Sie arbeiten noch jeden Tag?

Hans Erni: Das ist meine einzige Möglichkeit, noch zu leben.

Die Arbeit hält Sie am Leben?

Ja. Man muss sich ständig Aufgaben stellen, damit man ständig Aufgaben lösen kann. Nur so erwärmt und erneuert man sich.

Sie haben das offensichtlich sehr gut gemacht, Sie können am Freitag Ihren 105. Geburtstag feiern. Ist es für Sie ein Geschenk, so alt zu werden?

Nein. Man kann nicht von einem Geschenk reden. Niemand ist verantwortlich für seine Geburt und seine Geburtstage. Also denke ich möglichst nicht daran.

Hans Erni stirbt mit 106 Jahren – Bilder und Statements von seinem letzten Geburtstag und eine erste Reaktion seiner Tochter.

Hans Erni stirbt mit 106 Jahren – Bilder und Statements von seinem letzten Geburtstag und eine erste Reaktion seiner Tochter.

Wurden Sie deshalb so alt? Ihre Schwester wurde gar 107. 

Das ist nicht der Grund. Die ständige Bereitschaft, sich zu verändern, ist das Wichtigste.

Heisst das, der Mensch ist für sich und sein Leben verantwortlich? Da ist nicht ein Gott oder eine höhere Macht?

Ich möchte nicht von Gott oder einer höheren Macht reden. Ich glaube, die höchste Macht ist um uns und in uns, die müssen Sie nicht irgendwo draussen suchen. Wenn wir sie nicht mittragen, ist der Teufel los.

Den Teufel gibts, aber Gott wollen Sie nicht nennen?

(lacht) Ich würde auch den Teufel als nichtexistent betrachten. Der Teufel ist ein Teil unseres Charakters. Ich glaube, das Wichtigste fürs Leben ist, dass Sie nicht mit negativen Schlüssen rechnen.

Ist es für Sie das Wichtigste, positiv durchs Leben zu gehen?

Das Positive zu suchen, ist das Allerwichtigste! Wer nur das Negative sieht, wird ein krankhafter Pessimist. Das Positive zu sehen, heisst, die ständige Änderung der Realität anzustreben. Das ist der Kern des Lebens.

Die Realität ist immer da. Aber wir selber sind endlich. Beschäftigt Sie das Ende, der Tod?

Das Ende spielt keine Rolle. Sie müssen selbstverständlich damit rechnen, aber es wird überraschend sein. Der Tod kommt nur einmal in Ihr Leben. Aber das Leben dauert, diese Dauer müssen Sie erfüllen.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Daran müssen Sie nicht denken. Das kommt oder kommt nicht.

Sie klingen so positiv. Aber Sie haben Schmerzen, Sie mussten eben Ihr Knie operieren lassen. Ist alt werden nicht auch mühsam?

Ich nehme die Gegebenheiten hin, wie sie sind. Ich gebe mich nicht mit dem Unabänderlichen ab. Ich denke nicht an mein Knie. Ich kümmere mich nicht darum, dass ich kein guter Leichtathlet mehr bin. Ich muss das gut machen, was ich heute noch kann.

Hatten Sie diese Gelassenheit schon immer oder kam diese Lebensweisheit mit dem Alter?

Der Charakter eines Menschen bildet sich schon in der Jugend, den trägt man mit. Auch dass man das Leben bejahen muss, ist keine Sache von jung oder alt. Das Alter hat aber einen Vorteil: Sie haben Erfahrung.

Was können junge Menschen von den älteren lernen?

Ein junger Mensch kann Erfahrungen nicht einfach von seinen Eltern oder den Älteren übernehmen. Er ist vorbereitet, Dinge selber aufzunehmen, sich selber zu bereichern.

Sie waren ein politischer Künstler, haben Plakate für die AHV, für das Frauenstimmrecht gestaltet. Was hätten Sie für ein Plakat zur Abstimmung über die Masseneinwanderungs-Initiative gestaltet?

Das kann ich nicht so schnell beantworten. Die Frage ist für mich: Was kann Einwanderung bringen? Erneuerung? Verbesserung? Unter Umständen ist unter den Einwanderern ein Genie.

Haben Sie abgestimmt?

(Wendet sich an seine Frau) Habe ich abgestimmt?
Doris Erni: Ja, ja. Wir stimmen immer ab. Brieflich.

Und was sagen Sie zur Masseneinwanderungs-Initiative?

Es gibt allerlei Möglichkeiten, in denen der Eidgenoss eidgenössisch denken kann. Aber es gibt auch andere Momente. Die Einwanderung: Sie kann eventuell überborden. Unsere Situation: Wir haben genug. Wir könnten essen bis zur Übersättigung, wir haben so viele Informationen, wie wir wollen, uns wird nichts vorenthalten. Was wollen wir mehr?

Sie haben eine unglaublich lange Zeit miterlebt: den 1. Weltkrieg, den 2. Weltkrieg, den Boom der Nachkriegszeit, die Digitalisierung der Gesellschaft. Welches war die schönste Zeit?

An der schönsten Zeit arbeiten wir noch. Stark prägend war für mich als Kind der 1. Weltkrieg. Mein Vater war Maschinist auf einem Vierwaldstättersee-Dampfer, meine Eltern mussten schauen, wie sie die zehnköpfige Familie über die Runde bringen. In der Familie wurden alle genau gleich behandelt. Die Not brachte es mit sich, dass man gerecht und nicht exzessiv lebte.

Wenn Sie heute ein junger Künstler wären: Wie würden Sie arbeiten?

Ich habe eine Ausbildung als Bauzeichner gemacht. Das hat mich gelehrt, sehr genau zu arbeiten. Andererseits habe ich schon damals versucht, den Bau nicht einfach als Bau anzuschauen, sondern in meinen Arbeiten das zu äussern, was mir wichtig war. Dies ist auch heute so. Ob ich zeichne oder male oder rede: Es sollte eine Einheit ohne Widerspruch sein, dann hat es die Wahrheit in sich.

Herr Erni, wie werden Sie Ihren 105. Geburtstag feiern?

Wenn meine Frau diesen Geburtstag mit mir zusammen feiern kann, genügt mir das vollkommen. Beziehungen sind doch das Entscheidende: Der Mensch ist dann glücklich, wenn er sich in der Familie und in der Gesellschaft geborgen fühlt. Es zählt nicht, was jemand verdient, besitzt oder machen kann. Wir sind seit 64 Jahren glücklich verheiratet, ohne dass sich unsere Beziehung zum Negativen verändert hätte.

Wie schafft man das?

Wenn A und B gegensätzlich sind, können sie sich entweder bekämpfen, oder sie stellen fest, dass aus der Summe ein C wird, etwas Neues, in dem A und B weit besser leben.

Sie plädieren also nicht nur für Harmonie, sondern auch für gute Auseinandersetzungen?

Diese sind sogar eine Notwendigkeit. Und zwar gute wie schlechte. Auch in der Ehe.Doris Erni: Nicht schlechte, aber schwierige. Ich konnte mein Leben leben, dazu gehörte auch, dass ich meinen Mann unterstützt habe und ihn damit in seiner Arbeit glücklich machen konnte.
Hans Erni: Sehen Sie, wie schön meine Frau das sagt: Sie wollte mein Leben glücklich machen. Das ist ein sehr grosser Schritt.

Wollten Sie umgekehrt auch das Leben Ihrer Frau glücklich machen?

Nicht nur das Leben meiner Frau. Sondern überhaupt das Leben aller Menschen. Ich will nie jemanden anlügen, nicht so tun, als sei ich der liebe Gott. Sondern ich möchte einfach versuchen, den Menschen etwas von meinem Innern zu geben.

Wie sieht heute Ihr Alltag aus?

Schauen Sie sich meinen Tisch an: Hier liegen viele Werke, an denen ich gerade arbeite. Nicht nur Bilder. Zum Beispiel darf ich für die Pilatus-Flugzeugwerke jetzt den Rumpf eines Flugzeugs ornamentieren.

Sie machen Kunst, die nicht nur im Rahmen hängt, sondern zu den Menschen rausgeht – Briefmarken zum Beispiel. Was reizte Sie daran?

Eine Briefmarke ist etwas Wunderbares! Es gibt sie tausendfach, ich gebe ihr etwas mit, das sie in die Welt hinausträgt. Für einen Künstler ist es eine grosse Genugtuung, wenn möglichst viele andere Menschen Freude haben an dem, was er schafft.

Sie haben für die Landi von 1939 ein 100 Meter langes Bild gemalt. Darauf sind Traditionen, aber auch die neuste Technik. Welche Elemente müssten heute drauf?

Das Atom und dessen Bedeutung im wirtschaftlichen und menschlichen Leben.

Die Atomkraft ist etwas Positives?

Wir müssen mit ihr arbeiten! Die Atomkraft ist die grösste Energiequelle der Welt. Wenn ich Physiker wäre, würde ich mich nur darauf konzentrieren. Sie kann die Menschheit in einem Augenblick auslöschen, aber sie kann auch von enormem Nutzen sein.