Adolf Freudiger
Er warnt vor zu viel «Political Correctness»

Direktdemokratie, Föderalismus und Eigenverantwortung nennt Adolf Freudiger die Prinzipien, auf deren Grundlage er das Langenthaler Stimmvolk am liebsten in einem Saal debattieren lassen würde. Seine ersten politischen Debatten führte der ehemalige Stadtratspräsident am Küchentisch mit seinem Vater – einem eingefleischten Sozialdemokraten.

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Adolf Freudiger

Adolf Freudiger

az Langenthaler Tagblatt

Martina Schlapbach

Die Bücher reihen sich entlang der Wände vom Boden bis zur Decke, wie auch die Papierbogen auf dem Tisch in die Höhe gestapelt liegen. In seiner Notariatskanzlei erinnert sich Adolf Freudiger an seine neun Jahre zurückliegende Präsidialzeit in der städtischen Legislative, wovon der vor ihm liegende Stapel von Sitzungsprotokollen einen Ausschnitt präsentiert. Der Berg des Stapels bildet in der Erinnerung des Politikers die «Einführung von Blechpolizisten», sein als Stadtratspräsident letztbehandeltes Sachgeschäft: Dem angeblichen Geschwindigkeitsproblem der Stadt begegnend, willigte der Stadtrat 2000 der Anschaffung von acht fest installierten Radaranlagen ein - gegen den Willen seines damaligen Präsidenten.

«Als Stadtratspräsident muss man eine beschwichtigende, zuweilen neutrale Position einnehmen», sagt Freudiger, und spricht vom einst innegehaltenen Amt als vordergründig formaler Angelegenheit. Die Sitzungsleitung als Hauptaufgabe des Präsidenten erfordere einerseits ein ausgedehntes Wissen um den Ratsbetrieb und die Verwaltungsabläufe, welches ihm als Jurist bestens vertraut war; andererseits sei aber auch die Auseinandersetzung mit festgefahrenen Willensbildungen gefragt. Obwohl der 57-Jährige der städtischen Politik hierbei eine vorbildliche Zusammenarbeit der Parteien zuspricht, warnt er auch vor einem Übermass an «Political Correctness». So seien die Standpunkte jeweils mehrheitlich schon bezogen, bevor die Geschäfte überhaupt thematisiert würden. «Wo bleibt da die Auseinandersetzung, wo der Platz für ideologische Argumente?»

Gesinnung vom Geschichtslehrer

Mit der Aufgabe, andere Standpunkte anzuhören und eigene zu vertreten, wurde Freudiger früh konfrontiert. Während sich seine vier Geschwister nur oberflächlich für Politik interessierten, las der gebürtige Langenthaler bereits mit sieben Jahren zwei Tageszeitungen, über deren Inhalte er jeweils mit seinem Vater, einem überzeugten SP-Politiker, diskutierte. Bleibenden Einfluss auf seine politische Orientierung übte aber vor allem sein bürgerlich ausgerichteter Geschichtslehrer aus, der ihn mit politischen Themen vertraut machte, so etwa dem Frauenstimmrecht. Frischgelerntes, das dann am Küchentisch in einem eigens deklarierten Nein dem väterlichen Ja entgegen mündete? «Nun, meine Argumente kamen von rechts, seine von links.»

Dass es auch zu Unstimmigkeiten innerhalb der eigenen Reihen kommen kann, erlebte Adolf Freudiger in den 1990er Jahren, als er sich zunächst gegen seine Fraktion, dann aber erfolgreich mit Unterstützung der Parteiversammlung gegen eine Steuererhöhung einsetzte. Vor der Vielzahl an Ämtern, die er in Partei und Fraktion, Stadtrat und Kommissionen zwischen 1984 und 2003 innehielt, zerfliessen seine Erinnerungen an das Stadtratspräsidium in jenen an sein gesamtes politisches Engagement. Angetrieben in dieser Tätigkeit haben ihn seine Überzeugung vom direktdemokratisch-föderalistischen Politsystem ebenso wie sein Interesse, sich auf der Basis dieses Systems für ein friedliches Zusammenleben und das Gemeinwohl, letztlich für Eigenverantwortung und individuelle Freiheit einzusetzen.

Die Tatsache, dass, wie Abstimmungs- und Wahlstatistiken aus jüngster Vergangenheit zeigen, von den Mitbestimmungsrechten nur rar Gebrauch gemacht wird respektive sich das Politikinteresse nach jeweiligen Betroffenheiten ausrichtet, veranlasst Freudiger zur Hinterfragung von Sinn und Zweck der praktizierten Demokratie. Nur zu gerne würde er das Volk wieder direkt an Gemeindeversammlungen Entscheide fällen lassen, «auch wenn dies in Langenthal natürlich wenig realistisch ist.» Der Unmachbarkeit solcher Szenarien gewahr, fühlte sich der Politiker stetig dem eigens initiierten Schutz der Volksrechte verpflichtet.

Beschwerde gegen die Radaranlagen

So auch zu Beginn des Jahres 2001, als er, was ihm der Objektivitätsgrundsatz des bis dahin ausgeübten Präsidialamtes versagte, gegen die vom Stadtrat gutgeheissenen Radaranlagen Gemeindebeschwerde verfasste. Juristische Mängel bezüglich Budgetierung nachweisend, wurde die Beschwerde gutgeheissen, kam gleichzeitig das Referendum zustande und lehnte das Volk die Vorlage letztlich mit über achtzig Prozent Nein-Stimmen ab. Das Resultat: Die Blechpolizisten sind der Stadt Langenthal bis heute ferngeblieben.

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