Bis heute war der Ausstieg der Schweiz aus der Atomenergie ein reines Lippenbekenntnis. Gratis und franko. Noch sind alle fünf Atommeiler am Netz, noch hat das Land keine nennenswerten Anstrengungen unternommen, den Anteil der Atomenergie an der Gesamtenergieversorgung zu ersetzen oder den Energieverbrauch pro Kopf zu senken. Geschickt und instinktsicher hat Energieministerin Doris Leuthard - die einstige Atombefürworterin - die Verunsicherung nach Fukushima genutzt, um die Energiewende aufzugleisen. Geholfen haben ihr dabei die SP-Bundesräte sowie Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf. Im Parlament bilden SP, Grüne, Grünliberale, BDP und CVP die Anti-Atom-Koalition. Die SVP hat sich von Anfang an auf die Seite der Atomlobby geschlagen und die FDP laviert bis heute.

Jetzt aber rückt die Stunde der Wahrheit näher. Voraussichtlich am Freitag wird der Bundesrat erklären, wie die Energiewende konkret umgesetzt werden soll. Die Stossrichtung seines Energiegesetzes sieht etwa so aus: Gemäss Entwurf, der unserer Zeitung vorliegt, will Leuthard den Energieverbrauch pro Kopf massiv senken. Von einer Reduktion um bis zu 40 Prozent bis 2050 ist die Rede. Geschehen soll dies mittels Eingriffen in die freie Marktwirtschaft. Leuthard will offenbar das aktuelle Geschäftsmodell der Stromkonzerne weitgehend auf den Kopf stellen. Heute verdient am meisten Geld, wer möglichst viel Strom verkauft. Grosskunden profitieren von Mengenrabatten.

Neu sollen Stromkonzerne auf konkrete Effizienzziele verpflichtet werden. Belohnt werden also jene, die jährlich weniger Strom verkaufen - sei es dank besserer Beratung der Kunden, sei es dank progressiven Tarifen. Weiter will Leuthard die technischen Vorschriften für Anlagen, Fahrzeuge und Geräte verschärfen. Für alle Häuser soll ein Energieausweis eingeführt und via kantonale Richtlinien sollen Verbrauchsstandards festgelegt werden. Die Energieministerin setzt stark auf Anreize: Wer ein sparsames Auto kauft, soll belohnt werden, wer eine Benzinschleuder fährt, muss tiefer ins Portemonnaie greifen.

Effizienzmassnahmen und Vorschriften sind das eine, der Ausbau der erneuerbaren Energie das andere. Kantone sollen künftig festlegen, welche Gewässer geschützt und welche für den Ausbau der Wasserkraft genutzt werden sollen. Wind- und Solarenergie sollen mit Förderabgaben wie der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) stärker subventioniert werden. Noch unklar ist, ob und wie die Energiewende zusätzlich mit einer von Widmer-Schlumpf angeregten ökologischen Steuerreform beschleunigt wird. Dies würde bedeuten, dass alle Energieträger teurer würden, um deren Verschwendung Einhalt zu gebieten. Direkte Steuern würden dafür gesenkt, sodass sich insgesamt die Fiskalquote nicht erhöht.

Die Auflistung aller geplanten Massnahmen zeigt: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist ein Kraftakt, der nur dank massiven planwirtschaftlichen Eingriffen erfolgversprechend ist. Ohne staatliche Lenkung, ohne monetäre Anreize, ohne obrigkeitliche Erziehungsmassnahmen geht gar nichts. Entsprechend gross wird der Widerstand von energieintensiven Branchen wie auch der Stromwirtschaft selber sein. Leuthard und Widmer-Schlumpf haben eine grosse und schwierige Aufgabe. Keine Zweifel: Die Energiewende ist das Megaprojekt der Schweizer Politik.

So populär der Atomausstieg in der Bevölkerung sein mag und so mutig die Bundesrätinnen Leuthard und Widmer-Schlumpf vorangehen: Wir alle sind bisher den Beweis schuldig geblieben, dass wir Energie sparen können und wollen. Dass wir auch bereit sind, für Verschwendung mehr zu bezahlen, dass wir in der Lage sind, unseren Lebensstil anzupassen. Eben hat der Kanton Bern die Motorfahrzeugsteuern um einen Drittel gesenkt. Die Bernerinnen und Berner wollen günstiger Auto fahren. Doch nicht nur in Bern ist Energie sparen immer dann, wenn es konkret wird, unpopulär. Der Endenergieverbrauch pro Kopf verharrt seit 1990 auf hohem Niveau. Effizienzsteigerungen (beispielsweise durch sparsamere Autos oder verbrauchsärmere Kühlschränke) werden in der Regel durch die Mengenausweitung (mehr Geräte infolge steigenden Wohlstands) weggefressen. Bei allem Wohlwollen für das Ziel, den Energieverbrauch drastisch zu senken: Aus heutiger Sicht kann man an diese schöne neue Energiewelt noch gar nicht glauben.

Die Energiewende ist ein langfristiges und notwendiges Projekt. Die heutigen Bundesrätinnen werden längst pensioniert sein, wenn die jetzt eingeleiteten Massnahmen wirklich greifen. Die Energiewende wird vielen Bürgern finanziell wehtun. Sie wird nur stattfinden, wenn wir alle unser Konsumverhalten ändern. Und dies wiederum wird nur gelingen, wenn uns der Staat ein Stück weit zu diesem Glück zwingt.