Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!» Parolen skandierend, marschieren um die tausend Teenager gestern Nachmittag durch Luzern. Gleichzeitig demonstrieren auch in Zürich, Basel, Aarau und Genf Jugendliche gegen die Streichung von Freifächern und Instrumentalunterricht, gegen grössere Klassen und die Kürzung von Lehrerlöhnen.

Eine Generation, die man bis vor kurzem für unpolitisch hielt, geht auf einmal auf die Strasse, weil sie «#KeLoscht» – unter diesem Motto haben sich die Protestaufrufe im Internet verbreitet – auf Bildungsabbau hat.

«Unsere Generation hat enorm grosse Lust, etwas zu bewegen», sagt Samuel Zbinden am Ende eines ereignisreichen Tages. Der 18-jährige Gymnasiast aus Sursee LU hat die Proteste koordiniert und ist selbst in Luzern mitmarschiert. Über den lautstarken, aber friedlichen Protest freut er sich. «Wir bleiben organisiert», kündigt er an. «Dieser Protest war nicht unser letzter.»

Davon geht auch Politologe Lukas Golder aus, der seit Jahren zur Jugendpartizipation forscht. «Menschen, die zwischen 1980 und 1999 geboren wurden, gelten als unpolitisch. Diese Generation Y engagierte sich in ihrer Jugend politisch und sozial fast gar nicht, sondern wollte sich primär selbst verwirklichen», sagt der Leiter des GfS Instituts in Bern.

Die im neuen Jahrtausend geborenen Jugendlichen – jene der Generation Z – seien zwar ebenso selbstbezogen, was durch die überragende Bedeutung der sozialen Medien noch gesteigert werde. «Darin aber schlummert rebellisches Potenzial: Die Generation Z will auf keinen Fall zu kurz kommen – und wehrt sich mithilfe technologischer Mittel sofort, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt.»

Wahl Trumps als EWR-Moment

Beim von Golder jährlich erhobenen CS-Jugendbarometer gaben im vergangenen Herbst erstmals mehr Jugendliche an, sich stärker für Welt- als für Inlandpolitik zu interessieren. Eine Beobachtung, die Flavio Bundi teilt, der es als Geschäftsleiter von Easyvote wissen muss.

Sein Verein versucht seit einigen Jahren mit Erklärvideos und Broschüren, die Überforderung abzubauen, die Jugendliche im Vorfeld von Abstimmungen und Wahlen oft verspüren. «Was für die ältere Generation die EWR-Abstimmung 1992 war, könnte für die Generation Z die Wahl Trumps gewesen sein: Ein Schub, sich stärker zu informieren oder gar politisch zu engagieren», sagt Bundi.

Auch wenn die USA weit weg seien, hätten Jugendliche die Wahl über Facebook, Instagram und Snapchat in der Schweiz hautnah miterlebt. «Durch die sozialen Medien ist Betroffenheit globalisiert worden.»

Parteien buhlen um Nachwuchs

An eine nachhaltige Repolitisierung glaubt auch Nicolas Zahn, Co-Präsident von Operation Libero. Wie Golder und Bundi vermutet er die Gründe nicht zuletzt in Ereignissen im Ausland. «Im vergangenen Jahr wurden zahlreiche Errungenschaften und Werte, die wir für selbstverständlich hielten, infrage gestellt», so der Chef der Bewegung, die zuletzt wiederholt in Abstimmungskämpfen gegen die SVP bestand.

Die Jugend sei allerdings nie völlig apolitisch gewesen, sondern habe bloss den Zugang zur Politik nicht gefunden, sagt Zahn. «Nicht sie war es, die sich nicht mehr für Politik interessierte, sondern die Politik hat die Jugend teilweise vernachlässigt. Sie gab sich zu wenig Mühe, ihre Sprache zu sprechen und ihr aufzuzeigen, wo sie von politischen Entscheiden direkt betroffen ist.»

Von der plötzlichen Polit-Begeisterung des Nachwuchses profitieren wollen die Jungparteien. Bei den Demonstrationen sind gestern vor allem Juso und Junge Grüne präsent. «Ein Grossteil der Schüler wurde instrumentalisiert», kritisiert Andri Silberschmidt, Chef der Jungfreisinnigen. Juso-Präsidentin Tamara Funiciello lässt der Vorwurf kalt. «Wir engagieren uns seit je gegen Bildungsabbau, folglich decken sich unsere Ziele mit jenen der Demonstrierenden. Von einer Vereinnahmung des Protests kann keine Rede sein.»

Hoffnung setzt Lisa Mazzone, mit 29 Jahren die jüngste eidgenössische Parlamentarierin, in den politinteressierten Nachwuchs. Eine Prognose, ob das Interesse bestehen bleibt, wagt sie allerdings nicht. «15-jährig protestierte ich mit meinen Klassenkameraden gegen den Irak-Krieg», erinnert sich die Genfer Grüne. «In der Politik aber engagiert sich heute niemand ausser mir.»

Schüler-Proteste: #KeLoscht" auf Sparen bei der Bildung

Hunderte Schüler sind am Mittwochnachmittag in Luzern, Zürich, Basel, Aarau und Genf auf die Strasse gegangen. Sie warfen der Politik vor, immer weniger in die Bildung zu investieren. Sie hätten aber "#KeLoscht" auf Abbau bei der Bildung. Dieser Hashtag, in Anlehnung auf einen Ausspruch von Bundesrat Ueli Maurer, wird von den Schülerorganisationen nun als Schlachtruf genutzt. Die Schüler hatten sich mehrheitlich über soziale Medien organisiert.