«Emotionale Qualität macht die Familie aus»

Soziologin Andrea Maihofer sagt, wie Eltern gefordert sind.

Corinna Hauri, Karen Schärer

Wie geht es den Familien in der Schweiz?

Andrea Maihofer: Sie stehen vor zwei grossen Problemen. Das eine ist die Erziehung: Die Eltern werden vor Erziehungsprobleme gestellt, die sie überfordern. Gleichzeitig gibt auch die Schule immer mehr Aufgaben an sie zurück, weil sie ebenfalls überfordert ist. Das zweite Problemfeld ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weil flächendeckende und qualitative Einrichtungen fehlen.

Inwiefern sind auch die Finanzen ein Problem für Familien?

Maihofer: Das kommt dazu. Die Situation wird verschärft, wenn Familien zwei Einkommen brauchten und die Betreuungsmöglichkeiten fehlen oder sehr teuer sind. Und bei Einelternfamilien ist die Situation noch prekärer.

Gibt es noch weitere Herausforderungen?

Maihofer: Ja, die Zunahme der Organisationsaufgaben, die eine Familie lösen muss. Das verlangt ein hohes Mass an Verlässlichkeit, sonst bricht alles zusammen. Das ist anders als früher und wird sich auch nicht mehr ändern.

Was könnte Familien helfen?

Maihofer: In der Schweiz fehlt eine Familienpolitik. Heute ist sehr viel kantonal geregelt, aber es braucht Eckpfeiler, die von eidgenössischer Ebene gesetzt werden und auf die aktuelle Entwicklung reagieren. Zum Beispiel braucht es Interventionen für flexible Arbeitszeiten, Betreuungsstrukturen, Tagesschulen etc. Zudem richtet sich heute die Familienpolitik nur an die Frauen. Doch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein gemeinsames Problem von Frauen und Männern. Das müssten auch Unternehmen berücksichtigen.

Wo stehen die Schweizer Familien in Bezug auf Geschlechterfragen?

Maihofer: Statistisch gesehen sind es nach wie vor die Frauen, welche die Hauptlast in Haushalt und Kinderbetreuung tragen. Bei der Kinderbetreuung ändert sich dies allmählich: Immer mehr Männer beteiligen sich oder möchten dies. Doch sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz, weil sie nicht mehr als engagierte Arbeitnehmer gelten, wenn sie Teilzeit arbeiten oder Familienpflichten übernehmen. Oft sind aber die Männer für kleine Dinge eingebunden, was man in Statistiken nicht sieht. Zum Beispiel wenn der Vater mit den Kindern frühstückt oder sie zur Schule bringt.

Wie hat sich das Verständnis der Familie in der Schweiz verändert?

Maihofer: Es gibt immer mehr verschiedene Familien-Modelle: Patchworkfamilien in allen verschiedenen Formen, Einelternfamilien, gleichgeschlechtliche Eltern. Heute macht die emotionale Qualität die Familie aus. Familie ist da, wo ich mich geborgen fühle, aber das Aussehen dieser Familie ist immer anders.

Tausende von Kindern wachsen mit nur einem Elternteil auf. Was hat dies für einen Einfluss auf diese Kinder?

Maihofer: Auch hier gibt es unterschiedliche Modelle: Einelternfamilien mit einem grossen Netz von Verwandten und Freunden oder Einelternfamilien, in denen der zweite Elternteil eine sehr grosse Rolle spielt. In solchen Fällen hat das kaum Auswirkungen auf die Kinder. Schlimm ist es da, wo ein Netz und der zweite Elternteil fehlen und Kinder allein zu Hause sitzen. Allerdings kann es auch sein, dass solche Kinder schneller reifen, was nicht nur negativ ist. Es gibt übrigens keine Forschung, die ein emotionales Defizit bei Kindern von Einelternfamilien erkannt hätte.

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