Masseneinwanderung

Ein Verbot von Rollkoffern bringt mehr als eine Beschränkung der Zuwanderung

Das Schloss mit der vielleicht atemberaubendsten Aussicht Graubündens.

Das Schloss Rhäzüns

Das Schloss mit der vielleicht atemberaubendsten Aussicht Graubündens.

Es sind die Reichen, die uns den Platz wegnehmen. Und ein paar Berufsschüler mit raumgreifenden Rollkoffern. Die ganz grosse Angst vor überfüllten Zügen aber hat Friedrich Dürrenmatt geschürt. Eine Betrachtung der SVP-Initiative im Lichte der Bücher.

Kennen Sie Schloss Rhäzüns? Vermutlich nicht, denn der Herrschaftsbau befindet sich in Privatbesitz.

Doch glauben Sie mir: Von seiner Ringmauer aus bietet das Schloss die vielleicht atemberaubendste Aussicht Graubündens - über den Unterlauf des Hinterrheins und eine verstörend schöne Moränenlandschaft.

Grossartig auch das Innere: Vom Wandgemälde mit Tristan und Isolde etwa erzählt der Schlossherr seinen zumeist ausländischen Besuchern, es sei die älteste derartige Darstellung nördlich der Alpen.

Und dann natürlich: Rittersaal, Kapelle, viele schmucke Kammern. Wer einmal das Privileg hatte, von Christoph Blocher durch dessen Schloss Rhäzüns geführt zu werden - dem ist bewusst, dass Wohnkosten selbst in abgelegenen Gegenden der Schweiz recht hoch sein können.

Wobei gesagt sein muss: Schlossherr Blocher weilt nurmehr selten in seinen altehrwürdigen Bündner Gemächern. Seine Villa in Herrliberg bietet dem Vater der Masseinwanderungsinitiative nun einmal zusätzlich einen Swimmingpool.

In seinem kürzlich in Buchform erschienenen Essay «Der überflüssige Mensch» weist der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow darauf hin, dass es in den USA just die beiden grössten privaten Grundbesitzer sind, die wiederholt öffentlich vor Überbevölkerung gewarnt haben: die Medienmogule John Malone und Ted Turner - Ersterer nennt 8500 Quadratkilometer Land sein Eigen (das entspricht der Fläche der Kantone Graubünden und Aargau zusammen), deren 8000 Quadratkilometer sind es bei Letzterem.

Von CNN-Gründer Turner stammt etwa der Ausspruch: «Eine Bevölkerung von weltweit 250 bis 300 Millionen Menschen, also ein Rückgang um etwa 95 Prozent, wäre ideal.»

Bescheidener gibt sich Bill Gates: Der reichste Mann der Erde wäre schon froh, würde die Weltbevölkerung um zehn Prozent schrumpfen. - Wenn Christoph Blocher dieser Tage in den Köpfen der Schweizer Stimmbürger die Platzangst zu schüren versucht, so ist er also nicht einfach nur ein einzelner unglaubwürdiger Akteur.

Er verkörpert vielmehr die helvetische Ausprägung eines auch anderswo anzutreffenden Typus des Platzverschwenders, der vor Raumnot warnt.

Und wenn schon? Spricht die beeindruckende Zahl von Zugewanderten nicht für sich? Platzt die Schweiz nicht aus allen Nähten? Im aktuellen Abstimmungskampf besonders häufig die Rede ist von den überfüllten Zügen.

Aus meinem Alltag als Pendler kann ich bestätigen: Es gibt Angenehmeres als eine Zugfahrt zu Stosszeiten.

Allerdings sind es in meinem Fall primär die gefühlten Tausendschaften von Schülern, die den Morgen-Zug verstopfen.

Und das Problem hat sich nicht entschärft, seit namentlich die Berufsschüler das Unterrichtsmaterial in raumgreifenden Rollkoffern transportieren. Aus meiner persönlichen Sicht wäre eine Volksinitiative für ein Rollkofferverbot für Unter-18-Jährige zweckmässiger als die Einführung von Ausländer-Kontingenten.

Von meiner privaten Betroffenheit einmal abgesehen: Züge werden als überfüllt wahrgenommen, seit es sie gibt. Mit der Literatur über volle Eisenbahnen liesse sich ein Bahnwaggon füllen.

Wir treffen volle Züge schon in den Romanen «Der Hungerpastor» (1863) von Wilhelm Raabe, «Das Gemeindekind» (1887) von Marie von Ebner-Eschenbach oder Theodor Fontanes berühmten «Irrungen, Wirrungen» (1888).

Eine schöne Beschreibung des Phänomens hat August Strindberg beigesteuert. In seinem 1897 publizierten autobiografischen Roman «Inferno» lesen wir:

«Steig allein in einen vollbesetzten Eisenbahnwagen. Keiner kennt den andern, alle sitzen still da. Alle empfinden je nach dem Grad ihrer Empfindlichkeit ein grosses Unbehagen. Da geht eine mannigfaltige Kreuzung verschiedener Bestrahlungen vor sich, die allgemeine Beklemmung erzeugt. Es ist nicht warm, aber man glaubt zu ersticken.»

Man könnte die erwähnten Bücher noch als Werke von Ausländern abtun. Zum Bersten voll ist der Zug freilich auch in Friedrich Dürrenmatts 1952 erstmals erschienener Erzählung «Der Tunnel». Dort heisst es zu Beginn: «Der Zug war überfüllt. Die Reisenden sassen dicht gedrängt.»

Überhaupt ist es bemerkenswert, dass einer der berühmtesten Texte der Schweizer Literatur zugleich der apokalyptischste ist - Dürrenmatts vollgepferchte Eisenbahn rast bekanntlich geradewegs in den Abgrund.

«Der Tunnel» ist an den meisten Schulen nach wie vor Pflichtlektüre: Womöglich assoziieren Herr und Frau Schweizer volle Züge ja darum so gern mit der Apokalypse.

Womöglich ist es auch umgekehrt, und die nachhaltige Beachtung von Dürrenmatts Schauergeschichte rührt daher, dass wir Schweizer empfänglich sind für die Kombination «voller Zug» und «Weltuntergang».

In jedem Fall erreichen die Promotoren der Masseneinwanderungsinitiative die Stimmbürger mit eben dieser bedrohlichen Kombination am besten: Indem sie die vollen Züge beklagen, rufen sie das Bild vom Untergang gleich mit hervor.

Bessere, zumal rationale Argumente haben sie schliesslich nicht zur Hand: Die Wirtschaft brummt, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung, und es gibt noch immer so schöne Landschaften wie jene rund ums Schloss Rhäzüns.

Übrigens: Bücher können auch helfen, den vollen Zug nicht nur als etwas Bedrohliches wahrzunehmen. In Erich Kästners «Emil und die Detektive» wird der junge Emil erst dann Opfer eines Diebs, nachdem sich das anfangs volle Coupé geleert hat.

Und der Wiener Impressionist Peter Altenberg beschreibt in seinen «Märchen des Lebens», wie man sich auf einer Zugfahrt in eine zufällig mitreisende Person verlieben kann. Das sind doch eigentlich auch ganz schöne Aussichten.

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