Jobmarkt
Eine Studie zeigt: Senioren, die Schweiz braucht euch

Opas Sonderschichten könntens richten. Eine Studie zeigt, dass ältere Beschäftigte motivierter sind als jüngere. Nur 20 Prozent der 21- bis 30-Jährigen bezeichnet sich als hoch motiviert bei der Arbeit. Ein anderes Bild zeigt sich bei den Über-61-Jährigen: Hier fühlen sich 52 Prozent hoch motiviert.

Tommaso Manzin
Merken
Drucken
Teilen
Die Wiederentdeckung einer kostbaren Ressource: Der erfahrene Senior. Seine Motivation ist höher, als die der jüngeren Generation.Jean-Christophe Bott/Keystone

Die Wiederentdeckung einer kostbaren Ressource: Der erfahrene Senior. Seine Motivation ist höher, als die der jüngeren Generation.Jean-Christophe Bott/Keystone

KEYSTONE

Mit «Bruttosozialprodukt», dem wohl einzigen Song mit einem Titel aus dem technischen Vokabular der Volkswirtschaftslehre, landete «Geier Sturzflug» 1977 auf dem Kamm der Deutschen Welle einen Hit. Als ironischer Nachhall des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt er die Arbeitsmoral der Deutschen auf die Schippe.

Keine perfekte Welle trägt derzeit die Schweizer Wirtschaft. Erst für 2017 erwarten Ökonomen eine Verbesserung.

Frauenpotenzial freisetzen

Will die Schweiz wieder boomen können, braucht sie produktive Arbeitskräfte. In den letzten Jahren wuchs dieser Pool dank rekordhoher Zuwanderung. Mit der Umsetzung der Einwanderungsinitiative wird diese Quelle menschlicher Arbeitskraft teilweise versiegen.

Umso mehr müssen die inneren Kräfte mobilisiert werden, etwa das teilweise brachliegende Potenzial von Frauen und älteren Menschen. Bei den Senioren drängt sich dieser Einbezug zudem deshalb auf, weil sich die demografische Pyramide invertiert hat: An der Basis immer weniger Junge, die über die AHV eine immer grössere Zahl Pensionäre stemmen muss. Es scheint unvermeidlich, dass langfristig das Pensionsalter weiter heraufgesetzt werden muss.

Die Wirtschaft sollte beide Gruppen mit offenen Armen empfangen. Ein Ergebnis der aktuellen Job-Studie der Beratungsfirma EY sticht nämlich ganz besonders hervor: Frauen und Senioren sind bei der Arbeit besonders motiviert.

Junge schwieriger zu motivieren

21- bis 30-Jährige sind offenbar schwieriger zu motivieren als ältere: Nur
20 Prozent bezeichnen sich als hoch motiviert. Dagegen fühlen sich 52 Prozent der Über-61-Jährigen hoch motiviert bei der Arbeit – der Spitzenwert unter allen Altersgruppen. Am zweitmotiviertesten ist die Gruppe der 51- bis 60-Jährigen. Und auch Frauen sind deutlich zufriedener als ihre männlichen Kollegen. EY zieht den logischen Schluss: Im Kampf gegen den Fachkräftemangel können Firmen noch viel mehr tun, um bereits vorhandene Potenziale zu nutzen.

Um auf «Bruttosozialprodukt» zurückzukommen: Nicht nur die dort besungene Angst der Oma, dass sich Opa am Sonntag aufs Fahrrad schwingt und heimlich in die Fabrik eindringt, könnte Realität werden. Die Omas werden dem Ruf der Werksirene selbst folgen.

«Die sehr niedrige Motivation jüngerer Arbeitnehmer ist ein Alarmsignal», sagt Barbara Aeschlimann, Personalchefin von EY Schweiz. Unternehmen müssten sich besser auf die veränderten Bedürfnisse und Ansprüche der jungen Generation einstellen und die Arbeitswelt entsprechend gestalten: mehr Flexibilität – zeitlich und örtlich – und stärkeres Eingehen auf individuelle Lebensentwürfe. Gefragt seien Führungskräfte, die sich weniger als Chef und mehr als Mentor verstünden. Junge Mitarbeiter erwarteten nämlich, bei den immer komplexeren Aufgaben in einer zunehmend unübersichtlichen Arbeitswelt unterstützt zu werden.

Der Chef – der Animateur

Das dürfte niemanden überraschen. Denn all das hätten sich auch frühere Generationen gewünscht. Harrt die stille Tragödie ihres traumatischen Eintritts ins Berufsleben also noch immer der geschichtlichen Aufarbeitung? Kaum. Vielmehr dürfte der Grund der Motivationsmisere junger Mitarbeiter nicht allein bei den sie aufnehmenden Abteilungen liegen. In einer globalisierten Welt wird ein Chef auch künftig kaum Motivationstrainer spielen. Ein Ressort ist kein Resort und die Kollegen sind keine ausdauernd gut gelaunte Animateure.

Auch schmeichelnde Sprüche à la «Vom Hörsaal in den Chefsessel» entbinden nicht von der Einsicht, dass die Welt dem eigenen Studienabschluss kaum entgegengefiebert hat. Unzufriedenheit ist die Differenz zwischen Ansprüchen und tatsächlichen Verhältnissen. Vielleicht sind es die Jungen, die zur Überbrückung dieser Kluft einen guten Teil der geforderten Flexibilität zeigen müssen, statt mit arg verfrühter innerer Kündigung Rache an der neuen Wirklichkeit zu nehmen.