Wehrpflicht

England rekrutiert laut GSoA-Gegnern im Knast – London dementiert

Grossbritannien müsse seine Soldaten sogar in Gefängnissen suchen, warnen Gegner der GSoA-Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht. Doch London dementiert: Man habe nie in Gefängnissen rekrutiert.

Vor einer Woche in Bern: Denis Froidevaux, Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft, hatte den Medien Besorgniserregendes über den Zustand der Armeen Europas zu berichten.

An der Pressekonferenz des Komitees gegen die Wehrpflicht-Initiative schildert er, wie schlecht es um die Truppen jener 25 Staaten bestellt sei, welche die Dienstpflicht abgeschafft haben und zu einer freiwilligen Berufsarmee übergegangen sind: In Deutschland blieben 30 Prozent der Soldaten weniger als ein Jahr, sagt er mit schwerer Miene. Spanien müsse seine Männer in südamerikanischen Ländern anwerben. Und Schweden schaffe es bis heute nicht, die gewünschte Truppenstärke zu erreichen.

Froidevaux’ Botschaft: Nimmt das Volk die Initiative der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) an, muss die Armee mit ähnlich desolaten Zuständen rechnen.

Die spektakulärste Aussage macht er zu den Streitkräften des Vereinigten Königreichs. Die Armee Grossbritanniens, so Froidevaux, müsse ihre Soldaten sogar in Gefängnissen rekrutieren, weil sie sonst nicht genügend Bewerber finde. In der schriftlichen Version seines Referates steht wörtlich: «In Grossbritannien wird Häftlingen Strafmilderung versprochen, um Freiwillige zu finden.»

Stimmt das wirklich? «Die Nordwestschweiz» hat beim Verteidigungsministerium in London nachgefragt und eine klare Antwort erhalten. «Wir rekrutieren weder in Gefängnissen noch haben wir das je getan. Der Hauptgrund dafür ist: Jede Person, die im Gefängnis sitzt, hat ein Strafurteil zu verbüssen», schreibt Darragh McElroy, Chef-Pressesprecher beim Ministry of Defence, in einem E-Mail.

Info vom Nachrichtendienst?

Konfrontiert mit dem Dementi aus London, bestreitet SOG-Präsident Froidevaux einen Irrtum und beharrt auf seiner Behauptung. «Die Briten würden es nie offiziell zugeben, aber sie werben Häftlinge als Soldaten an», sagt er auf Anfrage. Er sei gut informiert, immerhin stamme die Auflistung der Rekrutierungsprobleme der einzelnen Armeen von Jean-Philippe Gaudin persönlich, dem Chef des militärischen Nachrichtendienstes.

Tags darauf meldet sich auch noch der Leiter der Nein-Kampagne gegen die GSoA-Initiative, Hans-Peter Wüthrich. Der pensionierte Brigadier versucht, Zweifel an Denis Froidevaux’ Aussagen zu zerstreuen und verweist auf zwei Online-Artikel, welche die Praxis der Gefängnis-Rekrutierung in Grossbritannien belegen sollen.

Beim ersten Text handelt es sich um einen Artikel der österreichischen «Austria Presse Agentur». Darin steht: «Grossbritannien musste schon in Gefängnissen, unter Obdachlosen und in Pubs rekrutieren.» Präzisere Angaben oder gar eine Quelle fehlen jedoch.

Der zweite Artikel ist ein 14 Jahre alter, dafür gut dokumentierter BBC-Bericht über ein Pilotprojekt zur Rekrutierung von Jugendstraftätern. Das britische Verteidigungsministerium sagt dazu kurz und knapp: «Es ist beim Pilotprojekt geblieben. Wir haben nie in Gefängnissen rekrutiert.»

Kein Fehlereingeständnis

«Die Nordwestschweiz» hat die Stellungnahme aus London sowohl Brigadier a.D. Wüthrich als auch SOG-Präsident Froidevaux zukommen lassen. Dennoch wollen die GSoA-Gegner keinen Millimeter von ihren Aussagen abweichen. «Wir stützen uns auf journalistische Beiträge, welche die Rekrutierungsthematik in verschiedenen Ländern kritisch beleuchten», erklärt Wüthrich. «Wir sehen vor diesem Hintergrund keinen Anlass, unsere Position zu ändern.»

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