Schweiz

Eine Zuger Firma ermöglichte den globalen Lauschangriff

Über die Firma Crypto AG hörten der deutsche und der US-Geheimdienst über 100 Länder ab.

Im Jahr 1978 wurden die amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter nervös. Der damalige Chef der Schweizer Verschlüsselungsfirma Crypto AG, Heinz Wagner, hatte die Elektroingenieurin Mengia Caflisch eingestellt. Und weil sie in den Augen der National Security Agency (NSA) sehr «gescheit» war, fürchteten die US-Geheimdienstler, dass die ganze Sache auffliegen könnte. Und tatsächlich bemerkte Caflisch, dass die Verschlüsselungsgeräte, welche die Crypto AG in Steinhausen bei Zug produziert und an Länder wie Iran oder Saudi-Arabien verkaufte, Sicherheitslücken aufwiesen.

Plötzlich im Fokus des weltweiten Medieninteresses: Der Hauptsitz der Crypto AG in Steinhausen im Kanton Zug.

Plötzlich im Fokus des weltweiten Medieninteresses: Der Hauptsitz der Crypto AG in Steinhausen im Kanton Zug.

Was Caflisch damals nicht wusste: Diese Lücken waren absichtlich eingebaut worden, damit der amerikanische und der deutsche Geheimdienst mitlesen konnten. Caflisch kam die Sache seltsam vor und sie war nicht die einzige Angestellte von Crypto AG, die Verdacht schöpfte. In den 1990er-Jahren wurde dann auch öffentlich diskutiert, ob die Firma mit Geheimdiensten in Verbindung steht. Doch alles blieb nebulös. Beweise gab es keine.

Der Betrug aus der vermeintlich neutralen Schweiz

Nun besteht Gewissheit. Journalisten des deutschen Fernsehens ZDF, des Schweizer Fernsehen SRF und der US-amerikanischen Zeitung «Washington Post» legten erdrückende Beweise für die Tatsache vor, dass der deutsche Nachrichtendienst BND und der amerikanische Geheimdienst NSA gemeinsam und verdeckt die Zuger Firma Crypto AG besassen und betrieben. Sie betrogen von der Schweiz aus über hundert Länder, indem sie ihnen während zwei Jahrzehnten Verschlüsselungstechnologien verkauften, die eine Hintertür aufwiesen. Der Betrug war für die Geheimdienste ein besonders lohnenswertes Geschäft. Sie erhielten nicht nur Millionen Schweizer Franken für die verkauften Sicherheitsprodukte, sondern kamen auch zu wichtigen Informationen.

So waren die USA etwa in der Lage, während der Nahost-Friedensverhandlungen im Jahr 1978 in Camp David mitzuhören, was der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat nach Kairo kabelte. Und als Teheraner Studenten im Zuge der Islamischen Revolution die amerikanische Botschaft in der Hauptstadt Irans besetzten, waren die USA dank der Hintertür in der verschlüsselten Kommunikation der Firma Crypto aus Steinhausen über die Kommunikation der Iraner informiert. Während des Falklandkrieges im Jahr 1982 konnte die USA schliesslich den Briten abgehörte Informationen der Argentinier übermitteln.

Schlapphüte schwärmen vom «Jahrhundertcoup»

Hauptquelle der Erkenntnisse, die am Dienstag publik wurden, sind Akten des BND und des NSA, die einem deutschen Journalisten zugespielt wurden. Darunter auch eine Art interne Geschichtsdarstellung dieser Geheimdienstoperation, welche unter verschiedenen Decknamen wie «Thesaurus» oder «Rubikon» stattgefunden hat. Die Darstellung wird gemäss «Rundschau» von ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern weitgehend bestätigt. Etwa von Bernd Schmidbauer, zuständig für die deutschen Geheimdienste unter dem früheren Bundeskanzler Kohl.

In der Selbsteinschätzung der Amerikaner hatte es sich gemäss den Akten bei dieser Operation um den «Geheimdienstcoup des Jahrhunderts gehandelt». Zwischen den beiden Geheimdiensten kam es während der Zeit aber offenbar auch zu Meinungsverschiedenheiten. Während die Amerikaner darauf drängten, auch befreundete Länder mit manipulierter Technik zu versorgen, hatten die Deutschen in dieser Hinsicht mehr Skrupel. Gemäss der «Washington Post» waren die Deutschen dafür sehr am Geld interessiert, das die Firma aus dem Verkauf ihrer Produkte einnahm.

Offiziell begonnen hat die Spionage-Aktion im Jahr 1970, als der BND und die NSA die Zuger Firma gemeinsam erwarben. Der französische Geheimdienst soll auch interessiert gewesen sein, wurde aber aussen vor gelassen. Verschleiert wurde die Akquise über ein Finanzkonstrukt in Liechtenstein. Schon vorher hatte es eine Zusammenarbeit mit dem Gründer der Verschlüsselungsfirma gegeben. Der aus Russland vor den Kommunisten geflohene Boris Hagelin war bereit gewesen, mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammenzuarbeiten.

Die Abhängigkeit der Firma verschärfte sich, als sich die elektronische Verschlüsselung durchsetzte, weil die Firma, die einst mit mechanischen Chiffriergeräten begonnen hatte, offenbar nicht in der Lage war, sich ohne Hilfe der Geheimdienste technisch weiterzuentwickeln.

Als der Gründer in die Jahre kam und sein Sohn, der eigentlich als Nachfolger vorgesehen war, im Jahr 1970 bei einem Autounfall starb, übernahmen die Geheimdienste komplett.

Was wusste die offizielle Schweiz von der Überwachung?

Die Recherchen, die am Dienstag unter dem Namen Cryptoleaks veröffentlicht wurden, werfen die Frage auf, wie viel die Schweiz davon wusste, was in Zug geschah. Gemäss der SRF-Sendung «Rundschau» geht aus den Dokumenten «klar hervor, dass die Schweizer Geheimdienste in die Operation von CIA und BND eingeweiht waren.» So heisse es in den Papieren etwa: «Die Bundespolizei (das Schweizer Pendant zum amerikanischen FBI) hat den militärischen Nachrichtendienst kontaktiert. Hohe Beamte der Organisation hatten generell Kenntnis von der Rolle Deutschlands und der USA im Zusammenhang mit der Crypto AG und trugen dazu bei, diese Beziehung zu schützen» (siehe Artikel). Gemäss «Washington Post» gehört neben Israel, Grossbritannien und Schweden auch die Schweiz zu den Ländern, die mit Informationen beliefert wurden, die durch die manipulierte Technik abgehört worden waren.

Der Ruf der Crypto AG kam schon im Jahr 1992 arg unter Beschuss. Damals reiste ein offenbar ahnungsloser Mitarbeiter nach Teheran, um mit dem Iran einen der besten Kunden zu besuchen. Die Iraner hielten den Mitarbeiter, der als bester Verkäufer der Firma galt, neun Monate lang fest. Erst als die Firma eine Million US-Dollar zahlte, konnte er wieder in die Schweiz zurückreisen. Offenbar wurde es dann den Deutschen zu heiss. Sie stiegen aus dem gemeinsamen Unternehmen aus. Die Amerikaner sollen aber noch mindestens bis ins Jahr 2012 weitergemacht haben. 2018 wurde das Unternehmen aufgeteilt.

Ab den 1990er-Jahren wurde in verschiedenen TV-Sendungen und Zeitungsartikeln die Frage diskutiert, in welcher Verbindung die Schweizer Firma mit Geheimdiensten steht. Doch es gelang den damaligen Verantwortlichen, Verdächtigungen weitgehend abzuwehren.

Die heute 75-jährige Mengia Caflisch verliess die Firma gemäss «Washington Post» im Jahr 1995.

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