Alt Bundesrätin

Elisabeth Kopp: «Frauen schielen weniger nach Macht als Männer»

Auch die Karriere von alt Bundesrätin Elisabeth Kopp nahm ein jähes Ende. Was denkt sie über den Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf und was unterscheidet das Schicksal von Frauen und Männern in der Politik?

Frauen haben einen schweren Stand im Bundesrat. Mit Elisabeth Kopp, Ruth Metzler und dem jüngsten Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf traten in den letzten 30 Jahren gleich drei Frauen unter grossem Druck aus der Regierung zurück. Werden Bundesrätinnen rascher fallen gelassen als ihre männlichen Kollegen? Ein Gespräch mit alt Bundesrätin Elisabeth Kopp über das Dilemma der Frau im höchsten politischen Amt der Schweiz.

Frau Kopp, mit Eveline Widmer-Schlumpf tritt bereits die dritte Frau vorzeitig aus dem Bundesrat. Ein Zufall?

Elisabeth Kopp: Eveline Widmer-Schlumpf ist freiwillig ausgeschieden. Sie hat immerhin zwei Amtszeiten durchgestanden. Man muss sich vor Augen führen, was das heisst: regelmässige 14-Stunden-Tage und auch am Samstag Aktenstudium. Natürlich schwingt mit, dass sie eventuell nicht wiedergewählt worden wäre. Dieses Risiko wollte sie wohl nicht auf sich nehmen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von ihrem Rücktritt hörten?

Ich habe es sehr bedauert, zeigte aber auch Verständnis für ihren Entscheid.

Wird die Amtsführung von Bundesrätinnen kritischer beurteilt als diejenige ihrer männlichen Kollegen?

Wir sind heute einen grossen Schritt weiter als in den Achtzigerjahren. Als ich Bundesrätin war, wurde alles kommentiert von der Frisur über die Kleidung bis zur Schminke. Ich wollte aber nicht das Mannequin der Nation sein, sondern über politische Inhalte sprechen. Ich wollte mir keine Blösse geben, um den nachkommenden Frauen den Weg zu ebnen. Heute attestiert man den Bundesrätinnen mehr Dossierkompetenz. Das zeigen auch die Kommentare zum Rücktritt von Widmer-Schlumpf. Die überwiegende Mehrheit befand, dass sie ihre Sache recht machte.

Warum ist es für eine Frau schwieriger in den Bundesrat zu kommen als für einen Mann?

Für eine Frau ist es allein schon schwierig einen Partner zu finden, der die Grösse hat, sie während ihrer politischen Karriere zu unterstützen. Ein Mann muss bereit sein, seine Frau schon während ihrer frühen Politikkarriere zu unterstützen, wenn sie Abend für Abend als Gemeindepolitikerin unterwegs ist. Diese Rolle im Hintergrund liegt eher den Frauen. Männer haben es nicht gerne, wenn ihre Frau im Rampenlicht steht.

Erkennen Sie Parallelen zwischen den Schicksalen von Ruth Metzler und Eveline Widmer-Schlumpf und Ihrer eigenen Geschichte?

Unsere Geschichten sind unterschiedlich. Was mich aber mit Ruth Metzler verbindet, ist der Mut, auch einmal gegen die Parteilinie anzutreten. Sie ist damals für die Fristenlösung eingestanden. Das hat man ihr seitens der CVP übel genommen. Am Ende wurde sie von ihrer eigenen Partei fallen gelassen und durch den farbloseren Joseph Deiss ersetzt. Dass man eine junge Frau so abserviert hat, machte mich wütend. In meinem Fall war es unter anderem der Einsatz für ökologische Themen wie für Katalysatoren bei Autos. Es hiess bei meiner Partei Umweltschutz sei ein linkes Anliegen, das bei der FDP nichts zu suchen habe. Doch ob rechts oder links, letztlich atmen wir dieselbe Luft. Als liberale Partei hat es die FDP damals verpasst, Umweltanliegen aufzugreifen.

Politisieren Frauen anders als Männer?

Frauen überlegen sich weniger, ob ihnen etwas nützt oder schadet. Sie schielen weniger nach Mehrheiten und Macht als Männer, sondern vertreten die Position, was ihrer Meinung nach richtig und vernünftig ist.

Vor vier Jahren gab es eine Frauenmehrheit im Bundesrat. Davon bleibt heute wenig übrig. In der nächsten Legislatur dürften nur noch Doris Leuthard und Simonetta Sommaruga im Amt sein, der Bundesrat verkommt zum Männerklub. Den zweiten SVP-Sitz wird ein Mann übernehmen. Müsste die SVP nicht auch eine Frau ins Rennen schicken?

Wer käme bei der SVP als Bundesrätin infrage? Ob Frau oder Mann ist für mich weniger wichtig. Entscheidend sind die Qualifikationen. Wenn unter den Kandidaten eine Frau ist, die dieselben Qualifikationen hat, dann sollte die SVP ihr aber den Vorzug geben.

Wie hoch müsste der Frauenanteil im Bundesrat längerfristig sein?

Ich halte nichts von einer starren Quote. Logischerweise schwankt der Anteil immer etwas und muss nicht strikte bei 50 zu 50 liegen – bei sieben Mitgliedern ist das ohnehin nicht möglich. Die Parteien müssen aber aus eigenem Interesse Frauen für den Bundesrat vorschlagen. Frauen sind auch Wählerinnen, die sich jederzeit von der Partei abwenden können. Darin unterscheidet sich die Politik von der Wirtschaft.

Sie selbst waren Mutter und Bundesrätin. Lässt sich das Bundesratsamt überhaupt mit einer Familie vereinbaren?

Es kommt auf das Alter der Kinder an. Meine Tochter war schon erwachsen, als ich Bundesrätin wurde. Dann geht es, bei kleineren Kindern ist es schwierig.

Die Parlamentswahlen haben gezeigt: Frauen kandidieren nicht nur seltener, sie haben im Schnitt auch schlechtere Wahlchancen als Männer. Weshalb?

Es ist durchaus denkbar, dass Frauen mehr Angst haben als Männer, sich öffentlich zu exponieren. Sie ziehen sich lieber ins Private zurück. Oft fehlen ihnen auch die Netzwerke.

Wie könnte man Politik für Frauen attraktiver machen?

Man muss aufhören, Politik schlecht zu machen. Wenn ständig gesagt wird, Politik ist ein schmutziges Geschäft, dann ist es für Frauen nicht ermutigend. Heute haben die Frauen im Vergleich zu früher gute berufliche Aussichten. Sie entscheiden sich aber für den Beruf, weil ihnen dieser Weg mehr Auskommen und weniger Risiko beschert. Beides, ein guter Beruf und Politik, ist für Frauen mit Familie kaum machbar.

Das Frauen-Thema ist heute aus den Medien verschwunden. Sind die Anliegen der Gleichberechtigung nicht mehr aktuell?

Es wurden in der Tat gewaltige Fortschritte erzielt, insbesondere mit dem neuen Eherecht. Stellen Sie sich vor, zur Zeit, als ich in den Bundesrat gewählt wurde, hätte mir mein Mann laut Gesetz noch verbieten können, das Amt zu übernehmen. Was hingegen auch heute noch nicht gilt, ist gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit. Dort bestehen immer noch Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Ich schlage vor, dass Firmen, die sich für faire Löhne einsetzen, ein Label gründen, das sich «Equal pay» nennt.

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