Es ist gar nicht lange her, da war die Welt der schweizerischen Europa-Diplomatie noch in Ordnung. Mitte der 2000er-Jahre war das, die Zeit der grossen Annäherung: Ja zur Schengen-Mitgliedschaft, Ja zur Ausdehnung der Personenfreizügigkeit. Chef im zuständigen Integrationsbüro in Bern war Urs Bucher, ein drahtiger Mann mit Lachfalten um die Augen.

Im Hintergrund orchestrierte er die grossen Dossiers – unsichtbar, aber wichtig. 2010 übernahm er den Botschaftersitz in Japan. Doch nun kehrt er zurück und wird Chef der Schweizer Mission bei der EU. 2016 folgt er in Brüssel auf Roberto Balzaretti. Damit übernimmt er den schwierigsten Posten, den es in der hiesigen Diplomatie derzeit gibt.

Urs Bucher ist ein Diplomat der alten Schule, der 53-Jährige drückt sich gewählt aus und wird als umgänglich beschrieben. «Ein feiner Mensch mit feinen Manieren», sagt ein langjähriger Weggefährte. Ein Stichwort reiche, und Bucher könne etwas dazu erzählen, ohne seine eigene Haltung in den Vordergrund zu rücken. Zudem habe Bucher verinnerlicht, sagt der Weggefährte, dass gute Ideen nicht immer von oben kommen müssen. «Aber er weiss auch, dass die Leitplanken der Aussenpolitik nicht von Botschaftern gesetzt werden.»

Sein Spielraum ist begrenzt

Urs Bucher durchlief die typische Karriere eines Diplomaten. Der Solothurner studierte Rechtswissenschaften und trat 1990 in den diplomatischen Dienst. Von 1996 bis 2010 befasste er sich mit Europa-Politik, die meiste Zeit davon in Brüssel. Unlängst wurde er gefragt, wie es jetzt mit der Schweiz und Europa weitergehe. Er antwortete trocken: «Wir werden mit unseren europäischen Nachbarn immer einen Weg finden, um im Geschäft zu bleiben.»

Politisch interessiert war Urs Bucher schon im Gymnasium. Das erzählt der Solothurner Stadtpräsident und FDP-Nationalrat Kurt Fluri, der Bucher seit ihrer gemeinsamen Jugendzeit kennt. «Ich empfand ihn immer als weltgewandt.» Und als Diplomat sei ihm nicht entgangen, dass ein Blick über Europa hinaus manchmal helfe. Ein weiterer Vertrauter Buchers aus Solothurn ist Walter Steinmann. Der Direktor des Bundesamts für Energie sieht den richtigen Mann am richtigen Ort: Urs Bucher habe die Reife, «seine neuen Aufgaben mit Ruhe und Gelassenheit anzugehen».

Das kann er gut brauchen: Buchers Mission in Brüssel wird erschwert durch die komplizierte Organisation der Schweizer EU-Diplomatie. Für die Gesamtverhandlungen mit der EU etwa ist Staatssekretär Jacques de Watteville zuständig, für die institutionellen Fragen der Diplomat Henri Gétaz, für die Personenfreizügigkeit der Staatssekretär Mario Gattiker. Sie alle sind aber in Bern stationiert. Deswegen muss der Schweizer Missionschef in Brüssel dafür sorgen, dass er nicht auf einmal aussen vor bleibt. Der Missionschef ist ein wichtiger Akteur in den bilateralen Beziehungen, doch sein Spielraum ist begrenzt.

Obwohl die Spezialdossiers von Berner Diplomaten betreut werden, muss der Missionschef alles überblicken. Er bereitet Treffen von EU-Vertretern und Bundesräten vor, pflegt die Kontakte zu den Diplomaten und beobachtet die Entwicklungen im europäischen Raum. Gleichzeitig verschafft er der Schweiz in der EU und in den Mitgliedsländern Gehör – was aufwendiger geworden ist, seit die EU auf mittlerweile 28 Mitglieder gewachsen ist.