Weissrussland

Eine Schweizerin ist nach Demo in Minsk noch immer in Haft – jetzt setzt sich Nationalrätin Barbara Gysi für sie ein

Am 19. September ist Natallia Hersche (Mitte) bei einer Demonstration in Minsk verhaftet worden.

Am 19. September ist Natallia Hersche (Mitte) bei einer Demonstration in Minsk verhaftet worden.

Die bei einer Demonstration in Minsk verhaftete St.Gallerin Natallia Hersche bleibt im Gefängnis. Die Nationalrätin Barbara Gysi wird ihre Patin bei der Menschenrechtsorganisation Libereco.

Vor einem Monat wurde die St.Gallerin Natallia Hersche in Minsk verhaftet. Die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin hatte Mitte September an mehreren Kundgebungen gegen das Regime Lukaschenko teilgenommen. Zum Verhängnis wurde ihr die grosse Frauendemonstration, an der sie mit Tausenden anderen in Untersuchungshaft gesteckt wurde. Ihr Ostschweizer Lebenspartner Robert Stäheli wie auch der in Weissrussland lebende Bruder von Natallia Hersche haben seither keinen direkten Kontakt mehr zur Inhaftierten.

Jetzt in Einzelhaft

Im Gegensatz zu rund 14'000 anderen Verhafteten, die oft nach zwei Wochen wieder entlassen wurden, sitzt die St.Gallerin weiterhin im Gefängnis. Die Untersuchungshaft wurde um zwei Monate verlängert. Inzwischen wurde sie nach Angaben ihres St.Galler Freundes in ein anderes Gefängnis verlegt und ist dort in Einzelhaft. Gemäss den Angaben der Menschenrechtsorganisation «spring96», gehört Hersche nun zu den derzeit 94 politischen Gefangenen in Weissrussland, die eine längere Haftstrafe verbüssen.

Vorgeworfen wird ihr, dass sie bei der Demonstration während der Verhaftung einem Polizisten die Sturmhaube vom Kopf gerissen haben soll. Gemäss «spring96» sitzen mit der St.Gallerin Aktivisten und Anwälte im Gefängnis, welche die Oppositionspolitikerinnen Tichanovskaja und Kolesnikova unterstützt haben. In den Gefängnissen sollen schreckliche Zustände herrschen.

EDA mit Schwierigkeiten

Das Departement für Auswärtiges EDA hat erklärt, dass es sehr schwierig sei, mit der Inhaftierten in Kontakt zu kommen, weil es sich bei Hersche um eine Doppelbürgerin handle und sie die lokalen Behörden wie eine Weissrussin behandelten. Daran hat sich anscheinend nichts geändert. «Unsere Botschaft in Minsk ist in Kontakt mit den zuständigen lokalen Behörden und unterstützt unsere Mitbürgerin im Rahmen des konsularischen Schutzes», sagt Pierre-Alain Eltschinger vom EDA. Nähere Angaben könne er aus Daten- und Persönlichkeitsschutzgründen nicht machen.

Aktiv geworden ist die Menschenrechtsorganisation Libereco, die sich mit ihren ehrenamtlich arbeitenden Mitgliedern in der Schweiz und Deutschland um politische Gefangene kümmert. Über die Berichte in den CH Media-Zeitungen ist Libereco auf Hersche aufmerksam geworden. «Wir haben abgewartet, ob sie am 4. Oktober nach Ende der Untersuchungshaft wie Tausende andere freigelassen wird. Als das nicht der Fall war, wurden wir aktiv», sagt Lars Bünger von Libereco in Zürich.

Eine Aktivität der Menschenrechtsorganisation ist es, unter Politikerinnen und Politikern Paten für die Gefangenen in Weissrussland zu finden. Hersches Patenschaft übernommen hat die St.Galler Nationalrätin Barbara Gysi. Sie sagt:

Sie unterstütze die Bemühungen um Freilassungen politischer Gefangener generell. «Als St.Gallerin stehe ich selbstverständlich dafür ein, dass Natallia Hersche freikommt. Mich solidarisch zu zeigen und meine Möglichkeiten zu nutzen, ist für mich klar.»

Druck auf weissrussische Behörden aufbauen

Mit den Patenschaften soll es möglich werden, Druck auf die Behörden in Weissrussland aufzubauen, sagt Bünger. Und auch die Schweizer Behörden zu animieren, sich für die Verhafteten einzusetzen. «Inzwischen haben wir noch weitere fünfzig Zusagen für Partnerschaften von Parlamentariern von diversen demokratischen Staaten in Europa für andere Gefangene erhalten», sagt Bünger. In der Schweiz haben sich neben Gisy auch die Nationalrätinnen und Nationalräte Claudia Friedl, Nik Gugger, Lisa Mazzone, Fabian Molina, Marianne Streiff-Feller, Lilian Studer sowie Céline Vara zur Patenschaft bereit erklärt.

Aussenminister Cassis soll sich einsetzen

«Neben dem aktuellen Aufruf für die Freiheit von Natallia Hersche sind wir daran, Unterschriften für einen offenen Brief zu sammeln, den wir an die zuständigen Behörden senden werden», sagt Gysi. Mit diversen Aktivitäten soll der Fall weiter publik gemacht werden, damit sich die Schweiz angemessen für ihre Staatsbürgerin einsetzt, sagt Bünger.

Bundesrat Ignazio Cassis habe sich dieses Jahr schon persönlich mit Lukaschenko getroffen, deshalb hofft Libereco, dass sich der Aussenminister auch persönlich um die St.Gallerin kümmert. «An der heutigen Sitzung der Aussenpolitischen Kommission wurde das Gespräch mit Bundesrat Cassis gesucht», sagt Gysi. Die Schweiz habe sich schon früher für die Freilassung von Schweizer Staatsbürgern eingesetzt. «Da sollte es selbstverständlich sein, dass Bundesrat Cassis jetzt seine Kontakte nutzt», sagt die St.Galler SP-Nationalrätin.

Libereco führt derweil heute Dienstag um 17.30 Uhr auf der Bahnhofbrücke in Zürich eine kurze Mahnwache für Natallia Hersche durch. Exakt am 51. Geburtstag der zweifachen Mutter aus St.Gallen.

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Autor

Bruno Knellwolf

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