Ein ungeschminkter Blick auf Afghanistan

Die Internet-Plattform Wikileaks hat am Sonntag geheime Berichte über den Krieg in Afghanistan veröffentlicht. Sie geben Einblick in einen Konflikt, der in Amerika heftig kritisiert wird.

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Ein ungeschminkter Blick auf Afghanistan

Ein ungeschminkter Blick auf Afghanistan

Renzo Ruf, Washington

Das Weisse Haus wusste bereits Bescheid: Nur wenige Minuten, nachdem drei führende Medienerzeugnisse in den USA («The New York Times»), Grossbritannien («The Guardian») und Deutschland («Der Spiegel») Auszüge aus Zehntausenden bisher geheimen Dokumenten über den Krieg in Afghanistan publiziert hatten, gab der Nationale Sicherheitsberater James Jones seiner Empörung Ausdruck.

Im Namen des US-Präsidenten verurteilte Jones am Sonntagabend die «verantwortungslosen» Veröffentlichungen scharf, da diese «unsere Sicherheit bedrohen». Ausserdem beträfen sie den Zeitraum Januar 2004 bis Dezember 2009 – im Herbst des vergangenen Jahres aber beschloss Präsident Barack Obama eine massive Aufstockung der US-Truppenzahl in Afghanistan, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Recherchen im Weissen Haus

Jones hatte Wind von der bevorstehenden publizistischen Bombe erhalten, weil drei «Times»-Redaktoren vorige Woche im Weissen Haus vorsprachen und hochrangige Mitarbeiter über das anstehende Projekt informierten. Die Redaktionen hatten die Dokumente von der schwedischen Internet-Plattform Wikileaks und deren Gründer Julian Assange zugespielt erhalten. Dieser wiederum wollte gestern keine Auskunft über seine Quelle geben.

Wikileaks hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, «unethisches Verhalten» von Regierungen und Unternehmen an den Pranger zu stellen – dank hochkomplexer Technik sind Versuche, den gebürtigen Australier Assange von dieser Mission abzubringen, bisher allesamt gescheitert. Allerdings brach die Wikileaks-Seite gestern aufgrund des grossen Interesses an den Afghanistan-Dokumenten zusammen.

Jones’ Stellungnahme blieb nicht die einzige Botschaft aus dem Weissen Hauses. Ebenfalls bereits am Sonntagabend meldete sich Präsidentensprecher Tommy Vietor zu Wort. In einem E-Mail, gerichtet an die Journalistenzunft, warnte er vor vorschnellen Schlussfolgerungen, insbesondere was die Kooperation zwischen pakistanischen Sicherheitskräften und afghanischen Aufständischen anging.

«Kein schlagender Beweis»

Kronzeuge für diese Mahnung zur Zurückhaltung war ausgerechnet der «Guardian», also eine der drei Publikationen, die es Wikileaks überhaupt ermöglicht hatten, die Kriegs-Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die links-liberale britische Zeitung hielt fest, dass die veröffentlichten Geheimberichte, zumeist verfasst von Offizieren im Feld, «keinen schlagenden Beweis» für eine Kooperation zwischen dem pakistanischen Geheimdienst ISI und den Taliban lieferten. «Die meisten Berichte sind vage gehalten, voller unvereinbarer Details, oder ungehobelt zusammengestiefelt», schrieb der «Guardian».

Viele Figuren – hochrangige Taliban-Kommandanten, bekannte Schlapphüte wie der ehemalige ISI-Direktor Hamid Gul – tauchen immer wieder auf. «Und nur wenige Ereignisse, die in den Berichten prognostiziert wurden, ereigneten sich tatsächlich.»

Trotz dieser Mahnungen zur Zurückhaltung – die Dokumente bestätigen, was in Washington immer mehr Politiker befürchten: Der Krieg in Afghanistan gleicht einem Sumpf. Der Widerstand der Taliban gegen die ausländischen Besatzungstruppen ist stärker und ausgeklügelter als jemals geahnt. Selbst der Auslandgeheimdienst CIA, der in Afghanistan eine zweite Front eröffnet und von 2001 bis 2008 mit paramilitärischen Truppen direkt in den Krieg eingriff, musste dies zur Kenntnis nehmen.

Andererseits wärmen die Dokumente auch altbekannte Geschichten wieder auf: Schon lange glauben die Nato-Truppen zu wissen, dass der ISI ein Doppelspiel treibt. Nicht einmal das Weisse Haus versucht, diesen Eindruck wegzuwischen.

«Der Status quo ist nicht akzeptabel», sagte ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, weil Aufständische in Pakistan einen Rückzugsort fänden. Der ISI widersprach trotzdem heftig. «Die Dokumente, die von Wikileaks verbreitet werden, widerspiegeln die derzeitige Lage auf dem Boden nicht», hiess es in einer Stellungnahme.

Wikileaks-Kopf Assange sagte derweil, die Veröffentlichung der Dokumente sei auch erfolgt, weil «der Ablauf des Krieges geändert werden muss». Dunkel sprach er auch von Kriegsverbrechen, die einer Untersuchung harrten. Assange besitzt nach eigenen Angaben zahlreiche weitere Dokumente, die er in nächster Zeit veröffentlichen will.

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