Gieri Cavelty, Hans-peter Wäfler

Während wir dieses Gespräch führen, berät der Bundesrat über Milliarden-Kürzungen bei den Ausgaben. Haben Sie keine Angst vor dem Rotstift?
Martin Dahinden: Selbstverständlich gehen wir finanziell schwierigeren Zeiten entgegen - und da steht zu befürchten, dass die Entwicklungszusammenarbeit darunter leidet. Ich muss vermutlich mit gewissen linearen Kürzungen rechnen. Für die kommenden Jahre gehen wir in unserer Finanzplanung aber nach wie vor von einem Wachstum aus - wenn auch von einem bescheidenen.

Das klingt recht optimistisch.
Dahinden: Die Schweiz muss sich heute als Land international positionieren. Es geht um unsere Rolle beispielsweise im internationalen Währungsfonds und in der Weltbank. Die Beziehungen zu den Ländern des Südens und Ostens spielen dabei eine wichtigere Rolle als früher.

Die Schweiz stimmt die mittellosen Staaten günstig, damit sie beispielsweise weiterhin eine Ländergruppe in der Weltbank anführen kann.
Dahinden: Entwicklungshilfe ist definitiv keine karitative Sideshow. Es geht darum, in einer globalisierten Welt gemeinsam Lösungen zu erreichen.

Entwicklungszusammenarbeit ist nur mehr reine Interessenpolitik?
Dahinden: Es gibt eine internationale Lastenteilung. Da darf sich die Schweiz nicht abmelden. Natürlich geht es nicht um ein enges Kosten-Nutzen-Verhältnis. Die Dinge lassen sich heute aber nicht mehr so einfach trennen. So haben wir auch ein Interesse daran, dass sich die Länder des Südens gut in die globalisierte Welt integrieren und dass es dort zu keinen Krisen kommt. Am Ende führen solche Krisen beispielweise zu Migrationsbewegungen, die uns selber treffen können.

Wie kommt dieses neue Denken bei Ihren Mitarbeitern an?
Dahinden: Man hatte in der Deza anfangs gewisse Berührungsängste vor solchen Themen. Inzwischen hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt: Themen wie die Migration lassen sich nicht mehr von Fragen der Entwicklung trennen. Denken Sie an Leute, die auswandern und Geld in ihre Heimat schicken. Diese Beträge machen drei- bis fünfmal mehr aus als die gesamte Entwicklungszusammenarbeit.

Sie sprechen von Migration und Geldflüssen: Aus Schweizer Perspektive ist dies vor allem in Bezug auf die Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien ein Thema.
Dahinden: In der Schweiz leben über 340 000 Bürger aus dem Westbalkan, davon 200 000 aus Kosovo. Und die Geldüberweisungen in die Heimat nehmen derzeit wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise ab. Das trägt mit dazu bei, dass die Armutsthematik auf dem Balkan wieder eine grössere Rolle spielt.

Springt die Deza da in die Bresche?
Dahinden: Im Grunde leistet die Schweiz auf dem Balkan keine klassische Entwicklungshilfe. Es geht in erster Linie um ein Transitionsprogramm: eine Hilfeleistung, um den Übergang zu einer demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung und zur Marktwirtschaft zu schaffen. Im Zuge der aktuellen Krise haben wir in einzelnen Fällen aber in der Tat Anpassungen vorgenommen.

Konkret?
Dahinden: Wir müssen die Prioritäten dort setzen, wo Instabilitäten zu befürchten sind. Wir konzentrieren uns stärker auf Bevölkerungsgruppen am Rande der Gesellschaft, wie zum Beispiel die Roma.

Der Wohlstand im Westbalkan liegt bei 25 Prozent des EU-Durchschnitts. Und Sie sprechen von der Armut, die wieder zunimmt. Das ist ein Fass ohne Boden für die Deza.
Dahinden: Das sehe ich nicht so. Ich erkenne eindeutig Fortschritte seit dem Ende der Konflikte nach der Auflösung Jugoslawiens. Die Staaten reformieren sich - und sie öffnen sich wirtschaftlich. Sie haben während der letzten zehn Jahre ein beträchtliches Wirtschaftswachstum gehabt.

Droht mit der Wirtschaftskrise eine Rückkehr des Nationalismus in der Balkan-Region?
Dahinden: Bis anhin haben wir auf dem Balkan keine Anzeichen dafür. Die Staaten wissen, dass sie damit ihre Perspektive auf einen Beitritt zur Europäischen Union verlieren würden. Zudem wirkt es sich heute positiv aus, dass wir mit anderen Geberstaaten in den letzten zehn Jahren den Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat unterstützt haben. Wie stabil die Lage aber ist, wenn die Wirtschaftskrise lange anhalten sollte - da wage ich keine Prognose.