Es war der 7. März 2013. Giuliano Bignasca, der umstrittene Leader der rechtspopulistischen Bewegung Lega dei Ticinesi, starb überraschend im Alter von 67 Jahren in Lugano. Selbst politische Gegner waren konsterniert, denn «Nano» – der Zwerg – gehörte zum Inventar des Südkantons.

Mit der Gründung der EU-feindlichen Lega Anfang der 1990er-Jahre schrieb Bignasca Geschichte. Die Bewegung hat das Tessin politisch umgekrempelt.

Nach dem Tod glaubten viele, das Ende der Bewegung sei gekommen. Denn Bignasca – als Präsident auf Lebenszeit – war Mentor und Gesicht der Lega. Er schrie und tobte gegen Grenzgänger, forderte den Bau einer Mauer an der Grenze zu Italien, setzte sich aber auch für eine zusätzliche AHV-Rente ein.

Doch es sollte anders kommen. Nur wenige Wochen nach seinem Tod gelang in Lugano das Husarenstück: Der langjährige Lega-Staatsrat Marco Borradori wurde zum Stadtpräsidenten der grössten Tessiner Stadt gewählt, drei von sieben Sitzen in der Exekutive sind seither von der Lega besetzt.

Die Stimmbürger bestätigten dieses Ergebnis 2016. Im Staatsrat hatte die Lega bereits 2011 zwei Sitze und damit die relative Mehrheit erobert. Im Kantonsrat ist die Lega zweitstärkste Fraktion.

Die Macht der «Colonelli»

Der anhaltende Erfolg mag verwundern. Denn kein Politiker hat das Erbe von Giuliano Bignasca angetreten. Sein Bruder Attilio wirkte bis Dezember als Koordinator. Doch er hatte nie das Charisma seines Bruders. «Und jetzt bin ich nur noch Nonno – Grossvater», sagt der mittlerweile 74-jährige Alt-Nationalrat.

Eine Theorie für den anhaltenden Lega-Erfolg hat Pierre Rusconi, der 2003 von der Lega zur SVP gewechselt war und ebenfalls im Nationalrat sass: «Das geniale Erbe von Bignasca war, dass er es geschafft hat, Wähler emotional an die Bewegung zu binden.»

Anders gesagt: Die Lega habe keine Mitglieder, sondern Fans, die zur Lega wie zu einem Verein stehen, auch wenn Trainer und Spieler wechseln. Sie bleiben treu, auch wenn gewisse Entscheide – etwa Steuererhöhungen oder die Einführung von Sackgebühren – im krassen Gegensatz zu einstigen Forderungen der Lega stehen.

Und: «Es gab keinen Kampf um das Präsidium, so konnten die verschiedenen Seelen der Lega nebeneinander bestehen», analysiert Politologe Oscar Mazzoleni von der Uni Lausanne.

Die Lega kennt keine Parteitage oder Vorstandssitzungen. Damit unterscheidet sie sich klar von ihrer politischen Schwester SVP, die klassisch aufgestellt ist – mit Präsidium, Delegiertenversammlungen und Parolenfassungen.

Wichtige Entscheide der Lega werden von einem kleinen Zirkel getroffen, den «Colonelli» (Offizieren), die sich in der Regel am Sonntagabend treffen: die beiden Staatsräte, die drei Stadträte von Lugano, die zwei Lega-Nationalräte und Mitglieder der Familie Bignasca. «Eine ähnliche Struktur gibt es in Westeuropa sonst nur noch in Holland bei der Freiheits-Partei von Geert Wilders», sagt Mazzoleni.

Tatsächlich ist die Rolle der Familie Bignasca nach wie vor zentral bei der Lega, auch wenn mit Boris Bignasca (31), dem Sohn des verstorbenen Giuliano, nur noch ein Familienmitglied als Grossrat aktiv ist. Hinter den Kulissen zieht Antonella Bignasca, Tochter von Attilio, die Fäden.

Wer über sie spricht, sagt mit einem Augenzwinkern: «Governo ombra», das Schattenkabinett. Am Sitz der Baufirma Bignasca im Arbeiterviertel Molino Nuovo von Lugano befindet sich nach wie vor der Redaktionssitz des «Mattino della domenica», dem sonntäglichen Gratis-Kampfblatt der Lega, das bis vor fünf Jahren die Handschrift von Bignasca trug und von der Familie grosszügig gesponsert wird.

Dort hat jetzt Nationalrat Lorenzo Quadri das Sagen, der einen etwas zahmeren Kurs gewählt hat. Während Bignasca mit Strafanzeigen wegen Beleidigungen und Ehrverletzung eingedeckt wurde, sagt Quadri: «Ich gehe nur bis zum Rand des Erlaubten, habe bisher keine Anzeige eingefangen.»

Trotzdem ist es vor allem Lorenzo Quadri, der die rebellische Tradition der Lega fortführt. Woche um Woche beleidigt oder karikiert er Politiker der anderen Parteien. Zuletzt steckte er CVP-Regierungsrat Paolo Beltraminelli bildlich in einen Fleischwolf. Den Lega-Anhängern, dem Fanclub, ist es offenbar recht so. Es ist Teil der Wählerbindung. Und der Rest der Bevölkerung hat sich achselzuckend daran gewöhnt.