Mauerfall
Ein Revolutionär im Staatsdienst

Er war knapp fünfzig, Vater und Grossvater, als er mit der friedlichen Revolution in der DDR einen «Frühling im Herbst» erlebte. Joachim Gauck war zehn Jahre alt, als sie seinen Vater abholten und nach Sibirien deportierten. 1953 erlebte er die brutale Unterdrückung des Aufstands der Arbeiter in Ostberlin mit. «Ich war ausser mir vor Aufregung und Erwartung», erinnert Gauck sich in seinen Memoiren.

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Joachim Gauck

Joachim Gauck

Keystone

Christian Nünlist

Später studierte er Theologie und wurde Pfarrer in Rostock. Von seinem Vater lernte er, auf Grundwerte zu vertrauen: Es gab Gott, Anstand, Gerechtigkeit und Wahrheit. Als immer mehr DDR-Bürger in den Westen flohen, darunter auch zwei seiner Söhne, entschied sich Gauck zum Verbleib im Unrechtsregime: «Es müssen doch welche bleiben, die dafür eintreten, dass am Ende die Wahrheit siegt», dachte er sich. Mit der Kirche im Hintergrund war es für den «Revolutionär im Staatsdienst» aber auch leichter. Gauck blieb im Osten, weil er in der Kirche einen Frei- und Schutzraum fand.

Buch- und Webtipps Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst (München: Siedler, 2009), 344 S., Fr. 39.90. Herbst 1989 in Rostock: Hier wird Geschichte geschrieben. Video-Interview mit einem Fotografen, der die Donnerstagsdemonstrationen fotografiert und gefilmt hat.Hier klicken für Video

Buch- und Webtipps Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst (München: Siedler, 2009), 344 S., Fr. 39.90. Herbst 1989 in Rostock: Hier wird Geschichte geschrieben. Video-Interview mit einem Fotografen, der die Donnerstagsdemonstrationen fotografiert und gefilmt hat.Hier klicken für Video

Die Rostocker sprangen erst spät auf den Zug der Revolution auf. Inspiriert von den Massenprotesten in Leipzig und Dresden, formierte sich im Oktober 1989 ein «Neues Forum» um Dietlind Glüer. Sie ging auch auf Gauck zu und forderte: «Joachim, du musst jetzt reden.» Am 19. Oktober hielt Gauck in seiner Marienkirche vor 5000 dicht gedrängten Besuchern einen Fürbitte-Gottesdienst ab. Seine Worte gaben den Bürgern Hoffnung, etwa als er Vaclav Havel zitierte: «Die Macht der Mächtigen lebt von der Ohnmacht der Ohnmächtigen.»

Schritt für Schritt wuchs Gauck 1989 in eine politische Rolle hinein. Er wurde einer von vier Unterhändlern zwischen Staat und Opposition. Er plädierte für Gewaltlosigkeit beider Seiten. Am 26. Oktober drängten 7000 Menschen in Gaucks Kirche, Tausende standen um die Kirche. Um 22 Uhr zogen 30000 Menschen los. Am 9. November sammelten sich 40000 Rostocker bei der Marienkirche, teilten zwei Volkspolizisten Gauck mit: «In Berlin fällt die Mauer.» Auch dank der Zivilcourage von Joachim Gauck.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.

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