Rehetobel
Er griff nicht zum ersten Mal zur Waffe

Rehetobel zeigt sich am Tag danach unerschüttert. Der Gemeindepräsident ist sichsicher: Hätte die Tat ein Alteingesessenerverübt, sähe es anders aus.

Fabio Vonarburg (Text)und Fabio Baranzini (Fotos)
Drucken
Die menschenleeren Strassen von Rehetobel. Am Tag nach der Schussabgabe auf zwei Polizisten war es ruhig im Dorf. Es war aber auch bitterkalt.

Die menschenleeren Strassen von Rehetobel. Am Tag nach der Schussabgabe auf zwei Polizisten war es ruhig im Dorf. Es war aber auch bitterkalt.

Fabio Baranzini

Die Strassen in Rehetobel sind am frühen Mittwochnachmittag leergefegt. Nur wenige der rund 1700 Einwohner wagen sich auf die Strasse. Es ist bitterkalt, es schneit heftig. Das Wetter ist eher ungewöhnlich für Rehetobel, das so viele Sonnentage erlebt wie keine andere Gemeinde im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Vor der katholischen Kirche steht ein Plakat, das dazu auffordert, im Gotteshaus für die Terroropfer von Berlin eine Kerze anzuzünden. Die geschriebene Botschaft passt auch gut zur Tat am Dienstag, die nicht im über 700 Kilometer entfernten Berlin stattfand, sondern beinahe vor der eigenen Haustür. «Ein Zeichen unserer Hoffnung, dass Hass und Menschenverachtung nicht das letzte Wort haben werden.»

Polizeiposten in Heiden

Der Polizeiposten in Heiden ist der erste Schauplatz im Appenzeller Polizei-Drama. Hier nahm am Dienstagmorgen alles seinen Anfang, als ein 33-jähriger Mann das rötliche Gebäude betrat. Zu diesem Zeitpunkt deutete noch nichts daraufhin, dass er kurze Zeit später, in seinem Schopf an der Gemeindegrenze zwischen Rehetobel und Heiden, auf zwei Beamte schiessen und sie verletzten würde. Einen der beiden schwer. Am Tag danach, in ebendieser Polizeistation in Heiden. Hanspeter Saxer sieht müde aus. Die Stimmung im Korps habe «etwas Lähmendes», sagt der stellvertretende Chef der Regionalpolizei Appenzell Ausserrhoden. Die Betroffenheit im Korps sei gross. «Natürlich ist Gewalt gegen Polizisten immer wieder ein Thema, doch etwas in dieser Dimension haben wir noch nie erlebt.»

Den Vorfall versucht er nicht, mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu erklären, er spricht von einem Einzelfall. Ob die Kantonspolizei aus diesem Vorfall Lehren ziehen muss, würden die verschiedenen Abklärungen zeigen, die am Dienstag eingeleitet wurden. Doch Saxer betont: «Ein Restrisiko wird immer bleiben.» Das Polizeikorps versuche bei seiner täglichen Arbeit immer die eigene Sicherheit der Beamten zu gewährleisten, aber dennoch bürgernah zu sein. «Dies gegeneinander abzuwägen ist nicht immer ganz einfach», sagt Saxer. Das fange bei einer normalen Verkehrskontrolle an. Man könne und wolle nicht jeden wie ein Schwerverbrecher behandeln.

Der Schopf

Durch das Schneegestöber geht es
hinauf Richtung Rehetobel, der dritthöchsten Gemeinde im Kanton. Etwa in der Mitte zwischen den zwei Gemeinden, im Quartier Unterrechenstein, befindet sich der zweite Schauplatz. Der Schopf, in dem der 33-Jährige plötzlich nach einer versteckten Waffe griff, auf die beiden Beamten schoss und danach floh. Am Tag danach erinnern noch ein parkiertes Polizeiauto und ein Absperrband an die Schiesserei.

Es war nicht das erste Mal, dass der 33-jährige Täter um sich schoss. 2003, als 19-Jähriger, feuerte er mit einer Schrotflinte auf die beiden Brüder seiner ehemaligen Freundin, verletzte dabei beide sowie einen vorbeifahrenden Fahrradfahrer. Wenige Stunden nach der Tat wurde er von der Polizei verhaftet und musste in der Arbeitserziehungsanstalt Arxhof eine mehrjährige Strafe absitzen. 2009 kam er frei.

Wie schon 2003 floh der 33-Jährige auch am letzten Dienstag nach seiner Tat. Zu Fuss eilte er in sein Haus in Rehetobel. Der dritte und letzte Schauplatz. Hier wurde er kurze Zeit später von der Kantonspolizei lokalisiert und umstellt. Letztlich erschoss er sich selber.

Das Dorf

Peter Bischoff, Gemeindepräsident von Rehetobel, sitzt im Wohnbereich seines Appenzeller Bauernhauses. Er ist erkältet, bleibt heute lieber in der Wärme. Am Vortag war er am Neujahrsapéro der Gemeindeverwaltung. Das grosse Thema: die Schiesserei. «Die Polizisten tun mir wahnsinnig leid», sagt er. Die Stimmung im Dorf sei aber nicht katastrophal. «Hätte die Tat ein Alteingesessener verübt, einer der mitten im Dorf lebt, sähe es anders aus.» Beides ist beim Täter nicht der Fall. Er lebte in einem Aussenquartier.

Der Gemeindepräsident zeigt aus seinem Fenster, ins Schneegestöber. «Bei guter Sicht sieht man bis zum Säntis.» Jetzt ist der Blick noch getrübt. Bald wird in Rehetobel aber wieder die Sonne scheinen.

Aktuelle Nachrichten