Einschüchterung
«Du hast doch eine Frau zuhause»: So werden Väter unter Druck gesetzt, auf den Vaterschaftsurlaub zu verzichten

Die Tessiner Nationalrätin Greta Gysin (Grüne) fordert einen Kündigungsschutz für Neoväter und kann dabei auch auf Unterstützung aus dem bürgerlichen Lager zählen. Fabio Regazzi, Präsident des Gewebeverbandes, warnt derweil vor kontraproduktiven Effekten.

Kari Kälin
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Ein Velofahrer macht Werbung für den Vaterschaftsurlaub: Am 27. September letzten Jahres hiess das Volk eine entsprechende Gesetzesänderung gut.

Ein Velofahrer macht Werbung für den Vaterschaftsurlaub: Am 27. September letzten Jahres hiess das Volk eine entsprechende Gesetzesänderung gut.

Bild: Alexandra Wey/ Keystone

Seit Anfang Jahr haben frisch gebackene Väter Anrecht auf zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub. Das Volk hatte die Gesetzesänderung im vergangenen September mit 60,3 Prozent Ja-Stimmen klar gutgeheissen. Doch offenbar können seither nicht Neoväter unbeschwert ihr Babyglück mit den ihnen zustehenden Freitagen geniessen.

Beim Trägerverein der Vaterschaftsurlaubsinitiative haben sich bis jetzt rund 50 Väter gemeldet, die unter Druck gesetzt wurden, auf die zwei Wochen zu verzichten. Oft handle es sich dabei um temporär Angestellte, Handwerker oder Mitarbeiter aus der Gastro- oder Industriebranche, sagt Nationalrätin Greta Gysin (Grüne, TI). Sie sitzt als Co-Präsidentin des Personalverbandes Transfair im Komitee des Vereins Vaterschaftsurlaubsinitiative.

Einschüchterung durch Falschinformationen

Greta Gysin, GP-TI

Greta Gysin, GP-TI

Alessandro Della Valle / Keystone

«Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Wir nehmen an, dass einige Väter sich nicht wehren, weil sie in einer schwachen Position sind», ergänzt Gysin. Die Väter würden zum einen mit Falschinformationen à la «du darfst gar keinen Vaterschaftsurlaub beziehen» oder «der Arbeitgeber bestimmt, wenn du den Urlaub nimmst» eingeschüchtert. Andere wiederum erzeugen emotionalen Druck mit patriarchalen Ansagen:

«Du hast doch eine Frau zuhause. Als echter Mann brauchst du keinen Vaterschaftsurlaub.»

Gysin stellt fest: «Oft sind Väter in eher schwachen Verhandlungspositionen von solchen Drohungen betroffen.» Sie getrauten sich zum Beispiel aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht zu wehren und würden dann den Vaterschaftsurlaub nicht beziehen.

Bürgerliche unterstützen den Vorstoss

Für Mütter gilt während der Schwangerschaft und 16 Wochen ab Geburt ein Kündigungsschutz. Gysin fordert jetzt analog dazu einen Kündigungsschutz für Väter, wie er zum Beispiel in Frankreich schon gilt. Eine entsprechende Motion hat sie in der soeben abgelaufenen Sommersession eingereicht. «Die Nachricht ‹Ich werde Vater› darf nicht zum Jobverlust führen», sagt Gysin. Mit einem gesetzlichen Kündigungsschutz, so ihre Überlegung, könnten oben beschriebene Drucksituationen entschärft werden. Gysins Anliegen findet Unterstützung bis ins bürgerliche Lager. Auch Politiker der FDP und von «Die Mitte» haben den Vorstoss mitunterzeichnet.

Gewerbeverbandspräsident setzt auf liberales Arbeitsrecht

Fabio Regazzi, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, hingegen lehnt Gysins Idee ab. Das liberale Arbeitsrecht sei ein Trumpf der Schweiz, sagt der Tessiner Mitte-Nationalrat. Man müsse aufpassen, dass man diese Stärke nicht mit neuen starren Regeln zu schwächen. Zudem warnt Regazzi vor kontraproduktiven Effekten. «Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt, dass der Kündigungsschutz Unternehmen oft hindert, überhaupt neues Personal einzustellen.»