Der Blick in die Zukunft ist nicht nur des Hellsehers Ding – manchmal wagt sich auch die Wissenschaft daran. Forscher der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) haben sich im Rahmen der strategischen Initiative «Energy Chance» kürzlich der Frage angenommen, wie die Schweizer Energielandschaft im Jahr 2035 aussehen könnte.

Zentrale Aussage der bisher unveröffentlichten Studie: In zwei Bereichen sind wir mit Entwicklungen konfrontiert, die nicht geradlinig verlaufen – bei der Elektromobilität und beim Einsatz von Batterien zur Speicherung von Strom in Gebäuden.

Das wird unser Leben und vor allem unseren Umgang mit Energie auf den Kopf stellen. «Mit linearen Veränderungen hat der Mensch umzugehen gelernt. Diese beiden Entwicklungen haben aber das Zeug zu einer eigentlichen Revolution», sagt Studienautor und Institutsleiter Jürg Bichsel.

Für ihre Berechnungen haben die Forscher allgemeine Annahmen getroffen und die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einfliessen lassen. So gehen sie fürs Jahr 2035 von einer Bevölkerung von 10 Millionen Menschen aus, einem liberalisierten Strommarkt (allerdings ohne EU-Stromabkommen), einem (leicht steigenden) Wasserkraftanteil von 65 Prozent und einem (massiv steigenden) Photovoltaik-Anteil von 18 Prozent an der Elektrizitätserzeugung aus – bei wegfallendem Atomstrom. Und eben: Gemäss der Studie sollen bis dann 2 Millionen Elektromobile über die Strassen kurven und 800 000 Gebäude eine Batterie besitzen, die in erster Linie dazu dient, den Strom vom Solarpanel auf dem Dach oder an der Fassade kurzzeitig zu speichern.

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69 Prozent mehr – in einem Jahr

Auch das Bundesamt für Energie (BFE) geht in seinen Berechnungen davon aus, dass der Anteil an Elektro-Autos in den kommenden Jahren deutlich steigen wird. «Die Entwicklung ist rasant. Wir hätten noch vor zwei Jahren nicht gedacht, dass sie so schnell vonstattengeht», sagt BFE-Geschäftsleitungsmitglied Marianne Zünd.

In welchem Umfang der Anteil zunehmen wird, kann naturgemäss niemand präzise voraussagen. Der Blick in die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) ist aber eindrücklich: 2013 wuchs der Bestand an reinen Elektrofahrzeugen um 52 Prozent, ein Jahr darauf bereits um 65 und 2015 gar um 69 Prozent.

Die Entwicklungen auf dem Automarkt gehen Hand in Hand mit den Bestrebungen des Bundes, die Energieversorgung des Landes auf eine neue Basis zu stellen. Das Mammutprojekt «Energiestrategie 2050» – über die erste Etappe davon befindet die Stimmbevölkerung am 21. Mai – sieht neben dem Ausstieg aus der Kernenergie auch eine massive Reduktion des Verbrauchs von fossiler Energie vor.

Wie in der FHNW-Studie ist 2035 dabei ein zentrales Jahr im Fahrplan von Bundesrat und Parlament: Bis dann soll der Gesamtenergieverbrauch um 43 und der Stromverbrauch um 13 Prozent gegenüber dem Jahr 2000 sinken. Entwickelt sich die Verwendung von E-Autos und dezentraler Stromerzeugung wie von der Studie prognostiziert, hat dies unterschiedliche Auswirkungen – während es für den Richtwert bei der Reduktion des Energieverbrauchs ein Segen ist, dürfte die Stromreduktion damit schwieriger zu vollziehen sein. Beim BFE nimmt man dies gelassen: «Gerade deshalb spricht das Gesetz von ‹Richtwerten›. Denn das oberste Ziel ist die Effizienz der Energieversorgung, unabhängig davon, auf welchem Weg sie erreicht wird», sagt Zünd.

Neue Welt für Energieversorger

Was der Boom von E-Autos für die Stromproduktion bedeuten könnte, hat die FHNW-Studie berechnet. Würde der gesamte Personenwagen-Bestand durch Elektro-Autos ersetzt, benötigte man gegenüber 2015 rund 19 Prozent mehr elektrische Energie.

Diese wird je länger, je mehr dezentral hergestellt, überspitzt formuliert hat dann jeder Hausbesitzer sein Mini-Kraftwerk auf dem Dach und im Keller. Für die heutigen Energieversorger eine bedrohliche Aussicht, nimmt deren Bedeutung damit doch ab. Studienleiter Bichsel rät ihnen deshalb, ihr Geschäftsmodell radikal zu ändern – weg vom Verkauf von Energie, hin zur Bereitstellung von Dienstleistungen. «Die Energieversorger sollen künftig eine Art ‹Rundum-Wohlfühlpaket› anbieten und zum Beispiel die Leute beraten, ob es sich lohnt, neue LED-Lampen zu installieren.»

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