Flüchtlinge
«Eine rasche Eingliederung in den Arbeitsmarkt senkt die Kosten»

Der Ökonom Reiner Eichenberger über die Frage, wieso eine rasche Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt hilft, die Kosten für die Allgemeinheit zu senken. Und wieso hier sogar die Einführung von Billiglöhnen Sinn machen würde.

Andreas Schaffner
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Flüchtlinge bei der Arbeit auf einem Schweizer Landwirtschaftsbetrieb. (Archiv)

Flüchtlinge bei der Arbeit auf einem Schweizer Landwirtschaftsbetrieb. (Archiv)

Keystone

Verschiedene Unternehmen wollen die neu ankommenden Flüchtlinge möglichst rasch beschäftigen. Was halten Sie davon?

Reiner Eichenberger: Das zielt in die richtige Richtung. Eine rasche Eingliederung der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ist entscheidend, um die hohen Kosten der Einwanderung für den Staat zu senken.

Wieso?

Der Staat lebt von den gut qualifizierten und hoch bezahlten Arbeitnehmern. Schon Durchschnittsverdiener beziehen vom Staat mehr Leistungen, als sie an ihn bezahlen. Das gilt erst recht für Leute, die nicht arbeiten oder nicht arbeiten dürfen. Die Folge ist, dass die meisten Flüchtlinge für den Staat Nettobezüger sind.

Gleichwohl tragen alle zum Wachstum bei. Auch die Flüchtlinge.

Die Debatte wird ja in Deutschland gerade wieder einmal geführt. Sie ist noch komischer als unsere anlässlich der Masseneinwanderungs-Initiative. Auch damals habe ich immer betont: Bitte kopfrechnen! Entscheidend ist doch nicht das Gesamteinkommen, sondern das Einkommen pro Kopf. Und das sinkt natürlich!

In den USA ist es doch so, dass die Einwanderer die Wirtschaft voranbringen.

So verallgemeinert ist das ein Märchen. Zuwanderung bringt rein wirtschaftlich etwas, wenn die Zuwanderer gut verdienen, dadurch viel Steuern zahlen und wenig Leistungen beziehen, also etwa die Kinder auf eigene Rechnung in Privatschulen schicken. In den USA sieht die Rechnung besser aus, weil die Zuwanderer viel weniger Sozialleistungen als in Europa erhalten.

Sie fordern einen Sozial-Abbau!

Nein, nicht für die bisherigen Einwohner. Wichtig ist, dass die Menschen, die aufgrund einer Notlage zu uns kommen, möglichst rasch in den Arbeitsmarkt integriert werden. Dafür müssen aber die Löhne sinken.

Tiefer als die heutigen Löhne.

Natürlich soll man nicht tiefere Löhne verordnen. Aber der Markt muss spielen können. Erst dann gibt es genügend Stellen, etwa weil dann mehr Einheimische eine Haushaltshilfe oder einen Gärtner einstellen können. Dies würde der Volkswirtschaft unter dem Strich weit mehr bringen, als wenn die Flüchtlinge ohne Beschäftigung bleiben. Die wenig qualifizierten einheimischen Beschäftigten müssen geschützt werden, indem sie eine staatliche Zuzahlung erhalten, wenn sie trotz intensiver Arbeit sehr wenig verdienen.

Werden hier nicht Inländer bevorzugt?

Ja und nein: Es ist für die Einheimischen und die Flüchtlinge besser. Die reale Alternative wäre, dass die Flüchtlinge nicht arbeiten können. Dadurch würde auch der Widerstand gegen die Aufnahme von Flüchtlingen gestärkt.

Was passiert ohne diese Massnahme?

Wenn die Löhne nicht sinken, bleibt die Arbeitsnachfrage so wie heute. Die Flüchtlinge würden also weniger arbeiten, aber die Einheimischen trotzdem stärker verdrängen, und sie würden in die Schwarzarbeit abgedrängt. Insgesamt eine Katastrophe.

Ist das nicht eine Zweiklassengesellschaft mit Dumping-Löhnen!

Umstrittener Professor Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg in der Schweiz und Forschungsdirektor des von ihm, gemeinsam mit den Professoren Bruno S. Frey, René L. Frey und Margit Osterloh gegründeten Instituts CREMA.

Umstrittener Professor Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg in der Schweiz und Forschungsdirektor des von ihm, gemeinsam mit den Professoren Bruno S. Frey, René L. Frey und Margit Osterloh gegründeten Instituts CREMA.

HO

Viele befürchten, dass so mehr Flüchtlinge angezogen werden.

Ja, doch das stellt sich bei jeder menschenfreundlichen Lösung. Abschwächen lässt sich das, wenn man einen Teil des Lohns vorübergehend auf ein Sperrkonto einbezahlt.

Was heisst das für die Personenfreizügigkeitsdebatte mit der EU?

Beide Zuwanderungsarten führen zu Bevölkerungswachstum und dadurch Verknappung von Wohnraum, Infrastruktur und Umwelt. Deshalb erhöht die Flüchtlingswelle die Kosten der Personenfreizügigkeit. Daraus folgt aber nicht, dass jetzt erst recht Kontingente eingeführt werden müssen. Im Gegenteil: Jetzt gilt erst recht, dass das Problem mit der EU-Zuwanderung effizient gelöst wird.

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