Multiple Allergien

«Ein Leben ohne Schmerzen kenne ich nicht»: Diese Schweizerin lebt wegen ihrer Krankheit unter freiem Himmel in Australien

Nur am Meer ist für die Goldacherin Karin Ochsner ein Alltag beinahe ohne allergische Reaktionen möglich.

Nur am Meer ist für die Goldacherin Karin Ochsner ein Alltag beinahe ohne allergische Reaktionen möglich.

Karin Ochsner leidet an multiplen Allergien. Ein Leben in einem Haus ist für die Lehrerin aus Goldach unmöglich geworden. Am Meer und unter dem freien Himmel Australiens geht es ihr am besten. Über die Frau und ihre extreme Krankheit soll jetzt ein Film gedreht werden.

Als Kind habe sie immer darüber gestaunt, wenn andere Kinder mühelos einen Hügel hinaufspringen konnten. «Ich dachte dann: Wow, ich muss auch mental stärker werden», sagt Karin Ochsner. Dass ihre Schulgspänli im Gegensatz zu ihr keine Schmerzen litten, war für sie nicht vorstellbar. «Ein Leben ohne Schmerzen kenne ich nicht. Kranksein war immer normal.»

Auch ihr Vater war krank, der Bruder immer kränklich. «Nach der Schule bin ich oft daheim zusammengebrochen, nach dem Essen vor Müdigkeit fast im Stehen eingeschlafen.» Am wohlsten sei es ihr im Wasser gewesen, schon immer. Dort fühlte sie sich einigermassen gesund.

Allergisch auf die eigenen Bakterien

Seit früher Kindheit leidet Karin Ochsner an Allergien. Mit den Jahren kamen immer mehr Auslöser für allergische Reaktionen dazu. Nicht nur in Nahrungsmitteln, sondern auch in Staub, Schimmel, Holz, Erdölprodukten, chemischen Stoffen, Papier und Plastik. Seit ein paar Jahren hat sich eine der Allergien sehr verschärft: Karin Ochsner reagiert stark auf ihre eigenen Bakterien, die sich zum Beispiel in ihrem Schweiss befinden.

Die Auswirkungen der Allergien zeigen sich in Lunge, Magen und Darm. Sie leidet an Schmerzen, Atemschwierigkeiten, extremen Verdauungsproblemen. Ihre Haut und Schleimhäute sind betroffen, die Allergien haben auch Auswirkungen auf das Gehirn, so hat sie zeitweise Schwierigkeiten beim Sprechen oder wird bewusstlos.

Bereits im Alter von elf Jahren hat ein Lungenspezialist ihre Lunge mit derjenigen eines 69-jährigen Kettenrauchers verglichen.

Die Ursache ihrer multiplen Allergien ist unklar. Fachleute vermuten einen Zusammenhang mit den starken Immunblockern, welche ihr Vater, einer der ersten Nierentransplantierten, einnehmen musste. Ihre Mutter neigt zudem ebenfalls zu allergischen Reaktionen.

Natur und Meer

«Immer, wenn wir verreisten, fühlte ich mich besser», erinnert sich Karin Ochsner. Ihr Immunsystem beruhigte sich in einer neuen Umgebung für etwa drei Wochen. Als sie sich während ihrer Ausbildung zur Primarlehrerin in Rorschach längere Zeit in Frankreich am Meer aufhielt, ging es ihr, die immer überdurchschnittlich oft fehlte in der Schule, erstaunlich gut.

Bei einem Besuch ihrer Stiefschwester in Australien spürte sie, wie gut ihr die Natur, das Meer tun. Um sich ein Lebens in der Natur in Australien zu ermöglichen, bildete sie sich auf komplizierten Wegen zur Erlebnispädagogin und zum Outdoor Educator aus und brach schliesslich ihre Zelte in der Schweiz ab.

Den Beruf als Erlebnispädagogin und Outdoor Coach kann die Lehrerin nicht mehr ausüben.

Den Beruf als Erlebnispädagogin und Outdoor Coach kann die Lehrerin nicht mehr ausüben.

Seit nunmehr 17 Jahren lebt die 43-jährige Karin Ochsner in Australien, auf der anderen Seite der Welt. Ein Leben fernab von Zivilisation und von normalen Behausungen. «In einer Stadt zu leben ist mir unmöglich geworden», sagt sie am Telefon. Während des Gesprächs sitzt sie unter der Terrasse eines abgelegenen Hauses. Ihre Mutter, die sie in Australien besucht, hat das Haus gemietet. Doch Karin Ochsner ist es nur schwer möglich, sich im Innern des Hauses aufzuhalten.

Meist schläft Karin Ochsner draussen unter einer Blache.

Meist schläft Karin Ochsner draussen unter einer Blache.

Arbeit als Surflehrerin

Trotz der schwierigen Voraussetzungen hat sie an der Universität Brisbane ihr Masterstudium in Umwelterziehung mit Auszeichnung abgeschlossen. Zudem absolvierte sie diverse Ausbildungen in Outdoor Sport und Wilderness Survival und liebte ihren Beruf als Coach in der Wildnis. Doch heute ist es ihr nicht mehr möglich, ihren Beruf auszuüben. «Das einzige, was ich noch machen kann, ist meine Tätigkeit als Surflehrerin, weil das Salzwasser eine heilende und antibakterielle Wirkung hat.» War Wellensurfen anfangs nur ihr Hobby, hat sie heute die höchste Ausbildungsstufe erreicht und ist nun Senior Surf Coach.

Die Arbeit als Surflehrerin ist das einzige, was ihr bleibt.

Die Arbeit als Surflehrerin ist das einzige, was ihr bleibt.

Es sei schwierig, ihre Krankheit verständlich zu machen. «Viele Menschen dachten anfangs, dass ich an einem psychischen Problem leide. Doch heute ist meine Krankheit anerkannt, ich trage einen ärztlichen Ausweis auf mir und ein Armband, auf dem steht, was in einem Notfall zu tun ist.» Das sei überlebenswichtig, denn ihre Krankheit sei ihr nicht anzusehen.

Wenn Karin Ochsner an einem akuten Allergieanfall leidet, kann sie zeitweise kaum sprechen, taumelt wie eine Drogensüchtige – und wird dann oft auch so behandelt. Mit gefährlichen Auswirkungen. Vor einem halben Jahr sei sie fast gestorben, weil sie an einer akuten Lungenentzündung erkrankte. Schlimm seien auch die Brände in Australien gewesen, dem Rauch habe sie nicht entfliehen können, ihre Lungen schmerzten.

Fünf Nahrungsmittel auf dem Speisezettel

Fünf Nahrungsmittel kann Karin Ochsner noch ohne Nebenwirkungen zu sich nehmen.

Fünf Nahrungsmittel kann Karin Ochsner noch ohne Nebenwirkungen zu sich nehmen.

Ihr Leben ist ein täglicher Überlebenskampf. «Ich muss unglaublich viel Zeit darin investieren, verschiedenste Techniken anzuwenden, welche mir das Überleben ermöglichen.» Derzeit kann sie noch wenige Lebensmittel essen: Weisse Bohnen und Artischocken aus der Büchse, Hanfsamen, Tigernuts und getrocknete Kokosnüsse. Und sie kann nur noch biologisches Kokosnusswasser und speziell gefiltertes Wasser trinken. Trotz der Einsamkeit, der Entbehrungen und Schmerzen sagt Karin Ochsner:

Der einzige Grund, weshalb sie noch am Leben sei, sei die Unterstützung ihrer Freunde. «Sie stehen hinter mir, stärken mich mental und helfen mir auch materiell.» Nicht immer einfach sei es für sie, von ihren Freunden abhängig zu sein, ihnen weniger zurückgeben zu können, als sie von ihnen erhalte.

Es waren denn auch ihre Freunde, die beschlossen, eine Website zu gestalten und einen Film über Karin Ochsners Überleben und ihre Krankheit zu drehen. Ein Film, der verständlich machen soll, wie herausfordernd ihr Leben ist und wie ihre Lebenshaltung andere inspiriert. Mit einem Crowdfunding soll die Finanzierung des Filmprojektes gesichert werden.

www.mehr-als-ueberleben.ch

Expertin für Allergien: «Der Lebensqualität von Personen mit multiplen Allergien ist extrem eingeschränkt»

Noemi Beuret

Noemi Beuret

Noemi Beuret ist Expertin bei aha! Allergiezentrum Schweiz. Ihr sind mehrere Personen mit multiplen Allergien bekannt. Es könne für Erkrankte durchaus Sinn machen, in einem anderen Land zu leben und so einigen Allergenen auszuweichen.

Kennen Sie Fälle von Menschen, die praktisch auf alles allergisch reagieren und denen deshalb ein Leben in unserer Gesellschaft fast unmöglich geworden ist?

Noemi Beuret: Ja, uns sind einige Betroffene mit multiplen Allergien bekannt. Ihre Erkrankung schränkt ihre Lebensqualität massiv ein; der Alltag wird zur Herausforderung.

Was sind mögliche Therapien, die man bei starken Allergien anwenden kann?

Grundsätzlich gilt es, den Allergieauslöser zu meiden. Zur Behandlung von allergischen Symptomen kommen Antihistaminika oder Kortisonpräparate zum Einsatz. Starke Allergiker und Allergikerinnen benötigen für Notfallsituationen gar Adrenalin aus einer Fertigspritze. Je nach Allergieauslöser kann auch eine Desensibilisierung – eine spezifische Immuntherapie – angegangen werden. Dabei wird das Übel direkt an der Wurzel angepackt.

Macht es Sinn, in einem anderen Land zu leben, um Allergenen auszuweichen?

Wenn der Leidensdruck immens ist, kann es je nach Allergieauslöser Sinn machen, in einer anderen Umgebung zu leben. Doch wichtig zu wissen: Im neuen Umfeld gibt es wiederum andere potenzielle Allergieauslöser, die Probleme bereiten können.

Welches sind mögliche Gründe oder Auslöser, weswegen ein Mensch solch starke Allergien entwickelt?

Die Bereitschaft, eine Allergie zu entwickeln, ist angeboren – also eine familiäre Vorbelastung. Man spricht von einer Atopie oder atopischen Krankheit. Es können weitere Faktoren mitspielen, ob eine Allergie auftritt oder nicht. Über die Gründe dafür, wie stark jemand reagiert, ist bis heute wenig bekannt.

Es scheint, dass Allergien in unserer Gesellschaft generell zunehmen – weshalb ist das so?

Die Gründe sind in unserem westlichen Lebensstil zu finden: Wir halten unseren Hygienestandard so hoch, so dass das Immunsystem weniger mit echten Erregern konfrontiert ist und sich darum gegen harmlose Stoffe wehrt. Zudem bringt uns unser vielseitiger und exotischer Speisezettel mit mehr möglichen Auslösern in Kontakt. Und: Die Veränderung des Klimas bringt neue Pflanzen in unsere Breiten und damit neue Pollen. Auch die Luftschadstoffe haben Auswirkungen: Sie können Pollen aggressiver machen und die Atemwege zusätzlich reizen.

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