Gesundheit
Engpass bei Impfstoffen: Ärzte behandeln Patienten mit Zusatz-Präparaten

Da es an Präparaten mangelt, bekommen Patienten manchmal auch Impfungen, die sie gar nicht brauchen.

Antonio Fumagalli
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Kleiner Stich, grosse Wirkung: Derzeit mangelt es in Schweizer Arztpraxen teilweise jedoch an Dosen für Impfungen.

Kleiner Stich, grosse Wirkung: Derzeit mangelt es in Schweizer Arztpraxen teilweise jedoch an Dosen für Impfungen.

KEYSTONE

Herr Müller* ist seit Jahrzehnten Hausarzt im Kanton Aargau. Kurz vor Weihnachten wollte sich ein älterer Herr bei ihm spontan gegen die Grippe impfen lassen. Doch in der Praxis gab es keine Ampulle mit dem Grippevakzine mehr an Lager. Es begannen Abklärungen – ohne Erfolg. «Ich habe sicher sechs bis acht Telefonate gemacht, aber weder Kollegen noch die Dorfapotheke konnten weiterhelfen. Am Ende überwies ich den Patienten ans Kantonsspital Baden, dort hatten sie noch an kleines Restlager», sagt Müller.

Was sich wie ein Einzelfall anhört, ist Ausdruck eines Phänomens, das die Ärzte weltweit vermehrt beobachten: Bei Impfstoffen treten immer wieder Engpässe bei der Lieferung auf. Gemäss einer Umfrage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2015 meldeten 77 Prozent der befragten europäischen Länder, dass sie in dem Jahr mindestens einen Versorgungsengpass bei Impfstoffen erlebt haben.

In der Schweiz beispielsweise war im Sommer kein Keuchhusten-Präparat für Kleinkinder mehr erhältlich. Und seit Anfang November ist der Impfstoff Td-pur (für die Immunisierung gegen Tetanus und Diphtherie) nicht mehr lieferbar. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung BWL aktualisiert im Internet laufend eine Liste mit den Produkten, bei denen es aktuell Versorgungsengpässe gibt. An die Adresse der Ärzte steht bei einigen Impfstoffen gar: «Wichtiger Hinweis: Keine Hamsterkäufe tätigen.»

Folgen der Globalisierung

Die Gründe für den teilweisen Notstand sind mannigfaltig: Es gibt Impfstoffe, die weltweit nur von wenigen Produzenten hergestellt werden. Der Markt ist längst globalisiert, einen Schweizer Hersteller gibt es nicht mehr. Da es sich nur noch für Grosskonzerne rechnet, die aufwendigen Stoffe zu fabrizieren, hat es grosse Auswirkungen, wenn ein Hersteller Lieferschwierigkeiten hat oder die Produktion sogar einstellen muss. «Die Situation ist je nach Produkt sehr unterschiedlich. Tendenziell kann man aber sagen, dass Engpässe in jüngerer Vergangenheit gehäufter aufgetreten sind», sagt Mark Witschi vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Hinzu kommt, dass Impfstoffe aufgrund ihrer Komplexität nur beschränkte Zeit gelagert werden können und dass es – wie im Fall von Grippevakzinen – zu kurzfristigen Nachfragesteigerungen kommen kann, die nicht immer absehbar sind. In zahlreichen Ländern steigt die Impfrate stetig an, entsprechend ausgelastet sind die Produktionsstätten.

Für die Patienten – zumindest in der Schweiz – bedeutet ein Versorgungsengpass von Impfstoffen aber nicht unbedingt, dass sie «ungeschützt» bleiben müssen. Denn in den meisten Fällen können die Ärzte das Präparat über einen anderen Lieferanten beziehen oder mit einer Sonderbewilligung gar direkt aus dem Ausland importieren. Ist das gewünschte Produkt in seiner ursprünglichen Form nicht mehr erhältlich, verabreichen Ärzte zudem oftmals Kombinationsimpfstoffe, die zusätzliche Komponenten beinhalten. So empfiehlt das BAG derzeit beispielsweise, statt des klassischen Tetanus-Diphtherie-Impfstoffs einen anderen zu verabreichen, der auch gegen Polio oder Keuchhusten wirkt. Nicht allen Ärzten passt das jedoch: «Es macht nicht viel Sinn, den Patienten einen Impfstoff zu geben, den sie gar nicht brauchen», sagt Jürg Lareida, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes.

Betroffen von den weltweiten Engpässen sind nicht zuletzt auch die Schweizer Pharmafirmen, welche die Impfstoffe importieren. «Die Überbrückung eines Versorgungsengpasses bedeutet für die betroffene Firma viel Aufwand und bei einem wirklichen Engpass, bei dem es keine therapeutischen Alternativen gibt, auch ein Reputationsrisiko», sagt Sara Käch von Interpharma.

Der Bund ist eingeschritten

Immerhin dürfte sich das Problem mittelfristig entspannen – denn seit Oktober dieses Jahres verpflichtet der Bund die Impfstoff-Importeure, ein Pflichtlager für die 13 wichtigsten Impfstoffe aufzubauen. Am Durchschnittsverbrauch gemessen soll das Notlager für vier Monate ausreichen. Gemäss dem verantwortlichen Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) wird es aber noch rund zwei Jahre dauern, bis die Lager voll funktionsfähig sind.

Die Kosten sind entsprechend noch nicht genau abzuschätzen. «Es wird sich aber um einen Bruchteil eines Franken pro Impfung handeln», sagt BWL-Geschäftsleitungsmitglied Ueli Haudenschild.

* Name der Redaktion bekannt.

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