Spital-Hygiene

Einer von zehn Ärzten würde sich im eigenen Spital nicht operieren lassen

Ärzte schlagen Alarm: Die Hygiene in Schweizer Spitälern ist mangelhaft. Das Resultat einer Umfrage von Comparis zeigt Beunruhigendes: Nicht mal alle Angestellte trauen dem eigenen Spital und würden sich dort unters Messer legen.

Dass jedes Jahr Hunderte Personen sterben, weil die Hygienevorschriften in Schweizer Spitälern nicht eingehalten werden, weiss man. Und doch ist das Ergebnis erschreckend, das eine gestern publizierte Umfrage des Internet-Vergleichsdiensts Comparis zutage gefördert hat: Nur sieben von zehn Pflegern würden sich im eigenen Operationssaal unters Messer legen. Bei den Ärzten sind es neun von zehn.

Jeder dritte Pfleger sieht die Hygienerichtlinien nicht von allen Mitarbeitern eingehalten, bei den Ärzten stellten dies 18 Prozent fest. Jeder Vierte bejaht die Aussage, dass die Patientengefährdung im OP-Saal in den vergangenen zwei Jahren zugenommen habe. Auch wenn die Befragung durch Comparis nicht repräsentativ ist – befragt wurden lediglich 350 Ärzte und Pflegekräfte aus dem OP-Bereich – fordern Patientenschützer nun Konsequenzen.

«Die Verbesserung der Hygiene sollte in jedem Spital zur Chefsache erklärt werden», sagt Margrit Leuthold, Geschäftsführerin der Organisation Patientensicherheit Schweiz. «Der Spitaldirektor steht in der Verantwortung.» Das Umfrageergebnis überrasche sie nicht. Aus früheren Untersuchungen wisse man, dass etwa die Händehygiene nur in 60 bis 80 Prozent der Situationen, die dies erfordern würden, durchgeführt werde.

Pflegepersonal, das sich die Hände weder wäscht noch desinfiziert, wenn es ein Zimmer betritt, sondern von Krankenbett zu Krankenbett geht – noch immer kommt dies vor. Obwohl sich bei jährlich 1,3 Millionen Spitaleintritten eine sechsstellige Anzahl Personen mit Krankheitserregern infiziert, was in mindestens 600 Fällen tödlich endet.

Ausgeprägter «Kantönligeist»

Andreas Widmer, Leiter der Abteilung für Spitalhygiene am Universitätsspital Basel, sieht Handlungsbedarf: «Wir können es uns nicht länger erlauben, in der Schweiz das weltweit zweitteuerste Gesundheitssystem, aber Defizite bei der Hygiene zu haben», sagt er. Dieses Defizit habe viel mit dem Schweizer Föderalismus zu tun: Was Infektionsfälle angehe, sei nur schon die Datenlage äusserst heterogen und zudem vom «Kantönligeist» geprägt.

Am Unispital Basel konnte die Infektionsrate laut Widmer in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent gesenkt werden, beispielsweise durch die Einführung eines einfachen, handschriftlichen Ampelsystems. Im Operationssaal wird seither in grüner, gelber oder roter Farbe festgehalten, in welchen Bereichen man die hygienische Zielsetzung bereits erreicht hat und wo noch Verbesserungspotenzial ausgemacht wird. Das Problem sei heute nicht mehr fehlendes Wissen, sondern der Mensch, sagt Widmer. «Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt. Doch es eilt auch im OP-Saal oft. Und wer pressiert, nimmt es mit den Hygienevorschriften zuweilen nicht so genau.»

Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbandes Schweizerischer Patientenstellen, fordert verbindliche Richtlinien, stärkere Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten durch die Behörden sowie mehr Transparenz. «Patientinnen und Patienten sollten ihr Spital auswählen können im Wissen, wie gross dort die Infektionsgefahr ist», sagt sie. Umgekehrt werden müsse ferner die Beweislast: Bis anhin müssen Patienten beweisen, dass eine Erkrankung auf einen im Spital aufgelesenen Infekt zurückzuführen ist – oftmals ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Motion der Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, die eine Umkehr der Beweislast hätte bringen sollen, hat der Ständerat im März bachab geschickt.

Nimmt man Tote in Kauf?

Was in Spitälern längst nicht optimal sei, sei in Alters- und Pflegeheimen wohl noch viel gravierender, glaubt Widmer. «Von dort fehlen zuverlässige Daten fast vollständig», sagt er. «Daher ist es nicht auszuschliessen, dass man durch Sparmassnahmen bei der Hygiene eine gewisse Anzahl Infektionstote in Kauf nimmt, um die Gesundheitskosten nicht weiter ansteigen zu lassen.» Dieser Problematik müsse sich die Gesellschaft stellen.

Alle wollten weniger Krankenkassenprämien zahlen, doch niemand sei aus Kostengründen mit der zweitbesten medizinischen Betreuung zufrieden, sagt Widmer. «Jeder will einen VW Golf zahlen, aber einen Rolls-Royce fahren.»

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