Betrugsfall

Ende Monat sollte er ins Gefängnis: Jetzt liegt Millionenbetrüger Behring im Berner Inselspital

Dieter Behring beim Verlassen des Gerichts.Ti-Press/Keystone

Dieter Behring beim Verlassen des Gerichts.Ti-Press/Keystone

Der Börsenguru Dieter Behring sollte Ende Monat ins ins Basler Untersuchungsgefängnis, doch er ist erkrankt. Ob und wann der 63-jährige Finanz-Jongleur die Haft antreten wird, ist unklar.

(16.01.2019)

Am 28. Januar soll Dieter Behring (63) ins Basler Untersuchungsgefängnis einrücken, dann folgt die Überstellung in die Justizvollzugsanstalt Wauwilermoos (LU). Dort soll der ehemalige Börsenguru eine Strafe von fünfeinhalb Jahren antreten, zu der ihn 2016 das Bundesstrafgericht wegen gewerbsmässigen Betrugs verurteilte. Sein Schneeballsystem habe einen Schaden von 800 Mio. verursacht.

Ob und wann Behring die Haft antreten wird, ist unklar. Er liegt seit dem 4. Januar mit einer schweren Gelbsucht im Spital. Zunächst war er im Basler Claraspital, gestern wurde er ins Berner Inselspital verlegt. «Es geht ihm nicht gut, seine Blutwerte sind schlecht», sagt seine Frau Ruth Behring. Die Diagnose: Leberzirrhose, verursacht durch eine Gallenerkrankung mit dem Namen «PSC Primär Seklerosierende Cholangitis», welche langsam die Leber zersetzt. Es bleibe wohl nur eine Lebertransplantation, sagt Ruth Behring. Derzeit ist ein Antrag auf Verschiebung des Haftantritts hängig.

Der Fall Behring wird immer dramatischer. Der Niedergang begann 2004, mit der Verhaftung von Behring. 2016 kam der Fall endlich vors Bundesstrafgericht in Bellinzona. In der Zwischenzeit hatte Bundesanwalt Michael Lauber eine «Fokussierungsstrategie» verfügt: Gegen neun Mitbeschuldigte stellte er die Untersuchung in der Hauptsache ein, vor Gericht kam nur Behring.

Anwalt an Krebs erkrankt

Das Bundesstrafgericht unter Daniel Kipfer brauchte 14 statt der vorgeschriebenen 3 Monate für die schriftliche Urteilsbegründung. Als sie im Dezember 2017 endlich vorlag, hatte der Basler keinen Anwalt mehr: Sein erbetener Verteidiger Bruno Steiner war schwer an Krebs erkrankt. Der unkonventionelle Rechtsanwalt hatte aus Interesse am einzigartigen Fall gratis für Behring gearbeitet. Im Gegensatz zum Berner Pflichtverteidiger, der nahezu eine Million kassierte und gemäss Behring nicht viel leistete. Als Steiner ausfiel, stand Behring jedenfalls ohne Verteidiger da. Er hatte weder Geld noch die Zeit für einen anderen: Innert nur 30 Tagen musste die Beschwerde ans Bundesgericht verfasst werden.

Steiner versuchte noch, eine Erstreckung der Beschwerdefrist bis Juli 2018 zu erreichen. Das Bundesgericht hatte kein Einsehen und befand: «Die Frist ist unabänderlich.»

Behring lieferte die Beschwerde, die er und seine Frau selbst fabriziert hatten, fristgemäss am 31. Januar 2018 ab. Im August erhielt er Post aus Lausanne: Beschwerde abgelehnt.

Inzwischen waren unter anderem in den «Paradise-» und den «Panama-Papers» neue Elemente aufgetaucht. So stellte sich heraus, dass einer der einstigen Mitbeschuldigten Behrings eine Tarnfirma in einem Steuerparadies betrieb, auf deren Konto sich im Herbst 2017 umgerechnet 100 Millionen Franken befanden. Behring vermutete, dass das Geld ein Teil jener 500 Millionen an Kundengeldern aus seinem System war, die bis heute spurlos verschwunden sind. Er schrieb ein Revisionsgesuch ans Bundesgericht. Dieses stellte zwar im Entscheid vom 14. Dezember 2018 fest, dass die Frage der 100 Millionen tatsächlich nicht geklärt sei. Allerdings kam das Gericht auch zum Schluss, dass, selbst wenn das Geld Behrings Mitbeschuldigten gehörte, dies nichts Wesentliches an der Schuld des Financiers ändern würde. Und lehnte das Revisionsgesuch ab.

Ruth Behring sagt: «Die Revision ist das Letzte, was wir machen konnten.» Zwar gäbe es noch den Weg an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Aber ohne Anwalt und weil die ganze Eingabe auf Französisch verfasst werden müsste, sei das illusorisch. Und: «Es würde Jahre dauern, bis ein Entscheid vorliegt, und wer weiss, was in Jahren ist.»

Ruth Behring hatte wie ihr Mann immer gehofft, dass der Fall neu aufgerollt wird. Heute sagt sie: «Uns hat man alles genommen, das akzeptieren wir. Aber es gibt Leute, die haben Millionen beiseitegeschafft und laufen frei herum. Dass die Justiz der Spur des Geldes nie nachging, ist unerträglich. Das ist Geld, das den Geschädigten gehört, sie wurden so noch ein zweites Mal betrogen.»

Am letzten Sonntag waren es exakt 45 Jahre her, als die Behrings ihr erstes Rendez-vous hatten. Seither habe sie mit ihrem Mann «ununterbrochen glücklich zusammengelebt», wie Behrings Frau sagt. «Ich kenne meinen Mann und all seine Stärken und Schwächen also sehr genau.» Sie zeigt sich nach wie vor überzeugt, dass ihr Mann nicht der Hauptbösewicht war in der Affäre, dass die Justiz das aber so haben wollte.

Ob die Bundesanwaltschaft der Spur der 100 Millionen noch folgt? Eine Sprecherin sagt: «Generell gilt, dass die Bundesanwaltschaft von Amtes wegen sämtlichen sachdienlichen Hinweisen nachgeht. Entsprechend wird sie im vorliegenden Sachzusammenhang auch weiterhin diejenigen Ermittlungshandlungen tätigen, die erforderlich sind.»

Noch laufen einige Verfahren im gesamten Behring-Verfahrenskomplex: «Bisher sind ein Strafurteil, 25 Einstellungen und 2 Strafbefehle in Rechtskraft erwachsen. Gegen zwei weitere Strafbefehle ist Einsprache und gegen eine weitere Einstellung ist Beschwerde beim Bundesstrafgericht erhoben worden», sagt die Sprecherin.

Meistgesehen

Artboard 1