Er ist sozusagen Doris Leuthards Stammvater, in der Partei wie auch im Departement: der Luzerner Josef Zemp, der 1891 zum ersten Bundesrat der Katholisch-Konservativen (heute: CVP) gewählt wurde.

Erstmals überliessen die alles dominierenden Freisinnigen den Konservativen einen Sitz in der Landesregierung. Zemp blieb 17 Jahre, er stand fast durchwegs dem Post- und Eisenbahndepartement vor. Dem Ministerium, das heute Uvek (Umwelt, Verkehr, Energie, Kommunikation) heisst und von Leuthard geleitet wird.

127 Jahre und 20 CVP-Bundesräte später steht die Katholikenpartei vielleicht vor einer Revolution. Der protestantischen Revolution.

Das hat zu tun mit Elisabeth Schneider-Scheiter (54), Baselbieter Nationalrätin der CVP. Sie wird als mögliche Nachfolgerin von Doris Leuthard gehandelt, die bis Ende 2019 als Bundesrätin zurücktreten will.

Sollte Schneider-Schneiter dereinst gewählt werden, würde die CVP erstmals von einem nicht katholischen Mitglied im Bundesrat vertreten: Die Frau ist reformiert. Die katholischen CVP-Stammlande, auf die sich die Partei unter Präsident Gerhard Pfister zurückbesinnt oder – wie manche befürchten – zurückzieht, stünden erstmals seit 1891 ohne Vertretung im Bundesrat da.

Chancenlos scheint Elisabeth Schneider-Schneiter nicht. Sie ist in der CVP gut verankert, ist Mitglied des nationalen Parteipräsidiums. Die Juristin präsidiert derzeit die Aussenpolitische Kommission (APK), ihr werden also von der CVP verantwortungsvolle Ämter anvertraut.

Aber was, wenn es wirklich ums Eingemachte geht? Eine Protestantin als einziges CVP-Mitglied im Bundesrat? Vielleicht sogar als letztes Mitglied der in der Landesregierung gegen die Schwindsucht kämpfenden Partei überhaupt?

Manche Beobachter halten eine Bundesrätin Schneider-Schneiter für undenkbar, eine zu grosse Rolle spiele die Konfession auch heute noch in einigen Köpfen. «Es sind die katholischen Stammlande, die heute noch zur CVP stehen. Die Partei kann es sich nicht leisten, sie vor den Kopf zu stossen», sagt einer.

Die CVP selbst sieht das hochoffiziell anders. Präsident Gerhard Pfister, Zuger Nationalrat und Katholik, hält kurz und bündig fest: «Die Frage der Konfession spielt absolut keine Rolle.» Allerdings las man von ihm auch schon anderes. Vor drei Jahren sagte Pfister der «Basler Zeitung»: «Katholizismus ist in den Genen unserer Wähler.» Die CVP werde «zu 90 Prozent von Katholiken gewählt».

Aber es gibt tatsächlich Leute, die denken, dass eine reformierte Bundesrätin der CVP, etwa im zwinglianischen Zürich, neue Wählersegmente eröffnen könnte.

Frei nach Goethes Faust: Wie hat es die CVP mit der Religion? Manche wollen zur Gretchenfrage lieber nicht Stellung nehmen. Der katholische Bündner Nationalrat Martin Candinas verweist immerhin auf später: «Die CVP hat aktuell keine Vakanz im Bundesrat.» Er äussere sich nicht zu möglichen Kandidatinnen und Kandidaten bei einer zukünftigen Vakanz.

Und Elisabeth Schneider-Schneiter selbst? Sie sagt: «Für mich ist das schon allein deshalb kein Thema, weil Doris Leuthard im Moment im Amt ist und die Frage sich nicht stellt.»

«Unser C steht für christlich»

Ist die Konfession wirklich kein Thema? Ja, sagt die katholische Luzerner Nationalrätin Ida Glanzmann: «Seit Jahren ‹predigen› wir, dass die Konfession bei uns keine Rolle spielt. Und nun kommen Sie mit dieser Frage? Wir sind die CVP, und unser C steht für christlich und nicht für katholisch.»

Glanzmanns Einschätzung in dieser Frage hat besondere Bedeutung: Bundesrat Zemp war einer ihrer Ururgrossväter.