Jeanine Kosch

«Eine politische Familie prägt einen sehr»

Sie engagieren sich politisch, sie gehören beide dem Parteivorstand der Grünen an, und sie sind Mutter und Tochter: Jeanine und Mirjam Kosch sind sich in vielem einig – aber nicht immer.

Katharina Weber

Jeanine Kosch, Sie sind Co-Präsidentin der kantonalen Grünen. Mirjam Kosch, Sie vertreten die Jungen Grünen im Vorstand der Kantonalpartei. Gibt es politische Themen, in denen Sie unterschiedlicher Meinung sind?

Mirjam Kosch: Nein, grosse Streitpunkte haben wir eigentlich nicht.

Jeanine Kosch: Wenn wir uneins sind, dann eher in der Ausdifferenzierung. Kürzlich haben wir über Atomenergie diskutiert. Ich bin grundsätzlich gegen Atomkraftwerke, Mirjam ist da differenzierter.

Die Mutter vertritt eine klassisch grüne Position, die Tochter ist liberaler?

Jeanine Kosch: Ich denke, das ist schon eine Generationenfrage. Ich habe damals gegen Atomkraftwerke demonstriert, deshalb gibt es für mich in dieser Frage keine Diskussion.

Mirjam Kosch: Ich bin unentschieden. Im Zweifelsfall würde ich zwar gegen Atomkraftwerke stimmen, doch ich bin auch offen für Argumente wie jenes, dass ein Ausstieg aus der Atomenergie unter dem Aspekt des Klimaschutzes momentan noch nicht sinnvoll ist - aber nur unter der Bedingung, dass mindestens gleich viel in erneuerbare Energien investiert wird.

Jeanine Kosch, Sie haben die AKWs angesprochen. Welche anderen Themen haben Sie politisiert?

Jeanine Kosch: Politisiert wurde ich vor allem durch meine Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit. Aber die Umwelt war mir immer auch ein Anliegen. Als der Unfall in Tschernobyl geschah, habe ich Mirjam gestillt und musste mich fragen, ob ich jetzt verstrahlte Champignons esse oder nicht. Dieses Ereignis hat mich sicher geprägt.

Mirjam Kosch, was hat Sie dazu gebracht, sich politisch zu engagieren?

Mirjam Kosch: Spezielle Themen gab es nicht. Geprägt hat mich eher, dass ich in einer politischen Familie aufgewachsen bin - wir haben regelmässig die Tagesschau gesehen und über Politik diskutiert. Umweltfragen, vor allem der Klimawandel, haben mich schon immer beschäftigt, und durch mein Studium habe ich auch Hintergrundwissen erworben. Ein weiterer Antrieb ist, dass ich auf Reisen andere Länder und Kulturen kennen gelernt habe und mit Problemen konfrontiert wurde, die viel gravierender sind als jene in der Schweiz.

Was Sie beschäftigt, sind also globale Themen - dennoch engagieren Sie sich im Kanton Zürich.

Mirjam Kosch: Ja - der Slogan «global denken, lokal handeln» ist zwar abgegriffen, aber er trifft die Sache immer noch. Andererseits engagiere ich mich auch für Anliegen wie Velowege in der Stadt Zürich, die mich betreffen, weil ich hier lebe.

Jeanine Kosch, als Sie Ihr Amt antraten, haben Sie sich als «politischen Menschen» bezeichnet. Was macht einen «politischen Menschen» aus?

Jeanine Kosch: Dass man Augen und Ohren offen hat und merkt, dass man nicht abgeschottet in einem Glaskasten lebt. Jede Handlung, die man begeht, wirkt sich auf andere aus, und was diese Menschen tun, hat wiederum Konsequenzen.

Haben Sie versucht, Ihren Kindern diese Einstellung mitzugeben?

Jeanine Kosch: Ich habe nicht versucht, ihnen etwas mitzugeben, sondern habe gelebt, was mir wichtig ist - und offensichtlich ist das angekommen.

Wie wichtig ist es, in einer politischen Familie aufzuwachsen, damit man sich als junger Mensch selbst engagiert?

Mirjam Kosch: Wenn ich mein Umfeld anschaue, hat das schon grossen Einfluss. Politisch sein heisst für mich nicht, dass man einer Partei angehören oder gar gewählt sein muss, aber wenn einem das Interesse an politischen Fragen in der Familie mitgegeben wird, bewirkt das sicherlich etwas - was nicht bedeutet, dass man dann stets gleicher Meinung ist wie die Eltern oder sich für die gleichen Fragen engagiert.

Wie war das bei Ihnen, Jeanine Kosch?

Jeanine Kosch: Ich bin in einer SVP-Familie aufgewachsen und habe mich als Jugendliche von diesem Gedankengut abgesetzt. In grünen Themen haben meine Eltern und ich uns zwar wieder gefunden. Mein Vater war Jäger, und die Frage, wie man mit der Natur umgeht, hat uns beide beschäftigt. Doch in sozialen Themen bin ich einen Antikurs gefahren.

Hat das zu Konflikten geführt?

Jeanine Kosch: Ja, das gab manche Auseinandersetzung. Wobei mein Vater dann meist die Diskussion abbrach und zu mir sagte: «Du wirst dann schon noch sehen, dass das nicht funktioniert, wenn du älter bist.»

Was meinen Sie rückblickend dazu?

Jeanine Kosch: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es sich lohnt, mich für meine Überzeugungen einzusetzen, und dass ich so auch etwas erreiche - wenn auch in kleinen Schritten. Die Illusion, dass ich wahnsinnig viel verändern kann, habe ich wohl schon nicht mehr - aber ich könnte es nicht verantworten, die Hände in den Schoss zu legen und nichts zu tun.

Mirjam Kosch, Sie gehören einer Jungpartei an - haben Sie radikalere Positionen als Ihre Mutter?

Mirjam Kosch: Ja, durchaus, nicht nur im Vergleich mit meiner Mutter, sondern auch mit anderen politisch Engagierten aus ihrer Generation. Ich denke, der Drang, die Welt zu retten, lässt mit dem Alter schon nach.

Jeanine Kosch: Wenn man zurückblickt auf das, was man schon alles getan und erreicht hat, und sich bewusst wird, wie viel Zeit man noch hat, führt das zu einer gewissen Gelassenheit.

In welchen Punkten sind Sie denn radikaler als Ihre Mutter?

Mirjam Kosch: Das ist nicht so einfach zu benennen. Es geht wohl wirklich darum, was man denkt, wie viel man bewegen kann. Eine Bekannte, die so alt ist wie meine Mutter, sagte mir kürzlich: «Früher dachte ich auch, wenn nur alle so politisch wären wie ich, dann könnten wir alle Probleme dieser Welt lösen.» Und ich denke manchmal auch, es bräuchte so wenig - wenn nur alle begreifen würden, um was es geht, und dass wir nur mit Nachhaltigkeit weiterkommen. Vielleicht sieht man die Dinge in der Jugend zu einfach - andererseits finde ich es gut, Illusionen zu haben, denn das treibt einen ja auch an.

Versuchen Sie, Leute in Ihrem Umfeld zu motivieren, sich zu engagieren?

Mirjam Kosch: Das weniger - ich finde, das ist jedem selbst überlassen. Wichtiger ist mir, dass man nachhaltig handelt. Was mich erstaunt, ist, wie man über den Klimawandel und seine Auswirkungen Bescheid wissen kann und trotzdem noch Auto fährt oder für Reisen in Europa das Flugzeug nimmt statt den Nachtzug. Darüber kann ich mich sehr aufregen, und das sage ich dann auch.

Wie konsequent sind Sie denn selbst?

Mirjam Kosch: Ich bin ziemlich konsequent. Für private Reisen finde ich, man sollte sich die Zeit nehmen, mit dem Zug zu reisen. Dass es manchmal nicht anders geht, wenn man beruflich an eine Sitzung muss, sehe ich mittlerweile ein. Doch es gibt ja auch dafür Alternativen wie Videokonferenzen - oder zumindest die Möglichkeit, die CO2-Emissionen zu kompensieren.

Jeanine Kosch: Mirjam ist da konsequenter, ich lasse eher fünf gerade sein. Ich achte darauf, welche Produkte ich kaufe, und ich habe auch kein Auto. Doch ich erlaube mir dann auch mal eine Ausnahme und nehme das Flugzeug statt den Zug, wenn es viel bequemer ist. Als ich früher beruflich oft für Sitzungen in Europa unterwegs war und dafür flog, weil ich nicht am nächsten Tag unausgeruht vom Nachtzug direkt ins Büro gehen wollte, hatten Mirjam und ich manche Diskussion darüber.

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