Als der Swissair Flug 111 am 2. September 1998 um 21.31 Uhr ins Meer stürzte und 229 Menschen starben, schlief die Schweiz noch. Es war 3.31 Uhr. Auch die Angehörigen der 41 Schweizer Opfer.

Pierre Froidevaux erfuhr von der Katastrophe in den Morgennachrichten des Radios. Der heute 65-jährige Allgemeinmediziner arbeitete vor zwanzig Jahren als Notarzt und sass als Abgeordneter für die FDP im Genfer Kantonsparlament. Er erhielt den Auftrag, sich um die Angehörigen zu kümmern, die am Flughafen auf ihre Angehörigen warteten.

Herr Froidevaux, was für Szenen spielten sich vor 20 Jahren am Flughafen Genf ab?

Pierre Froidevaux: Die Angehörigen waren fassungslos. Sie konnten nicht glauben, was da geschehen war. Ihre Liebsten verschwanden von einem Moment auf den anderen und sollten nie mehr zurückkommen. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das seine Eltern verloren hatte. Das Schlimmste war, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Erklärung für die Frage gab, warum sie verschwunden sind. Und es kursierten Gerüchte.

Was waren das für Gerüchte?

Es hiess zuerst, die Mehrheit der Passagiere habe überlebt. Dann hiess es, auf den Rettungsbooten befänden sich Überlebende. Erst nach 10 Uhr war es dann offiziell: Das Flugzeug war ins Meer gestürzt. Es gab keine Hoffnung mehr, Überlebende zu bergen. Die Situation war für die Betroffenen absolut unfassbar. Sie befanden sich in einem Zustand des Entsetzens. Für die Betreuer ging es dann darum, die Situation etwas weniger unaushaltbar zu machen, damit das Trauma nicht unüberwindbar wird und sie das ganze Leben begleitet. Wer einen solchen Schock erlebt, braucht Unterstützung.

Wie betreuten Sie die Angehörigen am Flughafen?

Sie wurden zunächst einmal in einen grossen Raum des Flughafens geführt. Einige wollten lieber alleine sein, ihren Schmerz nicht mit anderen teilen. Die sind dann bald wieder nach Hause gegangen. Die Hinterbliebenen bekamen in diesem Moment grosse Unterstützung nicht nur von uns. Es gab noch in der gleichen Woche einen Gottesdienst in der Kathedrale in Genf. Auf diese Weise konnten die Angehörigen ihre Trauer mit anderen teilen.

Wie reagierten die Hinterbliebenen auf die Schreckensnachricht?

Es gab sehr unterschiedliche Reaktionen. Manche weinten und schluchzten. Ein Familienvater zerbrach vor Wut einen Aschenbecher mit blossen Händen. Manche waren wie gelähmt, stumm und bestürzt. Wenn man in einer solchen Situation ist, hat man das Gefühl, der Kopf drehe sich in alle Richtungen.

Was war die schwierigste Aufgabe für die Betreuer am Flughafen Genf?

Ungefähr zwanzig Personen setzten sich an die Telefone. Diese Aufgabe war eine der schwierigsten, denn die meisten Angehörigen waren ja nicht am Flughafen Genf, sondern zu Hause irgendwo in der Romandie, in Frankreich oder in den USA. Und die riefen an und wollten wissen, wo ihre Ehemänner, Mütter oder Kinder geblieben sind. Die Betreuer an den Telefonen musste sich um Dramen kümmern, die sich in der Ferne abspielten.

Swissair-MD-11-Absturz, die grösste Katastrophe der Schweizer Luftfahrt

Swissair-MD-11-Absturz, die grösste Katastrophe der Schweizer Luftfahrt

Am 2. September jährt sich zum zwanzgisten Mal die grösste Katastrophe der Schweizer Zivilluftfahrt. 229 Menschen kamen beim Absturz einer Swissair MD-11 bei Halifax ums Leben. Ein Kurzschluss und brennbare Materialien im Cockpit führten zum Unglück.

Wie spricht man mit jemandem, der seinen Lebenspartner oder das Kind verloren hat?

Man hört zu. Es ist ein aktives Zuhören. Man wiederholt das Gehörte, um zu zeigen, dass man verstanden hat. So können die Betroffenen ihr Leid teilen und ein Ventil finden für die Gedanken, die in ihrem Kopf kreisen. Das Sprechen hilft ihnen, den Schmerz wenigsten ein klein wenig zu lindern.

Was geht in den Betroffenen vor?

Sie befinden sich in einem Überlebensmodus. Medizinisch gesehen droht eine posttraumatische Belastungsstörung mit bleibenden Schäden im Gehirn. ,Es geht bei der Erstbetreuung auch darum, den Schaden möglichst klein zu halten, indem man den Stress reduziert.

Kann man einen solchen unerwarteten Verlust überhaupt je verarbeiten?

Es ist unmöglich als Angehöriger eine Tragödie wie den Flugzeugabsturz von Halifax unbeschadet zu überstehen. Das Drama hinterlässt Wunden. Traumatische Erlebnisse werden mit einer unglaublichen Präzision im Gedächtnis gespeichert. Das ganze Leben erinnert man sich sehr genau an die schrecklichen Details.

Wurden auch Helfer wie Sie durch das Ereignis traumatisiert?

Ich glaube schon. Ich trage aus dieser Zeit sehr schwierige Erinnerungen mit mir herum. Ich erlebte es als sehr belastend, in jenem Moment die Verantwortung über die Betreuung der Hinterbliebenen zu haben. Zum Glück war ich nicht allein mit den Erlebnissen, sondern hatte ein Team, mit dem ich mich nach getaner Arbeit austauschen konnte. Aber es war alles andere als einfach für mich.

Das Unglück von Halifax hat Ihr Leben verändert.

Es hat mich auf jeden Fall stark geprägt. Ich stand auch von einem Moment auf den anderen in der Öffentlichkeit. Ausser dem Flughafenteam gab es ja niemanden, also wandten sich die Journalisten an mich, wenn sie Fragen zu den Angehörigen hatten.

Haben Sie den Kontakt aufrechterhalten mit den Angehörigen von Opfern, die Sie betreut haben?

Wir standen den Hinterbliebenen auch später noch zur Verfügung, gaben ihnen unsere Telefonnummer. Aber wir meldeten uns nicht aktiv bei den Angehörigen. Wir wollten uns nicht aufdrängen. Jeder sollte seinen Weg selber wählen können. Einzelne Psychologen standen aber länger in Kontakt mit den Personen, die sie am Flughafen betreut hatten.

Wenn Sie heute von einem Flugzeugunglück lesen, werden Sie dann erinnert an Ihre Arbeit am Flughafen Genf?

Ja, das letzte Mal war das bei der verunglückten Ju 52 der Fall. Der Absturz in Halifax lässt mich nicht mehr los.

Was hat sich seit Ihrem Einsatz verändert?

Es war damals das erste Mal, dass eine Betreuung auf diese Weise organisiert wurde. Heute sind Behörden besser auf eine Katastrophe vorbereitet. Careteams werden systematisch eingesetzt. Aber es gibt immer noch kein Patentrezept für eine solche Ausnahmesituation. Man muss den Traumatisierten zuhören und versuchen, ihr Leiden zu lindern. Das kann im Prinzip jeder.