Billette
Er erwischt sie, wenn er kann: Auf der Jagd nach den Billet-Fälschern

Ob bandenmässiger Betrug oder mit einem fremden GA unterwegs – im Bahnverkehr wird viel geschummelt. Daniel Fankhauser, Leiter der Fachstelle Fälschung und Betrug, hat schon Vieles gesehen. Manchmal aber greift auch er zu einem getürkten Billet.

Thomas Schlittler
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Die Fälscher dieser Bahnbillette haben sich viel Mühe gegeben – nur um am Ende über ihre eigene Dummheit zu stolpern
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Mit dem gefälschten Interrail-Abo durch ganz Europa Erst bei der Einreise in die Schweiz war Schluss
Sichergestelltes Billettpapier aus verschiedenen europäischen Ländern
Fälscher von SBB-Billeten sind durchaus kreativ

Die Fälscher dieser Bahnbillette haben sich viel Mühe gegeben – nur um am Ende über ihre eigene Dummheit zu stolpern

Emanuel Freudiger

Wer regelmässig Zug fährt, kennt die Situation: Wenn der Kondukteur ins Abteil läuft und ruft «Billette vorweisen, bitte!», gibt es immer Passagiere, die mit einem mürrischen Gesichtsausdruck oder gar einem genervten Seufzer reagieren. Damit die gereizte Stimmung nicht in einer bissigen Bemerkung mündet, geben sich viele Zugbegleiter sichtlich Mühe, die Billettkontrolle möglichst schnell und unkompliziert über die Bühne zu bringen.

Vor allem bei Abo-Inhabern begnügen sie sich meist mit einem flüchtigen Blick auf die Plastikkarte. Oft geben sich die Kontrolleure gar damit zufrieden, wenn sie das GA, Halbtax oder Gleis 7 durch ein Portemonnaie-Sichtfenster gezeigt bekommen.

Solche Praktiken sind Daniel Fankhauser ein Dorn im Auge. Denn der Leiter der SBB-Fachstelle für Fälschung und Betrug weiss: Je oberflächlicher kontrolliert wird, desto einfacher ist es für Betrüger, zum Nulltarif Zug zu fahren. Sei es nun mit einem gefälschten Billett oder mit einem Abo, das auf einen falschen Namen lautet.

Fankhauser weist das Zugpersonal deshalb immer wieder an, sich bei der Kontrolle Zeit zu nehmen. Im Idealfall sollen jeweils pro Zug einige Plastikabos ganz gezielt in die Hand genommen werden. Dass einige Passagiere solche Kontrollen als Misstrauensvotum verstehen und genervt reagieren, kann Fankhauser nicht nachvollziehen: «Es ist doch im Interesse jedes ehrlichen Kunden, dass auch alle anderen ihr Ticket korrekt bezahlen.»

Trotz Kontrollen im Schnelldurchlauf entdecken die Zugbegleiter pro Jahr 400 bis 500 gefälschte Billette und Abonnements. Jeder Fall landet auf dem Tisch von Fankhauser. In den acht Jahren, seit es die Fachstelle für Fälschung und Betrug gibt, hat er schon vieles gesehen: «Die Bandbreite reicht vom 80-Jährigen, der seine Mehrfahrtenkarte manipuliert, bis hin zu professionellen Fälschungen im grossen Stil, hinter denen Banden mit mafiösen Strukturen stecken.»

Die Fahnder sind auch Fälscher

An sich talentierte Fälscher scheitern oft an einer kleinen Unaufmerksamkeit – man kann es auch Dummheit nennen: Einer versuchte, sein Bahnticket ein zweites Mal zu nutzen, um vom oberbayrischen Freilassing nach Genf zu kommen. Dabei schrieb er aber «Génève» statt «Genève», was der Zugbegleiterin mit Westschweizer Wurzeln sofort auffiel.

Der Nächste scheiterte beim Versuch, von Bukarest nach «Zurrich» zu gelangen. Und nochmals ein anderer kam mit dem gefälschten Netzpass des «Züricher Verkehrsbundes» nicht weit.

Natürlich machen es den Kontrolleuren nicht alle Betrüger so leicht. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte eines tschechischen Studenten, der mit seinem gefälschten Interrail-Abo während mehrerer Wochen durch ganz Europa tourte: Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Slowakei, Polen, Deutschland, Holland, Belgien, England, Schottland, Frankreich – alles kein Problem, bis er in Genf bei der Einreise in die Schweiz entlarvt wurde. Einer Kontrolleurin war aufgefallen, dass ein Schriftzug auf dem Ticket leicht abwich vom Originalbillett. Fankhauser sagt dazu nicht ohne Stolz: «Unser Personal ist im internationalen Vergleich sehr gut geschult.»

Hinter gefälschten Interrail-Abos stehen oft professionelle Banden, die ihre Billette zu Spottpreisen an Studenten verkaufen. Am Schwarzen Brett von Universitäten wird die Tour d’Europe dann für 100 statt für 700 Euro angeboten.

Vor einigen Wochen fand die Polizei bei einer Hausdurchsuchung grosse Mengen von noch nicht bedrucktem Billettpapier aus verschiedenen europäischen Ländern. Aus dem Material hätten Mehrfahrtenkarten, Monats-GA sowie Interrail-Abos werden sollen. Potenzieller Wert: 650 000 Franken.

Um organisierte Kriminalität wie diese zu unterbinden, arbeitet Fankhauser eng mit Fahndern aus anderen Ländern zusammen. Erst gestern fuhr er wieder zu einer internationalen Konferenz nach Berlin – wie immer mit gefälschtem Billett. «Wenn ich beruflich im Ausland unterwegs bin, teste ich die Kontrolleure stets mit einem selbst hergestellten Ticket», so der 57-Jährige.

Um den Betrügern auf die Schliche zu kommen, sei es wichtig, sich auch selbst regelmässig als Fälscher zu betätigen. Fankhauser: «Bis jetzt bin ich noch nie aufgeflogen.» Falls ihn doch einmal ein Zugbegleiter erwischen sollte, wäre er bestens vorbereitet: Er würde ihm als Belohnung ein SBB-Sackmesser schenken und sein echtes Billett zeigen – ein solches hat er nämlich immer auch dabei. Zudem kündigt er seine Testfahrten bei der Zentrale des jeweiligen Bahnunternehmens an.

Fälschungen sind spektakulär, betreffend Schaden sind jedoch Missbräuche von Abonnements das grössere Problem für die SBB. Pro Jahr erwischen die Bundesbahnen rund 900 Personen, die einen Fahrschein benutzen, der ihnen nicht zusteht. Über die Dunkelziffer kann nur spekuliert werden. Die Vermutung liegt aber nahe, dass viele, die mit dem GA oder Halbtax eines Kollegen oder mit einer gefundenen Plastikkarte herumreisen, nie entdeckt werden.

Auch wenn sich jemand ein neues GA ausstellen lässt, weil er sein altes verloren habe, ist es für die SBB schwierig, festzustellen, ob das Original-GA in Wirklichkeit einem Kollegen überlassen wurde.

Die Chip-Karte als Feind der Gauner

Wenn das Bild auf dem Abo nicht gerade eine Person des anderen Geschlechts oder mit einer anderen Haarfarbe zeigt, ist die Chance, entdeckt zu werden, gering. Und selbst wenn der Schwindel auffliegt, muss sich die betroffene Person lediglich wegen «Erschleichen einer Leistung» verantworten. Das wird meist mit einer Busse von einigen hundert Franken bestraft. Fälscher sind schlimmer dran: Es handelt sich um eine Urkundenfälschung und hat einen Eintrag im Strafregister zur Folge.

Ab Mitte 2015 wird es für Betrüger jeglicher Art schwieriger. Dann kommt die Chip-Karte «Swiss Pass». Neben dem GA oder dem Halbtax sollen darauf auch Streckenabos sowie Abos anderer Verkehrsverbünde geladen werden. Äusserlich sehen alle Karten gleich aus, nur mit dem Scanner des Zugbegleiters kann erkannt werden, welche Leistung auf die Karte geladen wurde. Geht ein «Swiss Pass» verloren, wird der entsprechende Chip deaktiviert – und die Karte wird wertlos. Doppelnutzungen werden dadurch unmöglich. Zudem ist der Chip schwieriger zu fälschen als ein herkömmliches Abo.