Herr Seiler, der Bund hat eine TaskForce zur Bekämpfung der Dschihad-Bedrohung ins Leben gerufen. Was bringt diese?

Markus Seiler: Die wichtigste Massnahme, die mit der Task-Force einhergeht, ist die Zusammenarbeit. Die Informationen, die wir haben, die Polizei und das Bundesamt für Polizei werden fliessend ausgetauscht, was uns erlaubt, diese auch rasch und umfassend zusammen auszuwerten.

Woher hat der NDB die Informationen über all diese Dschihad-Reisenden?

Wir haben verschiedene Sensoren. Offene Quellen, Partnerdienst-Kontakte, eigene Quellen und Informationen, denen wir selber nachgehen. So kommen wir auf die Zahlen. Seit 2001 wurden 64 Dschihad-Reisen verzeichnet. In den letzten 18 Monaten haben wir aufgrund der Sensibilisierung sehr viel mehr Hinweise bekommen.

Sind Hinweise aus der Bevölkerung eine wesentliche Quelle?

Ja, unter anderem. Wenn sich jemand radikalisiert, nimmt dies auch das Umfeld – Familie und Freunde – wahr. Wenn diese an die Polizei oder an uns gelangen, können wir auch entsprechend direkten Kontakt mit diesen Personen aufnehmen.

Das nennen Sie «präventive Aussprachen» ...

Die präventiven Aussprachen erweisen sich als eine wirkungsvolle Massnahme. Es ist eines der wenigen Mittel, die wir in der Schweiz haben. Es erlaubt uns, eine Person anzusprechen, wenn wir sehen, dass sie auf einem gefährlichen Weg ist. Unsere Erfahrungen zusammen mit den Kantonspolizeien zeigen, dass sich die Aussprachen, in denen wir ihnen die heikle Situation aufzeigen, lohnen und es oft zu einer Deeskalation kommt. Das Risiko besteht aber, dass die Person danach noch mehr im Untergrund verschwindet. Aber auch in Grossbritannien – dessen Nachrichtendienst ja alle Möglichkeiten hat – ist das gezielte Ansprechen das wichtigste Instrument.

Grosse Terrorgefahr in der Schweiz

Grosse Terrorgefahr in der Schweiz

Wie leicht kann der IS in der Schweiz rekrutieren?

Das Problem ist, dass der IS eine Ideologie ausstrahlt – durch geschickte Vermarktung und Kommunikation in den sozialen Medien. Personen, die anfällig sind für solche Ideologien, werden über diese Kanäle stark unterstützt. Es braucht keinen physischen Kontakt mit irgendwelchen Führern oder Rekrutierern. Es ist also einfach, sich zu radikalisieren.

Wie schwierig ist es, einen «einsamen Wolf» in den sozialen Medien zu erkennen?

Das ist eine echte Herausforderung. Deshalb haben wir auch vor drei Jahren mit dem Dschihadismus-Monitoring begonnen. Dort versuchen wir herauszufinden, was in den sozialen Medien bezüglich Dschihadismus abgeht. Zusammen mit den Strafverfolgungsbehörden versuchen wir, die heiklen Fälle zu identifizieren. Dies ist schwierig, weil sich die Personen eben alleine oder in ganz kleinen Gruppen radikalisieren. Sie haben keinen Kontakt zu einer übergeordneten Organisation. Mit den heutigen gesetzlichen Grundlagen können wir auch nicht überall im Internet in geschlossene Netzwerke hinein. Es gibt also eine Dunkelziffer.

Das neue Nachrichtendienstgesetz und die Revision des Bundesgesetzes betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs spielt Ihnen in dieser Hinsicht in die Hand ...

Die politischen Behörden haben die Massnahmen dieser zwei Gesetze nun vorbereitet. Wir hoffen, dass diese Gesetze auch beschlossen werden, damit wir die bestehenden Lücken schliessen können. Aber auch mit diesen zwei Gesetzen wird die Schweiz ein sehr freiheitliches Land bleiben. Im Zweifel wird die Schweiz auch künftig für die Freiheit sein und ein grösseres Risiko in Kauf nehmen. Aber das ist ein politischer Entscheid. Ich bin persönlich der Auffassung, dass dies auch richtig ist.

Was halten Sie von einer Dschihadisten-Hotline?

Da sind wir uns nicht sicher. Der Bericht lässt dies offen. Es werden heute schon sehr viele Hinweise den Behörden gemeldet. Bei unseren Nachbarstaaten Deutschland und Frankreich sehen wir, dass sie einen grossen Aufwand, aber nicht unbedingt einen grossen Nutzen haben.