Energiewende
Der Schweiz droht ein Strommangel im Winter – doch ein Pilotprojekt zeigt, dass die Politik Gegenmassnahmen wenig fördert

Im Glarnerland entsteht auf 2500 Meter eine grosse alpine Solaranlage. Sie soll - anders als Projekte im Mittelland - im Winter gleich viel Strom liefern wie im Sommer. Das Problem: Rentabel ist das nur bedingt.

Lucien Fluri
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4872 Module werden an der Muttsee-Staumauer (GL) angebracht.

4872 Module werden an der Muttsee-Staumauer (GL) angebracht.

Gian Ehrenzeller/Keystone

Der Weg zur Muttsee-Staumauer auf 2500 Metern über Meer könnte auch Kulisse für einen James-Bond-Film der 60er-Jahre gewesen sein. Denn wer zur Staumauer in den Glarner Alpen hoch will, fährt durch immense Tunnel, die eigens für das Kraftwerk in den Berg gehauen wurden. Er benutzt Lifte unter Tag und lange Gänge im Berg. Und nicht zuletzt überwindet er mehrere Hundert Höhenmeter in einer Seilbahn, für die ein Stollen in den Fels gehauen ist.

Doch auf der Muttsee-Staumauer oben soll kein Agententhriller der 60er-Jahre spielen. Sondern die Zukunft der Schweizer Stromversorgung. Der Energiekonzern Axpo und die Basler Energieversorgerin IWB bauen hier an der Staumauer des Pumpspeicherwerks Linth-Limmern eine Solaranlage. Transporthelikopter bringen derzeit 4872 Solarmodule, 170 Tonnen Stahl und 100 Tonnen Aluminium auf den Berg.

Die Schweiz könnte vor allem im Winter ein Problem bekommen

Das Projekt hat Pioniercharakter, sein Ziel: Die Anlage mit 2,2 Megawatt Leistung soll im Sommer gleich viel Strom liefern wie im Winter. – Weil auf 2500 Metern weniger Nebel liegt als im Mittelland, weil der Schnee reflektiert und weil die Panels bei Kälte effizienter sind. 1,5 mal mehr Strom als eine gleiche Anlage im Tal soll das alpine Projekt liefern.

Damit soll die Anlage Vorbildcharakter für die Energiewende einnehmen. Denn die Solaranlagen im Mittelland liefern nur 30 Prozent ihres Stroms im Winter. Diese geringe Stromproduktion in der kalten Jahreszeit könnte für die Schweiz zum Problem werden, setzt das Land doch grösstenteils auf Solarenergie für die Energiewende. Einerseits soll sie den Atomstrom ersetzen, der in den 2030er-Jahren wegfallen soll. Andererseits soll sie Ersatz für fossile Treibstoffe sein, die bis 2050 verschwinden sollen.

Investiert wird in Frankreich, Portugal, Spanien, aber nicht hierzulande

Auf der Staumauer steht Christoph Sutter. Er ist der Verantwortliche für neue Energien bei der Axpo. Sutter versprüht nicht gerade Hoffnung, dass die Schweiz die drohende Stromlücke im Winter rasch meistern wird. «Die Rahmenbedingungen erlauben es nicht, in der Schweiz zu investieren», sagt er. Der Energiekonzern hat denn auch in den letzten Jahren vorwiegend im Ausland in erneuerbare Energien investiert. Den zwei Megawatt im Glarnerland stehen 300 Megawatt in Frankreich gegenüber.

Die Module werden an einer Trägerkonstruktion aus Stahl und Aluminium angebracht. Sie soll bis zu 60 Jahre halten.

Die Module werden an einer Trägerkonstruktion aus Stahl und Aluminium angebracht. Sie soll bis zu 60 Jahre halten.

ZVG

Rentabel ist der Bau der Anlage zudem nur, weil der Detailhändler Denner zugesichert hat, den Strom über eine lange Zeitspanne zu einem festgelegten Preis abzunehmen. Statt wie üblicherweise vier bis zehn Rappen pro Kilowattstunde betragen die Gestehungskosten aufgrund der aufwendigen Infrastruktur in den Alpen eher gegen 20 Rappen.

Axpo: Das geplante Fördersystem ist zu langsam

Für die Axpo ist die Solaranlage denn auch mehr ein politisches als ein wirtschaftliches Projekt: An ihr versucht der Konzern seit Monaten zu zeigen, was in der Schweizer Energiepolitik nötig wäre – und was falsch läuft. Der Hintergrund: In Bern wird in den nächsten Monaten – oder Jahren – hart darum gerungen, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien gefördert werden soll. Das Parlament wird dies im Strom- und Energiegesetz festlegen.

Die Axpo warnte wiederholt: Mit den bisher geplanten Fördermassnahmen des Bundes wird der Ausbau nicht so schnell gelingen wie nötig. Deshalb fordert die Axpo eine gleitende Marktprämie, eine Art Defizitgarantie bei tiefen Strompreisen, statt der geplanten Investitionsbeiträge an neue Anlagen. Und sie verlangt auch eine spezielle Förderung für teurere Projekte wie dasjenige in den Alpen.

Und nicht zuletzt muss aus Sicht des Badener Energiekonzerns bei der Dauer der Baubewilligungen und beim Landschaftsschutz angesetzt werden, wenn die Energiewende rechtzeitig gelingen soll. So müsse die Schweiz auch in den Alpen Freiflächenanlagen erlauben, sagt Axpo-Mann Sutter. «Es muss nicht auf der Wiese gebaut werden. Aber wo es schon Infrastruktur gibt, muss dies möglich sein.»

Vielleicht schafft Bern jetzt früher Fakten als alle dachten

Allerdings könnten in Bezug auf die Fördermassnahmen früher Fakten geschaffen sein als bisher angenommen. Bereits durch den Nationalrat gegangen ist eine Parlamentarische Initiative von Grünen-Nationalrat Bastien Girod (ZH). Sie hat auch im Ständerat gute Chancen. Demnach würden die Fördermittel bis 2030 festgelegt.

Für Girod ist dies dringend nötig. Denn er geht davon aus, dass das Strom- und Energiegesetz nicht durchberaten ist, wenn die aktuellen Fördermassnahmen auslaufen. Die Politik sei sich einig, dass die einheimischen Erneuerbaren ausgebaut werden müssten. Da könne sie nicht die Förderinstrumente «ohne Anschlusslösung auslaufen» lassen, sagt Girod.

Sein Vorschlag geht zwar in Richtung der Fördermassnahmen, die der Bundesrat dem Parlament vorschlägt. Er sieht aber keine strategische Winterreserve vor; dafür weiterhin eine Marktprämie für die defizitäre Wasserkraft. Kritik meldet der Bundesrat an. Er fürchtet, dass eine befristete Zwischenlösung die Planungssicherheit nicht erhöht; sind doch Strominfrastrukturprojekte eine langwierige Angelegenheit. Auch bei der Axpo ist man skeptisch. Aus Sicht des Konzerns besteht die Gefahr, dass das Parlament beim Strom- und Energiegesetz nicht so rasch wie nötig handelt, wenn es eine Zwischenlösung gibt.

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