Bildung
Erfinder der Pisa-Studie: «Genfer Kinder sind nicht klüger als Luzerner»

Der Erfinder der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, weiss was Schulen erfolgreich macht. Er sieht für die Schweiz noch viel Luft nach oben – und sagt, wie es besser geht.

Yannick Nock
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KEYSTONE

Herr Schleicher, Ende der Primarzeit werden Genfer Schüler über 1000 Stunden mehr im Klassenzimmer verbracht haben als Luzerner. Sind Genfer klüger?

Andreas Schleicher: Nein, Genfer Kinder sind nicht klüger als Luzerner. Das hängt nicht von der Lektionenzahl ab. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzen die Kinder mehr als 60 Stunden pro Woche im Unterricht oder beim Nachhilfelehrer und das Ergebnis ist miserabel. In Finnland schaffen es die Schüler, bessere Resultate zu erzielen, und das in der Hälfte der Zeit. Ähnlich sieht es in Japan aus.

Viele Kantone wollen in der Bildung sparen. Sie könnten demnach einfach Lektionen streichen und das Ergebnis wäre dasselbe.

Wenn die Unterrichtsqualität verbessert wird, wäre das tatsächlich möglich. Aber das ist meistens nicht der Fall. Streicht man bloss einige Lektionen und belässt alles, wie es ist, werden die Noten schlechter.

Andreas Schleicher

Der 54-jährige Deutsche ist Direktor der Bildungsabteilung der OECD – der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Schleicher gilt als Erfinder der Pisa-Studie, die vor allem in den 2000er-Jahren die Schweizer Schulen aufrüttelte. Der sogenannte Pisa-Schock führte zu mehreren Reformen.

Wie verbessert man den Unterricht?

Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Man muss sich fragen: Wie gut sind die Lehrer? Wie oft tauschen sie sich aus? Wird individualisiert gelernt? Werden Kinder mit Migrationshintergrund genügend gefördert? Auch die Ganztagsschule ist ein interessanter Ansatz. Jeder Schüler lernt anders, nur ist das nicht in allen Schulen angekommen. In der Medizin wird jeder individuell behandelt, aber im Unterricht bekommen alle die gleiche Medizin. Das ist falsch. Auf dieses Problem müssen wir Antworten finden.

Wird das der Schweiz gelingen?

Die Schweiz sollte sich in allen Belangen an der internationalen Spitze orientieren. Da ist sicherlich noch viel Luft nach oben. Was auffällt, ist der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Leistung der Schüler. Die Schweiz hat ein Problem mit der Chancengleichheit. Kinder aus ärmeren Verhältnissen haben oft mehr Mühe in den Klassen. Den Schulen gelingt es nicht, diesen Nachteil auszugleichen.

Wie reformwillig ist die Schweiz im internationalen Vergleich?

Das liegt an den einzelnen Kantonen. Die Schweiz zählt sicher nicht zu den Staaten, welche in den letzten Jahren die meisten Veränderungen vorgenommen haben, trotz des neuen Lehrplans 21. Dabei sind es die veränderungswilligsten Länder, die ihre Resultate deutlich verbessern. Das hängt aber nur bedingt mit der Unterrichtszeit zusammen.