Medizin

«Ein Meilenstein in der Behandlung von Hirnschlag-Patienten»

Das Mädchen wurde mit einer Beinverletzung ins Spital gebracht (Symbolbild)

Das Mädchen wurde mit einer Beinverletzung ins Spital gebracht (Symbolbild)

Geschwindigkeit zählt: Mit einer brandneuen Behandlungsmethode werden jetzt die Chancen verbessert, dass ein Hirnschlag ohne schwere Spätfolgen bleibt.

Plötzlich spürte Christina P., 48 Jahre alt, ihre rechte Hand und ihr rechtes Bein nicht mehr. Zugleich wirkte sie auf ihren Mann desorientiert, und auf seine Fragen gab sie nur wirre, unverständliche Antworten. Als die Symptome nach zehn Minuten nicht verschwanden, sondern sich eher noch verstärkten, alarmierte der verängstigte Ehemann die Sanitätspolizei.

Die Diagnose stand rasch fest: Hirnschlag, notfallmässige Einlieferung in das nächstgelegene Hirnschlagzentrum. «Bei solchen Symptomen gilt es, keine Zeit zu verlieren», betont Urs Fischer, Oberarzt Neurologie am Inselspital Bern. «Je rascher ein Hirnschlag optimal behandelt werden kann, desto besser stehen die Chancen, dass nicht nur das Leben, sondern auch die Lebensqualität der Betroffenen erhalten bleibt.»

Immer Jüngere sind betroffen

Gleich drei führende Plätze besetzt der Hirnschlag in der Schweiz: Er ist die dritthäufigste Todesursache, die zweithäufigste Ursache für Demenz und die häufigste Ursache für Langzeitbehinderungen.

Fachleute gehen von jährlich rund 16000 Hirnschlägen in der Schweiz aus, wobei das Risiko im höheren Alter zunimmt. Laut einer Studie der University of Cincinnati sind aber zunehmend jüngere Menschen betroffen: Zwischen 1993 und 2005 stieg die Anzahl der unter 45-jährigen Hirnschlag-Patienten von 4,5 auf 7,3 Prozent an, was bedeutet, dass in den nächsten paar Jahren jeder zehnte Betroffene jünger als 45 Jahre sein dürfte. Als Gründe dafür vermuten die Autoren die Zunahme von Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht.

Neue Methode spart Zeit

Die gute Nachricht: Einen akuten Hirnschlag kann man sowohl mit Medikamenten als auch mit einem Katheter (wie bei einem Herzinfarkt) behandeln. Das Hirnschlag-Zentrum des Inselspitals Bern, die Stroke Unit, bestehend aus einem Team von Neurologen, Neuroradiologen, Neurochirurgen und anderen Spezialisten, gehört zu den Pionieren der modernen Hirnschlagtherapie. Mit einer brandneuen Behandlungsmethode werden die Chancen verbessert, dass ein Hirnschlag ohne schwere Spätfolgen bleibt: Bei dieser Methode kann mit einem Spezial-Stent – das ist ein Drahtgeflecht in Form eines Tunnels, das in die Arterie eingeführt wird – das Blutgerinnsel ergriffen und innerhalb von etwa fünf Minuten herausgezogen werden.

«Das ist ein Meilenstein in der Behandlung von Hirnschlag-Patienten», sagt Gerhard Schroth, Direktor und Chefarzt des Universitätsinstituts für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie. «Damit können wir die verschlossenen Hirngefässe zu 90 Prozent innert kurzer Zeit öffnen.» Dies ist eminent wichtig in einem Bereich, in dem jede zusätzliche Minute grössere bleibende Schäden bedeuten kann und das Motto «Time is brain» lautet – Zeit ist Hirn.

Auch Aarau hat die Nase vorn

Das Stroke-Team am Inselspital Bern wendet die neuartige Methode seit einem Jahr an, hat bereits über 70 Patienten erfolgreich damit behandelt und leitet gegenwärtig gemeinsam mit dem Universitätsspital Genf die weltweit erste grosse Studie dazu. Die Stroke Unit des Kantonsspitals Aarau bietet die Behandlung mit dem neuen Spezial-Stent ebenfalls an. «Es besteht aber noch grosser Handlungsbedarf, was die Akutversorgung von Hirnschlag-Patienten angeht», betont Urs Fischer. «Noch längst nicht alle Hirnschlag-Patienten in der Schweiz werden in einem Hirnschlag-Zentrum behandelt.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1