Energieversorgung
Engpass im Stromnetz: Geht zu Weihnachten das Licht aus ...?

... diese und weitere Fragen stellen sich nach der Warnung der Netzgesellschaft Swissgrid vor möglichen Engpässen im Stromnetz. Das müssen Sie dazu wissen.

Antonio Fumagalli und Fabian Hock
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Die Christus-Statue in Rio: Während der «Earth Hour» wird die Beleuchtung genau wie bei vielen anderen Gebäuden freiwillig abgestellt. Wie weit ist die Schweiz von einer Zwangsabschaltung einzelner Bauwerke entfernt?

Die Christus-Statue in Rio: Während der «Earth Hour» wird die Beleuchtung genau wie bei vielen anderen Gebäuden freiwillig abgestellt. Wie weit ist die Schweiz von einer Zwangsabschaltung einzelner Bauwerke entfernt?

Felipe Dana/AP/Keystone

Die «Stromlücke» ist zurück. Zumindest in der Diskussion. Doch geht in diesem Winter in Teilen der Schweiz wirklich das Licht aus? Müssen wir gar damit rechnen, Weihnachten ohne Festbeleuchtung zu feiern? Klar ist: Swissgrid warnt vor Stromengpässen. Klar ist auch: Heute trifft sich der Bundesstab in Bern, um zu beraten, was im Ernstfall zu tun ist. Die «Nordwestschweiz» beantwortet die wichtigsten Fragen rund um den möglichen Stromengpass im Winter.

1. Was ist passiert?

Dass unsere Haushalte rund um die Uhr mit Strom versorgt sind, stellt die Netzgesellschaft Swissgrid sicher. Sie sorgt dafür, dass der Strom vom Kraftwerk über das Übertragungsnetz zu den Verbrauchern gelangt. Anfang Dezember hat Swissgrid gewarnt: Die Situation im Stromnetz für den kommenden Winter schätze man als «angespannt» ein.

2. Wo liegt das Problem?

Die Energieversorgung in der Schweiz zählt zu den sichersten weltweit. In den letzten Jahren gab es so gut wie keine grösseren Ausfälle. «Im Winter ist die Lage jedoch tendenziell problematisch», sagt Christian Schaffner, Executive Director des Energy Science Center der ETH Zürich. Zur kalten Jahreszeit heizen wir mehr und wir brauchen mehr Licht. Die Kraftwerke im Land können den hohen Verbrauch nicht decken. Die Schweiz importiert deshalb in den Wintermonaten Strom. In diesem Jahr reihen sich mehrere besondere Umstände aneinander: Die Flüsse führen wegen des trockenen Sommers wenig Wasser, die Stauseen sind unterdurchschnittlich gefüllt. Ferner stehen beide Blöcke des Kernkraftwerks Beznau derzeit still. Dieser Strom fehlt im Netz.

3. Wann gab es zuletzt eine derart angespannte Situation im Netz?

Auf Anfrage teilt Swissgrid-Sprecherin Irene Fischbach mit: «Der harte Winter 2011/2012 mit einer aussergewöhnlich lange andauernden Kältewelle hat zu regionalen Stromausfällen und das Schweizer Stromnetz an seine Kapazitätsgrenzen geführt.»

4. Warum importieren wir den fehlenden Strom nicht einfach?

Die Schweiz tauscht laufend Strom mit den Nachbarn aus. Das geschieht zu 90 Prozent auf der Ebene mit der höchsten Spannung, nämlich über die 380-Kilovolt-(kV)-Leitungen. Das Atomkraftwerk Beznau speist aber ins 220-kV-Netz ein. Da Beznau derzeit still steht, muss zusätzlicher 380-kV-Strom den fehlenden 220-kV-Strom ersetzen – Wasserkraftwerke helfen wegen der niedrigen Wasserstände nicht. Grosse Mengen 380-kV-Strom müssen also heruntergedreht werden, um letztlich mit 230 Volt in den Haushalten anzukommen. Dafür braucht es bestimmte Transformatoren. Und von diesen gibt es derzeit zu wenig in der Schweiz. Auf die Schnelle können auch keine Transformatoren gebaut werden. Laut Swissgrid dauert das zwischen einem und drei Jahren.

5. Droht uns jetzt der Blackout?

Swissgrid selbst hält grossflächige Stromausfälle für unwahrscheinlich. Und Energieexperte Christian Schaffner von der ETH sagt: «Die Situation ist angespannt, aber nicht unlösbar.» Alle relevanten Akteure müssten jetzt zusammenarbeiten, um die Situation zu entschärfen.

6. Was unternimmt der Bund?

Für das federführende Bundesamt für Energie (BFE) ist die Situation zwar noch nicht dramatisch. «Aber es mag nichts leiden, wir sind auf dem letzten Zacken», sagt Sprecherin Marianne Zünd. Das Amt hat deshalb den sogenannten Bundesstab einberufen, er wird heute Mittag zusammentreffen. Am Tisch sitzen rund 25 Vertreter aus verschiedensten Bundesämtern – etwa für Bevölkerungsschutz, für Lebensmittelsicherheit oder für Meteorologie – sowie Führungspersonen aus Armee und kantonalen Regierungskonferenzen. Auch wenn die Aufregung bewusst tief gehalten wird, ist alleine schon die Zusammenkunft speziell: Es ist die erste ausserordentliche Sitzung seit Ende 2014 – damals stand die Ebola-Epidemie, die in Westafrika wütete, auf der Traktandenliste.

7. Welche Entscheidungen sind zu erwarten?

Vorderhand keine. Das Treffen des Bundesstabes hat zum Ziel, alle in involvierten Stellen auf den neusten Wissensstand zu bringen. Eine Kommunikation darüber ist nicht geplant, auch werden voraussichtlich keine weiteren Sitzungen traktandiert.

8. Wenn es wirklich ernst wird: Welche Massnahmen trifft man dann?

Der Bundesstab ist eine Art Mini-Vernehmlassung. Dank ihm werden Entscheidungen beschleunigt und besser koordiniert – die Zuständigkeit für die Massnahmen bleibt aber bei den jeweiligen Stellen. Zum Beispiel beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL): Dieses sorgt unter anderem dafür, dass wichtige Güter wie Brenn- und Treibstoffe, Lebensmittel oder Medikamente gelagert und bei Engpässen geordnet verteilt werden. Bei einer Strommangellage ist das wichtigste Ziel des BWL, dass es nicht zu gezielten Abschaltungen des Netzes kommen muss. Um das zu verhindern, würde der Bund zuerst Sparappelle an die Bevölkerung richten, dann Verbote erlassen. So könnte etwa der Gebrauch von Klimaanlagen, Schneekanonen oder einer Sauna untersagt werden. Auch Grossabnehmer könnten gezwungen werden, ihren Verbrauch zu reduzieren.

9. Ist der drohende Versorgungsengpass ein Indiz dafür, dass die Schweiz dringend ein Stromabkommen mit der EU abschliessen muss?

Nicht direkt. Der Handel mit Strom ist – derzeit zumindest noch – auch ohne das Stromabkommen möglich. Ohne entsprechenden Vertrag verschlechtern sich mittelfristig allerdings die Bedingungen. Nachdem Energieministerin Doris Leuthard zu Beginn des Jahres noch guten Mutes war, ein entsprechendes Abkommen auf provisorischer Basis abschliessen zu können, änderte sich die Ausgangslage im Frühling dramatisch: Die EU machte klar, dass sie nur bei einer gleichzeitigen Lösung der institutionellen Fragen zu einem Stromabkommen mit der Schweiz bereit ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

10. Gefährden anstehende Polit-Projekte die Versorgungssicherheit des Landes?

Das ist eine Frage der politischen Haltung. Im Parlament ist derzeit das erste Massnahmenpaket zur Energiestrategie 2050 hängig, das eine stärkere Förderung der erneuerbaren Energien vorsieht. Umstritten ist insbesondere die Laufzeit der bestehenden Atomkraftwerke. Eine Mehrheit des Parlaments will hierbei auf eine zeitliche Beschränkung verzichten – auch weil sie dadurch weitere Versorgungsengpässe befürchtet. Weiter geht die Atomausstiegsinitiative der Grünen, die vermutlich Ende 2016 vors Volk kommt. Sie fordert die Abschaltung der AKW nach 45 Betriebsjahren. Dass Swissgrid nun eine Warnung herausgibt, wertet die Grünen-Präsidentin Regula Rytz gegenüber dem «Tages-Anzeiger» als «reine Stimmungsmache» gegen die eigene Initiative.

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