Der frühere Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sagte es dermassen oft, dass man kaum mehr hinhören konnte: In der Schweiz herrsche beinahe Vollbeschäftigung. Schneider-Ammann verwies auf die Arbeitslosigkeit von knapp über zwei Prozent. Und man dachte: Ja, der Mann hat recht.

Nur ist das nicht die ganze Wahrheit. Denn: Die international vergleichbare Erwerbslosenquote liegt mehr als doppelt so hoch, bei 4,9 Prozent. Hierbei sind nicht nur die Leute vermerkt, die bei den Arbeitsämtern verzeichnet sind, sondern alle Stellensuchenden. So zum Beispiel Sozialhilfebezüger, berufliche Wiedereinsteiger oder all jene, die keine Lust auf den Gang zum Arbeitsamt haben. Die Quote von 4,9 Prozent klingt weit weniger gut und macht vor allem den Blick frei auf andere Länder. Und dieser ist alarmierend. Vor fünf Jahren noch hatte die Schweiz im Vergleich mit der EU die tiefste Erwerbslosenquote aller 29 Länder. Inzwischen ist sie auf den 13. Rang zurückgefallen. Vor ihr rangieren Länder, auf die man landläufig eher herunterblickt: Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Polen, Tschechien, Estland, Slowenien, Malta, Deutschland, Österreich Grossbritannien und die Niederlande. Wie konnte es zu diesem Abstieg kommen?

Für die SVP ist der Fall klar: Schuld ist der freie Personenverkehr zwischen der Schweiz und der EU. «Ältere Arbeitnehmer werden in der Schweiz zunehmend entlassen und durch günstige Ausländer ersetzt. Kein Wunder fallen wir im internationalen Vergleich zurück», sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter. Er nutzt die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik, um Stimmung für die SVP-Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit zu machen. Und sagt: «Der Konkurrenzdruck durch die Einwanderung ist zu gross geworden, wir müssen bei der Migration eine klare Linie ziehen.»

Folge der Zuwanderung?

So eingängig die Argumentation der SVP klingt, so umstritten ist sie bei Wirtschaftswissenschaftern. Arbeitsökonom Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat die These der SVP untersucht. Er sagt: «Wir konnten keinen Effekt der Zuwanderung auf die Arbeitslosigkeit feststellen.» Träfe die These der SVP zu, müsste die Arbeitslosigkeit vor allem in Berufen und Regionen mit grosser Zuwanderung angestiegen sein. Dies ist aber nicht der Fall. «Tendenziell fanden wir dort sogar einen Rückgang der Arbeitslosigkeit», sagt Siegenthaler. Dies zeige, dass die Zuwanderung vor allem dort stattfinde, wo der wirtschaftliche Bedarf gross sei. Siegenthaler räumt ein, dass in einzelnen Regionen wie im Tessin oder in Berufen wie dem Gastgewerbe eine gewisse Verdrängung stattfinden könne. «Gesamtwirtschaftlich ist die Einwanderung aber eindeutig eine Ergänzung zu den inländischen Arbeitskräften.»

Ähnlich äussern sich der emeritierte Arbeitsmarktökonom George Sheldon wie auch der Chefökonom der Economiesuisse Rudolf Minsch. Sie weisen auch darauf hin, dass mehr als die Hälfte der europäischen Zuwanderer einen Studienabschluss verfüge. Dagegen seien vor allem schlecht Qualifizierte von Arbeitslosigkeit betroffen.

Bleibt die Frage, weshalb die Schweiz so stark zurückgefallen ist. Für Sheldon liegt die Haupterklärung bei den osteuropäischen Staaten. «Dank der Personenfreizügigkeit konnten Länder wie Polen, Tschechien, Ungarn oder Rumänien ihre Arbeitslosigkeit exportieren», sagt er. Viele Arbeitskräfte hätten das Land verlassen: nach Grossbritannien, Schweden oder Irland, wo sie häufig als Handwerker eine Stelle fanden. Sheldon wertet das positiv. «Der Sinn der Freizügigkeit liegt ja gerade darin, dass Arbeitskräfte aus Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit in Länder umziehen, wo es einen grossen Bedarf gibt.»

Positive Entwicklungen anderswo

Minsch führt die höhere Arbeitslosigkeit der Schweiz vor allem auf das hohe Lohnniveau zurück. In Deutschland zum Beispiel arbeitet jeder fünfte Arbeitnehmer im Tieflohnsektor, in der Schweiz ist es nur jeder zehnte. Zwangsläufig schlecht sei das nicht, sagt der Chefökonom der Economiesuisse. An der Nachhaltigkeit des deutschen Jobwunders hat er Zweifel. «Es besteht die Gefahr, dass viele schlecht bezahlte Unqualifizierte bei der nächsten Rezession wieder ihren Job verlieren», sagt Minsch.

Siegenthaler sieht auch statistische Gründe für den Rückfall der Schweiz. Als erwerbslos gilt, wer in der repräsentativen Befragung angibt, keinen Job zu haben und einen Job zu suchen. Siegenthaler vermutet, dass heute deutlich mehr stellenlose Personen angeben, einen Job zu suchen. «Frauen zum Beispiel verlassen den Arbeitsmarkt nicht mehr, wenn sie den Job verlieren», sagt Siegenthaler. Eventuell führe auch der verstärkte Druck der Sozialversicherungen dazu, dass mehr Personen angeben, einen Job zu suchen und damit überhaupt in der Statistik auftauchen.

Insgesamt sieht keiner der drei Ökonomen ein Alarmsignal für die Schweiz. In erster Linie sind es denn auch die Fortschritte anderer Länder, welche die Schweiz schlechter aussehen lassen. Die hiesige Erwerbslosenquote hat sich dagegen kaum bewegt. Dies bemerken die Ökonomen mit Anerkennung, schliesslich nimmt die Schweiz jährlich Tausende von neuen Arbeitskräften auf. Für Sheldon ist die Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen gar die zentrale Grösse für die Stärke einer Volkswirtschaft. «Sie zeigt, dass die Schweiz weiterhin sehr konkurrenzfähig ist.»