Mindestlohn

«Eine Familie gründen wohl unmöglich»: Wie lebt man mit 3400 Franken?

Vanessa T. kann schon froh sein, wenn ihr Lohn bis Ende Monat reicht (Symbolbild).

Vanessa T. kann schon froh sein, wenn ihr Lohn bis Ende Monat reicht (Symbolbild).

In der Debatte um die Mindestlohninitiative wird die Schuhbranche oft als Negativbeispiel herangezogen. Ein Drittel der Beschäftigten verdient unter 4000 Franken. Zehn Prozent gar unter 3400 Franken. Vanessa T. ist eine davon.

4000 Franken Mindestlohn ja oder nein? Über diese Frage entscheidet das Stimmvolk am 18. Mai. Vor der Abstimmung steht allen voran die Schuhbranche im Mittelpunkt, die immer wieder für ihre tiefen Löhne in die Kritik gerät. Jede dritte Person, die in der Kleider- und Schuhbranche arbeitet, verdient pro Monat weniger als 4000 Franken, jede zehnte weniger als 3400 Franken. Dies geht aus einer Studie der Genfer Universität hervor.

Vanessa T.* weiss aus eigener Erfahrung, was ein tiefer Lohn im Alltag bedeutet. Eine dreijährige Lehre zur Detailhandelsfachfrau, ein 100-Prozent-Pensum, eine Position als stellvertretende Filialleiterin bei einer mittelgrossen Schuhhandelskette – und trotzdem muss die 23-jährige Innerschweizerin froh sein, wenn das Geld bis Ende Monat reicht.

3385 Franken brutto verdient sie, dazu kommt eine Umsatzbeteiligung zwischen 90 und 250 Franken, nicht aber ein 13. Monatslohn. Der Lohnausweis liegt vor Vanessa T. auf dem Tisch im Wohnzimmer des Elternhauses, wo sie mit ihrem Freund in einer separaten 2,5-Zimmer-Wohnung lebt. Sparen für Ferien im Ausland oder eine grössere Wohnung liege kaum drin. Doch am meisten wütend macht sie, dass ihre Pläne gefährdet sind: «Eine Familie gründen ist mit diesem tiefen Lohn wohl unmöglich.»

Die Gewerkschafter prangern die tiefen Löhne im Schuhhandel schon länger an. In der Mindestlohndebatte dient ihnen die Branche als Negativbeispiel. Daniel Lampart vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund sagt: «Die Inhaber grosser nationaler und internationaler Ketten verdienen sich mit dem Verkauf von Kleidern, aber auch Schuhen eine goldene Nase. Diesbezüglich besteht ein krasser Gegensatz zu den tiefen Löhnen.» Die Gewerkschafter wollen die Arbeitsbedingungen für das Verkaufspersonal verbessern – mit einem Gesamtarbeitsvertrag, der unter anderem Mindestlöhne festlegen würde.

Häufigere Kontrollen

Auch der Bund hat ein Auge auf den Schuhhandel geworfen, der pro Jahr schweizweit rund 2,4 Milliarden Franken umsetzt: Bereits zum dritten Mal in Folge ist er zur Fokusbranche erklärt worden – und wird entsprechend häufiger kontrolliert. Auf dieses Jahr hin hat die Tripartite Kommission, die sich aus Behörden, Arbeitgebern und Gewerkschaftern zusammensetzt, Referenzlöhne festgelegt. Diese bewegen sich für Ungelernte ohne grosse Berufserfahrung je nach Region zwischen 3140 und 3450 Franken – sind aber nicht bindend.

Vanessa T. überlegt sich jetzt einen Branchenwechsel. Indem sie sich an die Öffentlichkeit wendet, möchte sie aufrütteln, sagt sie. Trotz grosser Angst müssten sich die Verkäuferinnen wehren: «Wir haben auch ein Recht auf einen angemessenen Lohn.»

*Name geändert

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