Sparen in der Bildung
Eine Generation muckt auf: Sind Schülerproteste ein Lebenszeichen einer politisierten Jugend?

Gleich in fünf Schweizer Städten gingen Schüler gestern auf die Strasse. Ein Einzelfall? Oder führen ausgerechnet Abstriche in der Bildung dazu, dass sich die als apolitisch verschriene Jugend vermehrt für Politik interessiert?

Dennis Bühler
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KeLoscht: Schweizweite Schülerproteste gegen Bildungsabbau
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Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler haben sich in Basel versammelt. #KeLoscht – Schweizer Schüler gehen auf die Strasse, auch in Basel demonstrierten etwa 80 SchülerInnen gegen den schweizweiten Bildungsabbau Mit Transparenten und Sprüchen zogen die SchülerInnen vom Barfüsserplatz durch die Freie Strasse zum Marktplatz, wo Anna Holm und Adil Koller (Präsident der Baselbieter SP) kurze Reden hielten. Danach löste sich die Demo auf.
Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler haben sich in Zürich versammelt. Schueler demonstrieren gegen die Spar- und Abbaumassnahmen in der Bildung, aufgenommen am Mittwoch 5. April 2017 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Schülerdemo Aarau Aargauer Schülerinnen und Schüler demonstrieren auf dem Bahnhofplatz Aarau gegen Bildungsabbau, am Mittwoch, 5. April 2017.
Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler haben sich in Luzern versammelt. Schueler demonstrieren gegen den Bildungsabbau am Mittwoch, 5. April 2017, in Luzern. In verschiedenen Schweizer Staedten kommt es am 5. April 2017 zu Kundgebungen. (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler haben sich in Luzern versammelt. Schueler demonstrieren gegen den Bildungsabbau am Mittwoch, 5. April 2017, in Luzern. In verschiedenen Schweizer Staedten kommt es am 5. April 2017 zu Kundgebungen. (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler haben sich in Luzern versammelt. #KeLoscht – Schweizer Schüler gehen auf die Strasse, auch in Basel demonstrierten etwa 80 SchülerInnen gegen den schweizweiten Bildungsabbau Mit Transparenten und Sprüchen zogen die SchülerInnen vom Barfüsserplatz durch die Freie Strasse zum Marktplatz, wo Anna Holm und Adil Koller (Präsident der Baselbieter SP) kurze Reden hielten. Danach löste sich die Demo auf.
Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler haben sich in Luzern versammelt.
Sie demonstrieren gegen Abbau im Bildungsbereich.
Luzern ist Hauptort der Proteste, die auch in Aarau, Zürich, Genf und Basel stattfinden.
In Aarau haben sich rund 100 Schülerinnen und Schüler versammelt.
Um 13.15 Uhr ging es los.
Bilder des Protests in Aarau.
Bilder des Protests in Aarau.
Bilder des Protests in Aarau.
Bilder des Protests in Aarau.

KeLoscht: Schweizweite Schülerproteste gegen Bildungsabbau

Keystone

Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!» Parolen skandierend, marschieren um die tausend Teenager gestern Nachmittag durch Luzern. Gleichzeitig demonstrieren auch in Zürich, Basel, Aarau und Genf Jugendliche gegen die Streichung von Freifächern und Instrumentalunterricht, gegen grössere Klassen und die Kürzung von Lehrerlöhnen.

Eine Generation, die man bis vor kurzem für unpolitisch hielt, geht auf einmal auf die Strasse, weil sie «#KeLoscht» – unter diesem Motto haben sich die Protestaufrufe im Internet verbreitet – auf Bildungsabbau hat.

«Unsere Generation hat enorm grosse Lust, etwas zu bewegen», sagt Samuel Zbinden am Ende eines ereignisreichen Tages. Der 18-jährige Gymnasiast aus Sursee LU hat die Proteste koordiniert und ist selbst in Luzern mitmarschiert. Über den lautstarken, aber friedlichen Protest freut er sich. «Wir bleiben organisiert», kündigt er an. «Dieser Protest war nicht unser letzter.»

KeLoscht: Schweizweite Schülerproteste gegen Bildungsabbau

KeLoscht: Schweizweite Schülerproteste gegen Bildungsabbau

Keystone

Luzern: «Wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut»

In Luzern war die Kundgebung wie erwartet am grössten. Rund 1000 Schüler zogen in einem friedlichen Zug vom Helvetiaplatz zum Regierungsgebäude. «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut», skandierten sie. «Kann Bildung wirklich zu teuer sein?» hiess es auf einem Transparent. Empfangen wurden die Schüler beim Regierungsgebäude von Andreas Hofer (Grüne), dem Präsidenten des Luzerner Kantonsparlamentes. Sie hätten offenbar nicht «KeLoscht», sondern vielmehr Lust, die Welt zu verändern und sich für die Bildung einzusetzen, sagte er. Nach der Kundgebung empfing der Luzerner Bildungsdirektor Reto Wyss eine Delegation des Verbandes Luzerner Schülerorganisationen. Im Tagesgespräch von Radio SRF wehrte sich Wyss gegen den Vorwurf, die Bildung werde totgespart. Luzern investiere auch in neue Angebote, etwa Schulgebäude, Studiengänge, zweijährige Kindergärten und familien- und schulergänzende Tagesstrukturen. (sda)

Davon geht auch Politologe Lukas Golder aus, der seit Jahren zur Jugendpartizipation forscht. «Menschen, die zwischen 1980 und 1999 geboren wurden, gelten als unpolitisch. Diese Generation Y engagierte sich in ihrer Jugend politisch und sozial fast gar nicht, sondern wollte sich primär selbst verwirklichen», sagt der Leiter des GfS Instituts in Bern.

Die im neuen Jahrtausend geborenen Jugendlichen – jene der Generation Z – seien zwar ebenso selbstbezogen, was durch die überragende Bedeutung der sozialen Medien noch gesteigert werde. «Darin aber schlummert rebellisches Potenzial: Die Generation Z will auf keinen Fall zu kurz kommen – und wehrt sich mithilfe technologischer Mittel sofort, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt.»

Wahl Trumps als EWR-Moment

Beim von Golder jährlich erhobenen CS-Jugendbarometer gaben im vergangenen Herbst erstmals mehr Jugendliche an, sich stärker für Welt- als für Inlandpolitik zu interessieren. Eine Beobachtung, die Flavio Bundi teilt, der es als Geschäftsleiter von Easyvote wissen muss.

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Basel: «Für breites und nachhaltiges Bildungsangebot»

Es waren gerade mal etwa 80 Schülerinnen und Schüler, die sich in Basel versammelt hatten. Umso entschlossener aber traten sie ein für ein «breites und nachhaltiges Bildungsangebot». Weil Baselland derzeit deutlich stärker sparen muss als Basel-Stadt, waren es denn auch vor allem Baselbieter Schüler, die in die Stadt gekommen waren. Sie protestierten gegen eine Reduktion des Freifachangebots an Gymnasien, gegen gebührenpflichtigen Instrumentalunterricht oder gegen mögliche Kürzungen der Baselbieter Gelder an die Universität Basel. (nch)

Sein Verein versucht seit einigen Jahren mit Erklärvideos und Broschüren, die Überforderung abzubauen, die Jugendliche im Vorfeld von Abstimmungen und Wahlen oft verspüren. «Was für die ältere Generation die EWR-Abstimmung 1992 war, könnte für die Generation Z die Wahl Trumps gewesen sein: Ein Schub, sich stärker zu informieren oder gar politisch zu engagieren», sagt Bundi.

Auch wenn die USA weit weg seien, hätten Jugendliche die Wahl über Facebook, Instagram und Snapchat in der Schweiz hautnah miterlebt. «Durch die sozialen Medien ist Betroffenheit globalisiert worden.»

Parteien buhlen um Nachwuchs

An eine nachhaltige Repolitisierung glaubt auch Nicolas Zahn, Co-Präsident von Operation Libero. Wie Golder und Bundi vermutet er die Gründe nicht zuletzt in Ereignissen im Ausland. «Im vergangenen Jahr wurden zahlreiche Errungenschaften und Werte, die wir für selbstverständlich hielten, infrage gestellt», so der Chef der Bewegung, die zuletzt wiederholt in Abstimmungskämpfen gegen die SVP bestand.

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Zürich: «Papier und Stifte selbst bezahlen»

Rund 600 Personen versammelten sich gestern beim Zürcher Bürkliplatz, wo Vertreter von Schülerorganisationen kurze Reden hielten. Anschliessend zogen die Demonstrierenden friedlich zum Helvetiaplatz.«Wir müssen im Zeichnen Papier und Stifte selber bezahlen, und der kaputte Hellraumprojektor wird auch nicht ersetzt», sagte eine 17-Jährige von der Kantonsschule Zürcher Oberland. Die Schülerinnen und Schüler mussten individuell aushandeln, dass sie für die Demonstration freibekamen. (nch)

Die Jugend sei allerdings nie völlig apolitisch gewesen, sondern habe bloss den Zugang zur Politik nicht gefunden, sagt Zahn. «Nicht sie war es, die sich nicht mehr für Politik interessierte, sondern die Politik hat die Jugend teilweise vernachlässigt. Sie gab sich zu wenig Mühe, ihre Sprache zu sprechen und ihr aufzuzeigen, wo sie von politischen Entscheiden direkt betroffen ist.»

Von der plötzlichen Polit-Begeisterung des Nachwuchses profitieren wollen die Jungparteien. Bei den Demonstrationen sind gestern vor allem Juso und Junge Grüne präsent. «Ein Grossteil der Schüler wurde instrumentalisiert», kritisiert Andri Silberschmidt, Chef der Jungfreisinnigen. Juso-Präsidentin Tamara Funiciello lässt der Vorwurf kalt. «Wir engagieren uns seit je gegen Bildungsabbau, folglich decken sich unsere Ziele mit jenen der Demonstrierenden. Von einer Vereinnahmung des Protests kann keine Rede sein.»

Aarau: «Bürgerliche Sparschweine»

Auf dem Bahnhofplatz in Aarau haben sich gestern rund 120 Schülerinnen und Schüler gegen den Bildungsabbau demonstriert.Zusammen mit den anderen Städten sei es die «grösste Schülerdemonstration, welche die Schweiz je gesehen hat», sagte die Aargauer Juso-Politikerin Ariane Müller. Sie kritisierte in ihrer Rede die bürgerlichen Parteien: «Diesen Sparschweinen» müsse man den Riegel vorschieben, sagte sie. Nach zahlreichen weiteren Rednerinnen wurde die
Kundgebung mit «KeLoscht-Rufen» beendet. (nim)

Keystone

Hoffnung setzt Lisa Mazzone, mit 29 Jahren die jüngste eidgenössische Parlamentarierin, in den politinteressierten Nachwuchs. Eine Prognose, ob das Interesse bestehen bleibt, wagt sie allerdings nicht. «15-jährig protestierte ich mit meinen Klassenkameraden gegen den Irak-Krieg», erinnert sich die Genfer Grüne. «In der Politik aber engagiert sich heute niemand ausser mir.»