Coronavirus

Ein Super-Spreader könnte bei einem Protestzug dabei sein – wie hoch ist das Risiko sich anzustecken?

In der Schweiz gehen seit Wochen Tausende Menschen auf die Strasse, um gegen die Corona-Massnahmen, Rassismus oder für die Gleichberechtigung zu demonstrieren.

In der Schweiz gehen seit Wochen Tausende Menschen auf die Strasse, um gegen die Corona-Massnahmen, Rassismus oder für die Gleichberechtigung zu demonstrieren.

Hält man die Hygiene- und Distanzregeln ein, könnten auch wieder mehr Zuschauer in ein Fussballstadion. Der Epidemiologe Marcel Tanner, Mitglied der Task Force Covid-19 und Präsident Akademien der Wissenschaften Schweiz, zu Risiken an Demonstrationen.

Die Infektionszahlen sind tief, wie gefährlich sind Massenansammlungen wie Demonstrationen noch?

Marcel Tanner: Es braucht im Prinzip immer nur eine Person, um andere anzustecken. Eine, die infektiös und insbesondere auch mobil ist. Da spielt es keine Rolle, ob die an einem Massenprotest teilnimmt oder sonst irgendwo. Entscheidend ist die Übertragungssituation und nicht die Anzahl der anwesenden Menschen. Was immer zählt und hilft, sind die Hygiene- und Distanzmassnahmen. Die könnten im Prinzip auch an einem Protestzug eingehalten werden so wie auch an einem Konzert. Entscheidend ist überall, dass man nicht vergisst, was die Grundmassnahmen sind.

Diese wurden bei den Protesten aber nicht eingehalten.

An einem Protestzug und in einem Club sind die Grundmassnahmen sicher am schwierigsten einzuhalten. Der Protestzug hat immerhin den Vorteil, dass er draussen stattfindet. Im Club bewegen sich die Besucher auch sehr und das in meistens nicht am besten durchlüfteten Räumen.

Es wirkt von aussen gesehen absurd, wenn man keine Zuschauer in ein Fussballstadion lässt, aber Bilder von Massenprotesten sieht.

Sicher. Aber es geht nicht um Massenproteste. Wenn der Fussball vorweisen kann, dass die Zuschauer zwei Meter auseinander sitzen und registriert sind, könnten auch im Stadion mehr Menschen zusammenkommen. Das hat Daniel Koch vom BAG schon vor zwei Wochen gesagt. Die Grundmassnahmen sind das Rückgrat der Strategie, werden diese nicht eingehalten, bricht es. Es geht nicht um Absurdität, sondern um Kohärenz an allen Orten. Die muss man erreichen, indem man mit den Verantwortlichen zusammenarbeitet, um die richtigen Konzepte zu finden. Daniel Koch hat für den Fussball einen Vorschlag gemacht, den viele nicht für machbar hielten. Dann muss man gemeinsam nach dem Machbaren weitersuchen.

Im Zusammenhang mit Menschenansammlungen fürchtet man sich vor den Superspreadern. Zu Recht?

Ein Superspreader trägt Viren auf sich und zeigt kaum oder keine Symptome, ist also nicht krank. Er ist fit, mobil und aktiv in einer Gruppe und kann samit über das normale Verhältnis hinaus viele Leute anstecken. Die sind selten, aber theoretisch könnte am Samstag in einem Protestzug einer dabei gewesen sein.

Die Menschen verlieren die Angst vor dem Virus. Ist es da nicht schwierig, die Grundmassnahmen weiterhin durchzusetzen.

Das ist auf Dauer so, da braucht es keine soziologischen Untersuchungen. So funktionieren wir. Wenn man zudem noch individualistisch organisiert ist wie wir, umso mehr. Das Infektionsrisiko ist sehr klein im Moment, aber trotzdem kann man in einer Menschenmenge zufällig auf Infizierte oder gar einen Superspreader treffen, dann ändert sich das Risiko punktuell plötzlich.

Die Runde machen Meldungen von einem zweiten chinesischen Virus, das mutiert sei.

Da weiss man nichts wissenschaftlich Fundiertes und muss entspannt bleiben und keine Verschwörungstheorien kreieren. Erst müssen die Daten analysiert werden. Wichtig ist generell, dass man bei allen neu entdeckten Fällen, das Virus sofort sequenziert. Das gehört zur Schweizer Strategie. Wenn wir nur noch kleine Ansteckungsherde haben, ist es wichtig, dass man weiss, wie diese zusammenhängen. Das gilt vor allem auch in Bezug auf die Grenzen, die jetzt wieder geöffnet werden.

Sind die Grenzöffnungen noch ein Risiko?

Das System von Testen, Kontakte verfolgen, Isolation und Quarantäne ist etabliert, so dass wir davon ausgehen, dass es keine flächendeckende zweite Welle mehr geben wird, sondern vereinzelte Übertragungsnester. Darauf muss man in Grenzregionen besonders achten, damit man solche Nester und Einzelfälle früh entdeckt und gezielt Massnahmen ergreifen kann. Das Infektionsrisiko hat auch in den umliegenden Ländern stark abgenommen, auch da gibt es weniger Fälle. Deshalb kann man die Grenzöffnungen nun gut verantworten. In der Schweiz haben wir ein gutes System, mit dem man aufflackernde Nester schnell erkennen kann. Wir fahren mit dem Feuerwehrauto nicht erst los, wenn Vollbrand ist, sondern beim kleinsten Räuchlein.

Wann werden wir wieder um die Welt reisen können?

Eigentlich kann man das jetzt schon und das wird auch wieder vermehrt vorkommen. Dann braucht es Massnahmen, wie zum Beispiel die Leute zu beobachten, die am Flughafen ankommen. Wir empfehlen das Fiebermessen, um Kranke sofort isolieren zu können und deren Kontakte zu finden und zu testen. Menschen, die in die Schweiz reisen, empfehlen wir auch die Swiss Contact App runterzuladen. Gibt es in der Nachbarschaft wieder mehr Infektionen, müsste man sich in Intercity-Zügen und Flix-Bussen die Maskenpflicht überlegen.

Und in heikle Weltregionen?

Das Reisen in Weltregionen, wo die Ansteckungen aufsteigend oder konstant hoch sind wie in Latein- und Nordamerika ist nicht verboten. Aber wir empfehlen, ohne triftige Gründe nicht zu reisen. Jenen, die aus Krisengebieten kommen, raten wir nach der Rückkehr zu einer Selbstisolation.

Die Lockerungen sind jetzt schon eine Weile her, die Infektionszahlen sind trotzdem tief geblieben.

Die Lockerungen sind gut verlaufen. Dafür muss man den Leuten erstens zu ihrer Disziplin gratulieren. Zweitens zeigt sich, dass es richtig war, schrittweise zu öffnen.

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