Christian Nünlist

Zu Brunners eigentlichen Lebensaufgabe wurde aber die KSZE, die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, deren zentrale Bedeutung fürs Ende des Kalten Krieges in Europa immer mehr Historiker würdigen. Für die Schweiz war die Teilnahme an der multilateralen KSZE und im anschliessenden "Helsinki-Prozess" bis 1989 etwas ganz besonderes: Damals gehörte die Schweiz weder der UNO, den EG noch der Nato an. Doch die Schweiz war eines der wenigen Länder, die den Verlauf der KSZE entscheidend prägten. Edouard Brunner erwarb sich rasch den Ruf eines geschickten Vermittlers. Er verstand es, im Zeitalter der Ost-West-Konfrontation Allianzen zu schmieden und der kleinen Gruppe der Neutralen und Nichtgebundenen (N+N) überproportionales Gewicht zu verleihen.

Brunner erkannte als einer der ersten die Sprengkraft, die der Agendapunkt "Menschenrechte" besass. Er setzte sich deshalb auch dafür ein, aus der KSZE einen Prozess zu machen, mit Folgekonferenzen, an denen überprüft würde, ob die 34 Länder aus Ost und West die beschlossenen Prinzipien und Grundsätze auch umsetzen würden. Sein unerschütterlicher Glaube daran, mit Verhandlungen die Konfrontation in Europa überwinden zu können, wurde 1989 belohnt: Mit dem Fall der Berliner Mauer bekam der "politisch brillanteste Diplomat der Nachkriegszeit" (Franz Blankart) Recht.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.