Diese Ehre hat Chinas neue Führung seit ihrer Amtsübernahme im März bislang noch keinem Staatsoberhaupt zuteil kommen lassen. Staatsempfänge hat es seither in Peking zwar schon eine ganze Reihe gegeben. Bundespräsident Ueli Maurer wurde an seinem zweiten Tag in China aber nicht nur vom chinesischen Regierungschef Li Keqiang zu einem mehrstündigen Gespräch empfangen, sondern auch von Präsident Xi Jinping, dem Staatsoberhaupt der Volksrepublik.

Und weil Maurer als Bundesrat auch für die Verteidigung zuständig ist, hat ihn der chinesische Verteidigungsminister und mächtige General der Volksbefreiungsarmee, Zhang Wanquan, ebenfalls noch zu sich geladen. Maurer zeigte sich begeistert. Die Gespräche bezeichnete er als «sehr konstruktiv», «geprägt von einem gegenseitigen Vertrauen» und «herzlich». Er sei erstaunt, «in welcher Offenheit» sie stattgefunden hätten.

«Pragmatisch und realitätsnah»

Die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Volksrepublik erreichen mit diesem Besuch einen neuen Höhepunkt. Dabei ist es noch keine zwei Wochen her, dass Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann in Peking ebenfalls zu Besuch war, um nach fast dreijährigen Verhandlungen Chinas erstes Freihandelsabkommen mit einem kontinentaleuropäischen Land feierlich zu unterzeichnen. Maurer wollte offenbar die gute Stimmung nutzen, um die Gespräche fortzuführen. «Es gab fast schon philosophische Ansätze, die wir verfolgt haben», berichtete Maurer. Er beschreibt Xi, den nicht einmal die chinesische Öffentlichkeit bislang kennen gelernt hat, als «einen sehr charismatischen Führer», «pragmatisch» und «realitätsnah».

Im Mittelpunkt der Gespräche stand die weitere Ausgestaltung des am 6. Juni unterzeichneten Freihandelsabkommens. Neben dem Abbau von Zöllen auf landwirtschaftliche Produkte, Industriegütern und Dienstleistungen hat das Abkommen auch das Ziel, die besonders strittigen Fragen, etwa den Schutz des geistigen Eigentums und die Transparenz bei Subventionen und Herkunftsbezeichnungen, zu regeln. Besonders stolz ist die Schweizer Seite, dass es gelang, ökologische Standards zu vereinbaren.

Umweltschutz war denn das zweite grosse Thema. Maurer sieht für die Schweizer Umweltindustrie gute Chancen in China. «Unser Know-how ist hier sehr gefragt.» Auf seiner Weiterreise besucht er ab Freitag auch das Ökoforum in der südwestchinesischen Stadt Guiyang. Auf beiden Seiten sei man «hungrig» aufeinander, ist Maurer überzeugt. Das Freihandelsabkommen habe die Türen geöffnet. Sowohl Chinas Nationaler Volkskongress als auch das Parlament in Bern müssen dem Abkommen noch zustimmen. Beide Seiten rechnen damit, dass es 2014 in Kraft treten wird.

Finanzplatz gut im Rennen

Gute Chancen gibt Bundespräsident Maurer der Schweiz auch bei Chinas Suche nach einer neuen Drehscheibe für künftige Finanzgeschäfte in der chinesischen Währung, dem Yuan. Die chinesische Führung ist dabei, ihre bislang noch nicht frei konvertierbare Währung zu internationalisieren, und sucht nach attraktiven Standorten auch in Europa. Und die Schweiz, so Maurer, sei mit ihrem Wissen im Finanzbereich im Rennen gegen Frankfurt, Paris und London «bestens» aufgestellt.