Brügg im Berner Seeland hat sich selbst einen Ruck gegeben und will ausländischen Fahrenden während zweier Jahre einen Transitplatz zur Verfügung stellen. Das ist speziell, denn wo es um die Realisierung solcher Plätze geht, sind die Diskussionen in der Regel hitzig, die Widerstände erbittert.

So in der nur 17 Kilometer entfernt gelegenen anderen Seeländer Gemeinde Wileroltigen. Dort, auf einem Stück Land, das dem Bundesamt für Strassen gehört und direkt an der Autobahn A1 zwischen Murten und Bern liegt, will der Kanton Bern dauerhaft einen Transitplatz für ausländische Fahrende einrichten. Mit Protestbannern an den Häusern und Gülle auf den Feldern wehrten sich die Dorfbewohner letzten Sommer und brachten eine Gruppe französischer Roma schliesslich dazu, frühzeitig abzufahren. Der Kanton Bern indes hält an seinen Plänen fest.

Und so blickten die Wileroltiger letzte Woche interessiert nach Brügg, wo Gemeindepräsident Marc Meichtry die Bevölkerung über die Pläne der Gemeinde informierte. Zwar versuchten auswärtige Politiker der Jungen SVP Stimmung dagegen zu verbreiten und aus dem Vorhaben der Gemeinde politisches Kapital für die Berner Wahlen zu ziehen. Doch die Beobachter stellten erstaunt fest: Die Einwohner der 4300-Seelen-Gemeinde neben Biel tragen die Pläne der Gemeinde mit.

«Auch in Brügg haben wir eine SVP, und die Ablehnung gegenüber gewissen Ausländergruppen ist bei uns nicht weniger verbreitet als anderswo», sagt der parteilose Meichtry im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». «Die Bevölkerung steht jedoch hinter unserem Vorhaben, weil sie frühzeitig in die Pläne eingebunden worden ist und die Bewirtschaftung des Platzes auf zwei Jahre beschränkt wird.»

Marc Meichtry sieht darin denn auch eine erfolgsversprechendere Fahrenden-Strategie als jene des Kantons, «die die Bevölkerung mit pfannenfertigen Vorschlägen und grossen Plätzen in Kleinstgemeinden wie Wileroltigen vor den Kopf stösst». Meichtrys Rezept heisst Pragmatismus: «Wo sich zum Beispiel Brachen als Zwischennutzungen für solche Plätze anbieten, sollen die Gemeinden temporäre Projekte lancieren.» So rotiere die Verantwortung zwischen den Gemeinden, die Last werde aufgeteilt. Das habe nur Vorteile. «In Brügg meldeten sich Freiwillige für die Mithilfe. Zum Beispiel ein ehemaliger Inkassoweibel, der bei den Fahrenden die Gebühren eintreiben soll. Sei ein Platz hingegen dauerhaft geplant, melden sich doch kaum Freiwillige zur Mitarbeit, ist Meichtry überzeugt.

Der Brügger Vorstoss – nach Planierungsarbeiten und Verlegungen der Kanalisations- und Stromleitungen soll der erste Roma-Clan aus Frankreich Mitte April seine Wohnwagen auf dem temporären Platz abstellen – findet durchweg lobende Worte. Doch taugt er tatsächlich als Modell für andere Gegenden in der Schweiz, in denen es an Stellplätzen für die Fahrenden mangelt? Simon Röthlisberger bezweifelt es. Zwar lobt auch der Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende das Engagement der Gemeinde Brügg. Er wertet es aber in erster Linie als Versuch, die gemeindeeigenen Probleme zu lösen.

Brügg hatte in der Vergangenheit immer wieder Besuch von ausländischen Fahrenden, was mangels offiziellem Platz zu Konflikten mit der Bevölkerung führte. Gerade französische Roma-Gruppen zieht es häufig ins Berner Seeland. Trotzdem zweifelt Röthlisberger daran, dass temporäre Angebote die Probleme lösen. «Die Realisierung eines solches Platzes ist ein Kraftakt. Der Aufwand ist immens, der Kanton sowie Fachleute und die Nutzer selbst müssen mit einbezogen werden.» Schliesslich müsse ein Platz den Bedürfnissen der Fahrenden gerecht werden, damit diese ihn überhaupt nutzen und nicht auf umliegende, dafür nicht vorgesehene Flächen ausweichen.

Ein Engagement wie dasjenige der Brügger könne zwar Abhilfe schaffen. «Trotzdem braucht es mehr dauerhafte Lösungen. Deshalb werden in der Raumplanung vorgesehene und daher fixe Plätze sicher nicht obsolet», so Simon Röthlisberger.