Splitternackt stand Marcel Wyler neben dem Bücherregal und wartete, bis sich die Prostituierte ausgezogen hatte. Dann legte er sich auf sie und hatte das erste Mal in seinem Leben Sex. Vor 51 Jahren war das, im Juni 1967. Wyler, damals 19, war nach Paris gereist, um einer Flugshow auf dem Flughafen Le Bourget beizuwohnen. In seiner Heimatstadt Zürich diskutierte die Stadtpolizei gerade darüber, ein «Freier-Register» anzulegen, und brachte das Geschäft mit dem käuflichen Sex kurzfristig ins Stocken. In Frankreich aber florierte die älteste Branche der Welt. «Hemmungen hatte ich keine, nervös war ich auch nicht», sagt Wyler. «Ich habe das von Anfang an für völlig normal gehalten.»

Wyler, gerade 70 geworden, sitzt auf einem weissen Lederstuhl im Entree seiner Stadtzürcher Wohnung. Auf dem Tisch stehen Plastikblumen, an der Wand hängt ein Foto aus seiner Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr, hinter ihm steht ein E-Piano. Wyler sieht gut aus für einen 70-Jährigen, schlank, elegant angezogen. Er ist hochanständig, auf gute Manieren bedacht. Den Reporter hat er gebeten, nicht in zerrissenen Jeans und bitte gepflegt zu erscheinen. Während des zweistündigen Gesprächs sagt er nur einen einzigen Satz, den er nicht in der Zeitung lesen will.

Prostitution in Europa

Prostitution in Europa

Wyler ist einer von schätzungsweise 350'000 Männern, die in der Schweiz mindestens einmal jährlich für Sex bezahlen. Das ist rund jeder fünfte Mann zwischen 20 und 65. Etwa 900 Bordelle gibt es hierzulande und je nach Schätzung zwischen 4000 und 20'000 Prostituierte, die einen Umsatz von 3,5 Milliarden Franken erwirtschaften. So ganz genau aber weiss man das nicht, weil kaum ein Involvierter über das Thema Prostitution spricht. Man gibt sich bedeckt, Anfragen von Journalisten verlaufen oft im Nichts.

Die grauenhaften Sechziger

Marcel Wyler ist eine Ausnahme. Er heisst wirklich so, wohnt wirklich in Zürich, hat nichts dagegen, fotografiert zu werden. «Es gibt keinen Grund, sich für das zu schämen, was ich tue. Die gesellschaftliche Hemmung beim Thema Prostitution ist ungesund», sagt er. Immer, wenn ihn jemand darauf angesprochen hat, im Schützenverein oder früher am Arbeitsplatz bei der Bank, dann gab er offen zu, dass er ein Freier ist. Auch deshalb, weil er den Verdacht entkräften will, er als Lediger sei, «Sie wissen schon, ‹vom andere Ufer›». Da sage er lieber ganz offen, dass er ab und zu ins Puff gehe.

Und jetzt komme diese Frauenzentrale Zürich und will das verbieten? Will ihn zum Kriminellen machen? «Eifersüchtige Spinnerei», sagt Wyler. Angegriffen fühle er sich. «Ich bin doch kein Krimineller, ich bin ein Naturbursche und lasse mir das nicht verbieten.» Die Verbots-Predigerinnen hätten ein falsches Bild von der Szene. In den Sechzigern, da sei es noch grauenhaft gewesen, das stimme schon. Dreckig, gestunken habe es überall. Heute aber sei in Zürich alles wunderbar. «Wir haben eine sehr geregelte Szene.» Ein Verbot würde alles durcheinanderwirbeln, Unordnung reinbringen. «Keine Gewalt gegen Frauen!»-Plakate in den Bordell-Eingängen, so was könnte man ja machen. Aber sicher kein Verbot. Und wenn doch eines käme, dann ginge er erst recht ins Puff.

Früher packte es ihn vielleicht ein-, zweimal pro Jahr. Heute jeden Monat. Er fühlt sich fit, raucht nicht, trinkt nicht, hat keine Geldsorgen. Und wenn «s’Riisse» wieder kommt, dann duscht er sich, zieht frische Kleider an und macht sich auf ins Niederdorf. In Hamburg oder in München war er auch schon, hat sich nach käuflichem Sex umgeschaut und dann gerne verzichtet. Lieber im «heimelige» Niederdörfli.

Wyler schaut sich an den einschlägigen Adressen um, bis ihm eine gefällt. Gross muss sie sein, so um die 1,80, wie er. Mit einer Kleineren mache es keinen Spass. Wenn er auf denen liege, müsse er sich auf den Ellenbogen abstützen, damit er sie nicht erdrücke. Das sei nicht so schön wie mit einer Grossen, Brust auf Brust, viel Reibung, natürlich immer geschützt. Auf Wolken schwebe er dann. Und wenn die halbe Stunde am Ende des «Plausches» noch nicht ganz um sei, dann kriege er eine Massage. Am Schluss ein Küsschen, dann ist der Spuk vorbei.

100 bis 150 Franken bezahlt Wyler für 30 Glücksminuten. Viel wissen von seinem gekauften Gegenüber tut er nie. Vielleicht den Namen, vielleicht ihr Heimatland. Mehr interessiert ihn auch nicht. Er wolle den «Fick», nicht den Flirt, sagt er. Die meisten glaubten ihm ohnehin nicht, dass er nicht verheiratet sei. Was soll man da noch gross reden. Das sei ein Geschäft, er sei eine Nummer in diesem Spielchen, eine von ganz vielen, da mache er sich nichts vor.

Die Stärke der Frauen

Wyler holt sich ein Glas Wasser. Dann will er über Würde reden. Die wird laut den Verbots-Initiantinnen verletzt, sobald jemand für Sex bezahlt. «Ich höre das oft, dass ich als Freier die Frau auf ihren Körper reduziere», sagt er und verwirft die Hände. «Ja Herrgott, das ist ja das Schönste an ihnen! Die Brüste, die zarte Beschaffenheit, das macht ja den Reiz der Frau aus.» «Primär», schickt Wyler hintennach. «Das Aussehen ist die Stärke der Frau. Ich begreife nicht, wie sich da eine reduziert fühlen kann.»

Altmodisches Rollenbild? Vielleicht. Aber das heisse nicht, dass er die Würde der Frauen nicht achte, sagt Wyler. Er erzählt vom Ausflug mit der Freiwilligen Feuerwehr nach München. Dort hätten sich seine Kameraden auf der Strasse derart daneben über Frauen unterhalten, dass er die Strassenseite wechselte und sich schämte. Ein Unanständiger, das sei er nicht.

Und dann das Argument der Frauenzentrale, käuflicher Sex sei immer mit Gewalt verbunden: Das sei lächerlich. Gewalt an Frauen habe er in seinen 51 Jahren in der Zürcher Szene noch nie gesehen. Wahrscheinlich, meint Wyler, hätten die Damen dieses Verbots-Komitees völlig prüde Vorstellungen. «Den normalen Sex, wenn der Mann halt pusht, das empfinden die schon als Gewalt.» Dabei sei das doch einfach männlich. Es habe sich jedenfalls noch nie eine Prostituierte bei ihm beklagt. Und die Frauen hätten ja ein entsprechendes «Füdli», denen seis ja wohl dabei. Gewalt? Sicher nicht. Das heisst, doch, unter einer Bedingung: dann nämlich, wenn einer käme und ihm das alles verbieten wollte.

Und was ist mit den 90 Prozent der Frauen, die laut der Frauenzentrale aus der Prostitution aussteigen würden, wenn sie könnten? Tun die ihm leid? «Nein», sagt Wyler. «Als zahlender Freier lindere ich die Not der Frau. Ich sehe mich eher als Helfer, ich tue ihr ja nichts.» Natürlich sei das nicht schön für eine Frau, einen solchen Beruf zu haben. «Aber da kann ich ja nichts dafür, ich bin ja nicht schuld.»

Guisan und die Nackte

Es ist das Testosteron in ihm, das ihn immer wieder losziehen lässt; dieses molekulare Unding aus Kohlen-, Wasser- und Sauerstoff, das Männer zu allem Möglichen antreibt. Dass er die Lücke in seinem Leben nie nachhaltig zu füllen vermochte, dass er nie eine wirklich lange Beziehung führte, auch das hat wohl damit zu tun. Ein «ordnungsliebender Militärkopf» sei er, auch wenn ers nur bis zum Korporal gebracht habe. Das halte wohl keine Frau länger aus. Ausschliessen wolle er es nicht. Bis er die Richtige finde, sei er aber mehr als zufrieden mit den Prostituierten, mit der «Notlösung».

Verliebt hat er sich nie in eine der «Notlösungen», mit keiner wurde er mehr als einmal intim. Sex und Liebe vermischt er nicht. Diesen Kardinalfehler, den mache er nicht. Einmal zwar, da sei er zurückgekehrt in ein Lokal und habe nachgeschaut, ob diese blond-gelockte Italienerin von vor zwei Wochen noch da sei. «In allen Variationen» habe er die rannehmen können. «Angenehm überrascht» sei er gewesen. Doch die Gelockte war weg.

Eine Konstante aber gibts in Wylers Frauenwelt. Nicht seine beiden Schwestern, nein, mit denen habe er nur noch auf dem Papier etwas zu tun. Die Konstante ist eine andere. Er steht auf, führt in die Stube. Im Regal steht «General Guisans Zweifrontenkrieg», neben dem hellbraunen Sofa ein Glasschrank mit Souvenirs seiner Reisen. Wyler bleibt hinten im Raum neben einer gerahmten Fotografie stehen. Eine halbnackte Frau ist darauf abgebildet. Wyler hat das Foto selbst geschossen. 70 Franken habe er ihr bezahlt. Seit er vor 20 Jahren hier einzog, hängt sie an der Wand, der Blick auf den kämpferischen Guisan-Wälzer gerichtet. Wie sie heisst, weiss er nicht mehr.

Und Wylers Kampf? Fängt der jetzt an? Unternimmt er etwas gegen das Verbot, das ihm einen fetten Strich durch die Liebesrechnung machen könnte? «Hmm», er sei eigentlich kein Politiker, sagt Wyler. Er war mal in der FDP, dann in der SVP, heute ist er nur noch reformiert. Vielleicht aber, wenn die wirklich ernst machen, vielleicht würde er dann was unternehmen.
Wyler führt hinüber zum E-Piano, setzt sich und spielt: «s’isch mer alles eis Ding», ausgerechnet. Ein «Härzeli wienes Vögeli», das hatte er nie, ring geliebt sowieso nicht. Aber Sex geht auch ohne Liebe, auch gegen Geld. Und wer das verbieten will, der solls doch versuchen. «Aufhören mit dem Spielchen werde ich nicht, nie!»