sie in Beschlag genommen. Gerne trinkend. Immer friedlich. «Wenn wir gewinnen, gibt es die grösste Party des Jahres», verkündeten sie. Um lächelnd anzufügen: «Und wenn wir verlieren, gibt es auch eine Party.» Es kam der Sonntagabend. Die Schweiz hat gewonnen. Und doch irgendwie verloren.

Die Schweiz ist ein ziemlich verwöhntes Land. Die Wirtschaft läuft. Die Arbeitslosenquote ist tief. Die Löhne dafür hoch. Und trotzdem hätte manch einer gerne mehr Geld. Die Züge in der Schweiz fahren so pünktlich wie nirgendwo sonst auf der Welt. Und trotzdem käme es niemandem in den Sinn, die SBB zu loben. Die Schweizer Medizin ist in aller Welt geschätzt. Wer operiert wird, hat die Gewissheit: alles kommt wieder gut! Und trotzdem sind Ärzte immer wieder mit nörgelnden Patienten konfrontiert.

Und plötzlich die Verblendung

Warum nur diese Unzufriedenheit? Wer Erfolg hat, ist bald gesättigt. Vielleicht ein wenig zu verwöhnt. Plötzlich dominiert ob des gewohnten Verwöhnprogramms die Unzufriedenheit, wenn im Einzelfall einmal nicht mehr alles perfekt läuft.

Genau so ergeht es in diesen Tagen dem Schweizer Fussball. Die Nati hat sich mit ihren Leistungen der Perfektion ihres Landes angenähert. Seit 2006 vier Mal in Serie an der Weltmeisterschaft dabei? Mit dieser Bilanz können nur die grössten Fussballnationen mithalten (siehe Box). Logisch, kreiert man damit eine ziemlich grosse Erwartungshaltung. Eine Erwartungshaltung, die zur Verblendung führen kann. Eine Erwartungshaltung, der man manchmal nicht ganz gerecht wird.

Das Opfer heisst in diesem Fall Haris Seferovic. Der Stürmer büsst dafür, dass sich manch ein Zuschauer in Basel von einem 0:0 zu wenig unterhalten fühlt. Wer nebenan die Nordiren erlebt, die viel Geld ausgeben, um in der Fremde ein Team zu feiern, ganz unabhängig vom Resultat, wundert sich nur noch mehr.

Doch ist eine gewisse Unzufriedenheit nur schlecht? Eine solche Schlussfolgerung greift zu kurz. Die Mentalität, mit der Gegenwart nie vollständig zufrieden zu sein, dient auch als Ansporn zur stetigen Verbesserung. Würden sich die Kunden freuen, wenn der Zug «nur» zehn Minuten zu spät fährt wie in Italien oder Deutschland – die SBB würden wohl nicht alles daransetzen, überpünktlich zu sein. Dank dem Nörgeln bleibt der innere Antrieb.

Der Basler Soziologe Ueli Mäder hat eine differenzierte Sicht zu den Pfiffen gegen Seferovic. «Natürlich wäre eine positive Fehlerkultur von uns allen wünschenswert. Die Welt geht ja nicht unter, wenn etwas nicht wunschgemäss klappt. Gleichzeitig ist die Empörung über die Pfiffe zwiespältig. Sie ist auch eine Kritik an die Adresse des eigenen Schattens.» Was das bedeutet? «Es ist richtig, wenn Captain Lichtsteiner seinen Kollegen öffentlich in Schutz nimmt. Er könnte aber auch sich selbst hinterfragen und überlegen, welches Zeichen er entsendet, wenn er permanent mit dem Schiedsrichter und anderen hadert.»

Szenenwechsel. Es ist der Tag nach der erfolgreichen WM-Qualifikation. Nationaltrainer Vladimir Petkovic sitzt in einem Hotel unweit von Basel neben Verbandsboss Peter Gilliéron. Die Pfiffe gegen Seferovic sind noch immer ein Thema. Natürlich. Weil sie nicht nur den Stürmer, sondern das ganze Team empfindlich getroffen haben.

Unmittelbar nach dem Spiel sagte Petkovic: «Ich wünschte mir, wir hätten die Fans von Nordirland.» Nachdem er einmal darüber geschlafen hat, schiebt er nach: «Manch Schweizer Zuschauer braucht vielleicht eine gewisse Erziehung. So, wie ich das mit meinen Spielern auch versuche. Man muss die Füsse auf dem Boden behalten, den Sinn für die Realität schärfen. Wir geben 90 Minuten alles für das rote Leibchen. Ein Fehler kann jedem passieren. Und ich habe auch nichts gegen Kritik – aber erst nach Ablauf der 90 Minuten.»

Man muss diese Worte nicht überinterpretieren. Aber wahrscheinlich ist der Wunsch nach Erziehung für den Zuschauer der falsche Ansatz. Das Schweizer Publikum lässt sich nicht gerne eine Stimmung verordnen. Viel eher ist es sich gewohnt, sich aktiv beteiligen zu können. Wir Schweizer, die jederzeit eine politische Initiative starten können, betrachten es auch als gutes Recht, unseren Unmut mit Pfiffen zu bekunden.

Und darum geht es für das Nationalteam immer auch um diese eine Frage: Wie lässt sich das Publikum gewinnen? Die Feststellung sei gewagt: Petkovic und sein Team sind in letzter Zeit gar nicht so schlecht unterwegs. Die Beziehung des Publikums zu seinen Fussballhelden ist intakt. Es gab in den letzten Monaten viele Spiele, da fühlte man sich bestens unterhalten, kriegte Tore zu sehen – der Erfolg ist auch im einzelnen Spiel zur Gewohnheit geworden. Positiv dazu beigetragen hat auch das stete Bemühen, nach vorne zu spielen.

Was also tun im konkreten Fall? Seferovic wäre jedenfalls gut beraten gewesen, etwas Einblick in seine Gefühlslage zu geben. Warum nicht mit einem offenen Brief. Vielleicht so: «Liebe Fans, wie ihr euch sicher denken könnt, habe ich die Tore nicht absichtlich verpasst. Ich habe mein Bestes gegeben, leider ist es mir nicht gelungen, das abzurufen, was ich könnte.

Gleichwohl schmerzt es, diese Pfiffe hören zu müssen.» Hätte er seine Tränen so erklärt, wäre eines sicher gewesen: Dass die Menschen, die gepfiffen haben, zumindest ein schlechtes Gewissen haben.

Die Schweizer Spieler in der Einzelkritik: