Tunnel
Ein Tunnel durch den Balmberg

Mit einem Strassentunnel gegen den wirtschaftlichen Niedergang von Welschenrohr ankämpfen: Diese Idee entstammt nicht etwa der aktuellen Wirtschaftskrise. Lokale Initianten hatten vor30 Jahren eine kantonale Volksinitiative für eine direkte Verbindung ins Mitteland lanciert.

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Grafik Balmbergtunnel

Grafik Balmbergtunnel

Solothurner Zeitung

Urs Mathys

Wenn 97.7 Prozent aller Stimmberechtigten ein Volksbegehren unterschrieben, dann will dies etwas heissen. So wars vor 30 Jahren in Welschnrohr, bei der kantonalen «Initiative auf Erstellung einer direkten Strassenverbindung Welschenrohr-Solothurn mittels eines Balmbergtunnel». Ab Januar 1979 sammelte das stark lokal verankerte Initiativkomitee im Kanton innert weniger Monate 4067 gültige Unterschriften - nötig gewesen wären deren 3000.
Vorgeschlagen wurde ein 2060 Meter langer Durchstich durch die erste Jurakette, von Welschenrohr nach Günsberg. Von dort aus sollte eine Rampe die neue Strasse via die bernischen Gemeinden Attiswil und Wiedlisbach zum Anschluss Wangen a/A der Autobahn A1 führen.

Tunnel gegen Wirtschaftsnot

Hintergrund war eine Situation, wie sie sich auch heute wieder ähnlich präsentiert: das Thal war überdurchschnittlich stark von der Rezession getroffen. Alteingesessene Arbeitgeber - darunter die Uhrenfabrik Technos, Welschenrohr oder Von Roll, Klus - stellten Hunderte von Beschäftigten auf die Strasse. «Welschenrohr und die ganze Talschaft befinden sich, wie kaum eine andere Region im Kanton, wahrlich in grosser wirtschaftlicher Not», warb das Initiativkomitee damals für sein Begehren. Die Krise hatte in Welschenrohr massive Konsequenzen: Eine massive Abwanderung liess die Bevölkerungszahl innert kurzer Zeit von 1500 auf 1100 Personen sinken - grosse Steuerausfälle waren die Folge.

Mit dem Tunneldurchstich visierten die Initianten mehrere Ziele an: Das hintere Thal sollte direkter mit der Kantonshauptstadt und dem Mittelland verknüpft und als Wirtschaftsstandort sowie als «nebelfreie Wohnregion» vermarktet werden. Nationales Aufsehen erregten die Welschenrohrer auch damit, dass sie Frédy Grimm, ihren rührigen Delegierten für Wirtschaftsfragen, mit Gratis-Bauland-Angeboten auf die Jagd nach ansiedlungswillige Firmen schickten.

Pläne auch am Weissenstein und am Passwang

Basistunnel-Projekte - als wintersichere Strassenverbindungen zwischen Jura-Süd- und -Nordfuss - waren im Kanton der Regionen immer wieder ein Thema. Zu verkehrs- und strukturpolitischen Argumenten kamen staatspolitische hinzu: Mit den Strassen hoffte man die auseinander driftenden Kantonsteile besser zusammenhalten zu können. Neben dem Balmberg waren der Weissenstein und der Passwang Dauerbrenner. Im vorigen Jahrhundert wurde letztmals Anfang der 70er-Jahre das Projekt eines Weissenstein-Tunnels lanciert - ohne nennenswertes Echo. Dass die alte Idee eines Passwang-Basistunnels vom Kanton ernsthaft geprüft und 1976 öffentlich zur Diskussion gestellt wurde, dürfte nicht zuletzt am damaligen Baudirektor Hans Erzer (FdP) gelegen haben, einem gebürtigen Schwarzbuben. Das Projekt sah vor, die Passwangstrasse auf einer Strecke von 13 Kilometern neu zu trassieren und mit einem 1200 Meter langen Basistunnel eine Höhendifferenz von 230 Metern auszuschalten. Angesichts der Kosten von rund 60 Millionen und der leeren Kassen von Bund und Kanton versandete das Anliegen. In den 80er-Jahren wurde CVP-Kantonsrat und nachmaliger Regierungsrat Peter Hänggi (Nunningen) erneut aktiv - ohne Erfolg. Im kantonalen Richtplan 1997 wurde auf den Basistunnel endgültig verzichtet. (ums.)

Taktischer Rückzug ohne Erfolg

Viele Thaler waren Feuer und Flamme für den Tunnel und auch aus dem noch jungen Kanton Jura wurde wohlwollendes Interesse an einer (neben Biel) zweiten Anbindung ans Autobahnnetz signalisiert. Anders beim potenziellen Bauherrn Kanton Solothurn und beim Bund: Als «völlig utopisch» bezeichnete im Januar 1979 Kantonsingenieur Fortunat Fontana die Tunnel-Idee gegenüber dieser Zeitung. Das absehbare Verkehrsaufkommen sei viel zu klein und das Kosten/Nutzen-Verhältnis könne bei Kosten von 170 Mio. Franken nie stimmen.

Ende März 1982 erfolgte dann ein taktischer Rückzug der Itiative: Es sei zu befürchten, dass diese in der kantonalen Volksabstimmung scheitern könnte und damit das Projekt dann auch auf nationaler Ebene «abgeschrieben» wäre, erklärte Frédy Grimm damals vor den Medien. Die neue, grosse Hoffnung der Initianten war nämlich die, dass der Tunnel durch die Eidgenossenschaft (als Teil der Transjurane), realisiert werden könnte. Der Bund wälzte damals Pläne, den Kanton Jura mit der Aufklassierung der Thalstrasse zu einer Nationalstrasse (Moutier-Oensingen) zusätzlich ans Autobahnnetz anzuschliessen. Diese Idee stiess sowohl im Thal wie auch im Solothurner Rathaus auf erbitterten Widerstand. Deshalb spekulierten die Welschenrohrer darauf, dass in diesem Fall die im Vorprojekt des Bundes enthaltene Alternative - der bei Welschenrohr aus dem Thal abzweigende Balmbergtunnel - zum Zuge kommen würde. Eine Hoffnung, die sich allerdings auch 30 Jahre später noch nicht erfüllt hat - und so schnell wohl auch nicht erfüllen wird.

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