Reportage

Ein langsames Erwachen aus der Coronakrise: Der lange Weg zur Normalität

Die Schweiz öffnet sich wieder, doch Tag eins nach dem Lockdown zeigt auch: Bis zur Normalität ist es noch ein weiter Weg.

6 Uhr, Ebikon, Luzern

Die zwei alten Freunde konnten es kaum erwarten. Und so stehen sie schon am Netz des Tennisclubs Ebikon, als der Tag erst ein paar Stunden alt ist. Die beiden spielen seit acht Jahren zusammen Tennis. Corona hat sie jetzt zwei Monate lang daran gehindert, und auch an diesem Morgen ist noch längst nicht alles so, wie es früher einmal war.

Bevor die beiden zum ersten Mal aufschlagen, verzichten sie auf den Handshake, der eigentlich üblich ist. Auch Stoppbälle, mit denen sie sich sonst gerne über den Platz jagen, unterlassen sie, so haben sie das vorher vereinbart. Schliesslich gilt noch immer: Abstand halten, mindestens zwei Meter. Nur unter dieser Bedingung erlaubt der Bundesrat seit gestern den Breitensportlern in der Schweiz wieder Trainings. Allerdings nur in Kleingruppen bis fünf Personen – und ohne Körperkontakt. Für die zwei Tennisspieler in Ebikon ist das weniger ein Problem als für Fussballer. Nach 50 Minuten beenden sie ihr Spiel. Und gehen zur Arbeit.

7 Uhr, Rheinfelden, Aargau

Auf der A3 in Richtung Basel brauchen Pendler Geduld: Ab der Einfahrt Rheinfelden Ost stauen sich die Autos. «Es ist ein bisschen wie früher», sagt der Moderator im Radio. Es stockt auf der A4 vor Winterthur, auf dem Zürcher Nordring, in die Stadt Zürich hinein und auf der A3 bei Basel. Allerdings: Noch sind längst nicht alle aus dem Homeoffice zurück. Nur von einem «leichten Anstieg des Verkehrsaufkommens» spricht Lidia Pereira Martinez von Viasuisse. Vor allem in der Region Zürich seien mehr Menschen mit dem Auto unterwegs gewesen. Im Tessin und in der Westschweiz sei es bei der Einreise zu Wartezeiten gekommen.

10.30 Uhr, Zürich

Am Eingang des Buchhändlers Orell Füssli steht eine Ampel, ihr Signal leuchtet gerade grün. Sie soll verhindern, dass sich zu viele Kunden gleichzeitig im Laden aufhalten. Zehn pro Quadratmeter, mehr geht nicht. Im Falle des Buchladens nahe der Zürcher Bahnhofstrasse bedeutet das: maximal 150 Personen. Ein Infrarotsensor zählt am Ein- und Ausgang mit.

Die Filiale von Orell Füssli ist so etwas wie ein Musterknabe, doch ein Gang durch die Zürcher Innenstadt zeigt, dass es längst nicht alle so genau nehmen mit ihrem Schutzkonzept. Es gibt einige wenige Geschäfte, die so tun, als wäre alles wie früher. An deren Türen nicht einmal eines der Coronaposter klebt, an die man sich schon fast gewöhnt hat. Dann gibt es jene Läden, die einen Zettel ins Schaufenster gehängt haben: Maximal 5 Personen heisst es dann dort zum Beispiel. Und dann sind da noch jene, die auf sicher gehen. In denen Plexiglasscheiben vor der Kasse aufgebaut sind und das Personal Schutzmasken trägt, etwa in der Dior-Filiale an der Bahnhofstrasse, wo ein Mann im Anzug Einlass gewährt.

11.40 Uhr, Zürich

Vor der Bierstube Scheidegg im Herzen von Zürich-Wiedikon sitzen an vier Tischen verteilt ein paar Stammgäste. Sie sind froh, dass ihre Kneipe nach acht langen Wochen wieder geöffnet ist. Getrunken wird Weisswein, Bier und Kafi Schnaps. Als ein heftiger Regenguss niedergeht, flüchten die meisten ins Innere. Zwei ältere Männer bleiben draussen sitzen und rauchen. Ihr Platz liegt unter einem Vordach im Trockenen. Einer trägt eine verwaschene Jeansjacke, der andere sitzt auf seinem elektrischen Rollstuhl. Der Gesprächsstoff ist ihnen wenige Stunden nach Ende des Lockdowns bereits wieder ausgegangen.

12.30 Uhr, Bern

Ein bisschen Tanzsaalgefühl im Restaurant Obstberg, der viele Platz, plötzlich, und das Servicepersonal, das so freundlich lächelt, keine Ahnung, ob immer schon, oder heute noch ein bisschen mehr, weil endlich wieder Gäste kommen. Desinfektionsmittel am Eingang, weisse Tischtücher, Sicht auf den Garten, das Menu wird auf dem iPad präsentiert, wer mag, kann sich mittels QR-Code registrieren lassen. Das Salz und die Pfeffermühle erhalten die Gäste bloss auf Anfrage, weil alles vom Personal desinfiziert werden muss, was der Gast in den Händen hielt. Es gibt Cordon bleu mit Pommes Alumettes, mancher gönnt sich mittags schon den Dreigänger, was solls, man lebt nur einmal, endlich wieder was Ordentliches auf dem Teller, man bleibt länger sitzen.

14.45 Uhr, Zürich

Es ist der Tag der Öffnung, der Tag des Aufbruchs, doch Vincenzo Lucente spürt davon noch nicht viel. Lucente, graues Haar, distinguierter Auftritt, führt in der Nähe des Paradeplatzes ein Herrenbekleidungsgeschäft. Jetzt steht er auf edlem Teppichboden, lässt den Blick durch den leeren Laden schweifen und sagt, es sei ein langsamer Start, aber damit habe er gerechnet.

Während in einer Ikea-Filiale in der Agglomeration die Leute in langen Schlangen stehen, herrscht in vielen Zürcher Läden vor allem eines: gähnende Leere. Das ist auch in den hippen Stadtkreisen 4 und 5 so. Dort sagt eine Ladenbesitzerin etwas trotzig, so schlecht laufe es gar nicht, es sei ein normaler Montag, etwas unterdurchschnittlich vielleicht, mehr nicht. Eines aber zeigt dieser Tag der Öffnung: So richtig in Kauflaune sind die Leute noch nicht, und es ist auch nicht so, dass jetzt nachgeholt wird, was zwei Monate lang nicht möglich war. Vielleicht liegt das auch am Einkommensverlust der Haushalte. Die Credit Suisse beziffert ihn für die zwei Monate Lockdown auf 15 Milliarden Franken. Ladenbesitzer Vincenzo Lucente hat eine andere Erklärung. Er glaubt, dass es noch am Vertrauen fehlt. «Alles braucht seine Zeit, aber die Leute kommen schon wieder, wenn sie sich sicher fühlen», sagt er.

15.30 Uhr, im ganzen Land

Und plötzlich sind sie wieder da, die Kinderschreie, die über Pausenplätze hallen. Es ist ein besonderer Schultag, der zu Ende geht. Rund 650000 Kinder durften wieder zur Schule, zum ersten Mal seit fast zwei Monaten. Einige von ihnen hatten vielleicht ein wenig Mühe mit dem Aufstehen. Doch auf die Schule haben sie sich fast immer gefreut, und das nicht zu knapp. Auch wenn dort vieles anders ist als vorher.

In manchen Schulen sitzen die Kinder jetzt alleine an Pulten, die weit verstreut im Klassenzimmer verteilt sind. In anderen stehen Plexiglasscheiben vor dem Pult des Lehrers, und eine rote Linie zeigt den Schülern, wie nahe sie ihm kommen dürfen. Es gibt Schulen, in denen die Klassen sich auf dem Pausenplatz besammeln müssen. Kantone, in denen nur Halbklassen unterrichtet werden. Und überall wird eines gross geschrieben: das gründliche, ausgiebige Händewaschen. Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Lehrerverbands, sagt, dass sich viele Kinder und Lehrer auf die Schule gefreut hätten. Die Schutzkonzepte einzuhalten, sei aber «eine grosse Herausforderung» für die Lehrer.

17.30 Uhr, Zürich

Langsam geht es heimwärts, die Trams und Busse sind voller als auch schon, und auch Masken sieht man nun häufiger. Doch klar ist auch eines: Die dringende Empfehlung, zu Stosszeiten Masken zu tragen, sie wird als das interpretiert, was sie eben ist: eine Empfehlung. Kann man machen, muss man aber nicht. Das beobachtet man auch bei den Postautos. Selbst im Tessin betrug laut einer Schätzung der Anteil der Maskenträger nur 20 bis 30 Prozent.

Die Passagierzahlen haben gestern zugenommen, beobachtet das Personal der SBB – wenn auch im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten auf tiefem Niveau. Noch Ende April fehlten 70 Prozent der üblichen Pendler. Am Montag stiegen die Passagierzahlen in den S-Bahnen laut einem SBB-Sprecher stärker als im Fernverkehr. Auch in den Postautos sitzen wieder mehr Menschen, doch bewegt sich die Zahl der Passagiere bei maximal 50 Prozent im Vergleich zu normalen Zeiten. Etwas enger, sagt ein Sprecher, sei es auf gewissen Linien aber schon geworden.

Autor

Kari Kälin

Autor

Dominic Wirth

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